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17. Dezember 2011 18:44 Uhr

Neuburg

Rauhnächte: Bei Dunkelheit kommt das Unheimliche

Um die Rauhnächte ranken sich Legenden und Aberglaube. Es sind Geschichten über Dämonen und verstorbene Seelen, die in Rauhnächten Ausgang aus dem Geisterreich haben. Von Barbara Würmseher

Um Rauhnächte ranken sich Legenden.

Schaurig-schön waren die Geschichten, die Georg Stegmeyers Großmutter einst über jene finsteren und kalten Winternächte erzählt hat, die zwischen Weihnachten und Heilig-Drei-König liegen. Rauhnächte werden sie genannt und in so manchen Landstrichen wird ihre Mythologie bis heute zelebriert. Da stampfen verkleidete Gestalten in Tierfellen mit gruseligen Larven vor den Gesichtern durch die Straßen, schwenken Fackeln oder tanzen ums Feuer. Doch während etwa im Bayerischen Wald oder im Bodensee-Raum der Kult lebt, ist in unserer Region dieses Brauchtum nahezu vergessen. Es existiert nur noch in Erinnerungen an Geschichten, die von Generation zu Generation überliefert worden sind.

Georg (88) und Luise Stegmeyer (79) aus Hardt wissen da so manches aus zweiter Hand zu berichten. Denn schließlich wollte es die Großmutter mit eigenen Augen gesehen haben, als sie Mitte des 19. Jahrhunderts ein junges Mädchen war: Vom Burgholz, dem Burgwaldberg, seien sie damals herunter gekommen – wüste Gestalten, Geister auf einem Heuwagen. „Und sie hatten Fackeln dabei und Musik und haben ein rechtes Getöse gemacht. Das konnte man von Feldkirchen aus beobachten. Aber wohin sie gezogen sind – das weiß man nicht.“

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Was Georg Stegmeyers Großmutter ihrem Enkel einst voller Schauder so bildreich geschildert hat, das war der Legende nach „’s wilde Gjack“ – die wilde Jagdgesellschaft verstorbener Seelen und Dämonen, auch heidnischer Götter, die in den Rauhnächten Ausgang aus dem Geisterreich hatten.

Ein Licht und eine Ohrfeige  am Feichtlerberg

Wenn man früher in den Familien so beisammengesessen ist an langen Winterabenden in der Stube – ohne technische Errungenschaften wie etwa den Fernseher –, sind Geschichten und Legenden zur Sprache gekommen. Auch Georg und Luise Stegmeyer sitzen in ihrer Küche unter dem Herrgottswinkel und kramen in ihren Erinnerungen, um diese Erzählungen aufzufrischen.

Erzählungen wie etwa die vom „Feichtlerberg“ – dem Fichtenberg bei Feldkirchen. Dort an einer kleinen Erhebung neben einer Senke, soll sich Unheimliches zugetragen haben. „Da haben früher neben der Straße Fichten gestanden“, erzählt Georg Stegmeyer. „Und dort ist es passiert.“ Der Postillon sei des Wegs gekommen, als er seine Briefe befördert hat. Und weil eben dort an jenem Feichtlerberg ein unerklärliches Licht – eine Kerze oder eine Laterne – gebrannt habe, habe er angehalten, um nachzuschauen. „Aber kaum war er abgestiegen, da hat er auch scho a heftige Watsch’n bekommen“, schildert Georg Stegmeyer. Von wem? Das liegt im Dunkeln.

Für das einfache Volk war in den Rauhnächten, jenen längsten Nächten des Jahres, der Spuk allgegenwärtig. So rankt sich auch um Wagenhofen eine recht mysteriöse Episode. „Dort hat der Hausbauer gewohnt, ein großer Bauer, bei dem es allweil umgangen ist“, weiß Georg Stegmeyer zu erzählen. „Irgendein Pfarrer hat dann versucht, dem Spuk ein Ende zu setzen. Es ist ihm gelungen, den Geist in eine Flasche zu sperren.“ Um das Böse weit wegzubringen, hat der Bauer eine Kutsche angespannt, mit der er die Flasche mitsamt ihrem fürchterlichen Inhalt fortzubringen wollte. „Doch es hat vier Pferde gebraucht, um den Wagen bewegen zu können“, erzählt Stegmeyer weiter. „Und diese Pferde sind ordentlich ins Schwitzen geraten, so sehr haben sie sich anstrengen müssen.“ An einem einsamen Flecken im Donaumoos – „bei einem Baum, von dem man nimmer genau weiß, wo der steht“ – war die Fahrt dann zu Ende. Der Flaschengeist wurde im Moor vergraben.

Die Kinder haben sich nicht auf den Friedhof getraut

Georg Stegmeyer und seine Frau Luise sitzen in ihrer gemütlichen Küche, als sie von all diesem Unheimlichen erzählen. Weit weg scheinen die Dämonen jetzt zu sein, „aber als Kinder hat uns das schon Angst gemacht“, schildert Luise. „Wir haben uns in dieser Zeit auch nicht auf den Friedhof getraut. Da hätt’ ja jemand kommen können.“

Mitunter hat es aber auch eine ganz einfache Erklärung für vermeintlich übersinnliche Erscheinungen gegeben. Zum Beispiel für diese Anekdote, die Georg Stegmeyers Mutter Susanne Schnepf auf ihrem Bauernhof in Stengelheim passiert ist: „Es war nachts, sie war schon im Bett, als sie plötzlich einen Druck auf der Brust gespürt hat. ’Das war die weiße Frau’, hat sie an einen Geist geglaubt. Später hat sich dann herausgestellt, dass es glücklicherweise nur die Katze war.“

Um sich nicht völlig ohnmächtig den magischen Kräften der vermeintlichen Dämonen der Rauhnächte hinzugeben, haben die Bauern einst versucht, religiöse Mächte entgegenzusetzen. Georg Stegmeyer war dabei, als sein Vater am Dreikönigstag eine Zeremonie veranstaltet hat. „Die ganze Familie war im Stall. Mein Vater ist vorausgegangen mit einer Schale voller Glut und Weihrauch und wir haben alle ein „Vater unser“ gebetet, damit unsere Tiere gesund bleiben.

Die Geschichten weitertragen

Bald ist sie wieder, die Zeit der Rauhnächte. Jener dunklen, langen Nächte, die so gut geeignet sind, um zusammenzusitzen und sich Geschichten zu erzählen. Die geeignet sind, das weiterzutragen, was man sich früher berichtet hat, was die Großmutter an ihren Enkel weitergegeben hat. Damit die Legenden nicht in Vergessenheit geraten.

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