Samstag, 25. März 2017

22. August 2014 00:33 Uhr

Erinnerungskultur

Wie ein Nadelstich im Gedächtnis

In Pfaffenhofen wird im September das Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus eingeweiht. Entworfen hat es der Ingolstädter Künstler Thomas Neumaier Von Silke Federsel

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Es soll ein „Störfaktor“ sein, sagt der Künstler Thomas Neumaier. – Seit einiger Zeit durchbohrt ein riesiger Stahlträger das Haus der Begegnung in Pfaffenhofen. Der Koloss ist Teil eines Denkmals für die Opfer des Nationalsozialismus, das Neumaier entworfen hat und das im September eingeweiht wird. Neben dem Stahlträger werden zwei große Bildtafeln und ein Bilderfries die Hauswand des Gebäudes säumen. Darauf zu sehen: Opfer und Täter der NS-Zeit, die in Pfaffenhofen und in der Umgebung lebten.

Eines dieser Opfer der Verfolgung war Pfarrer Korbinian Aigner, der seit 1923 unermüdlich in seinen Predigten gegen die Nationalsozialisten wetterte, ihre Verbrechen zutiefst verurteilte und sich weigerte, die Hakenkreuzflagge zu hissen. Die Folgen waren: zunächst Geldstrafen, dann Strafversetzungen, wenig später wurde Aigner zu einer Haftstrafe verurteilt und schließlich ins Konzentrationslager Dachau verschleppt. Auf einem der berüchtigten Todesmärsche gegen Kriegsende nach Tirol gelang dem Geistlichen – der aufgrund seiner Aquarelle und seiner Apfelbaumzüchtungen auch als „Apfelpfarrer“ bekannt ist – die Flucht. Sein Porträt wird ebenso Teil des Denkmals sein wie das von Theodor Traugott Meyer, der Adjutant und „Schutzhaftlagerführer“ in mehreren Konzentrationslagern war und als verurteilter Kriegsverbrecher 1948 in Danzig hingerichtet wurde.

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Fotos von Tätern und Opfern

Die Fotos von Tätern und Opfern in einem Denkmal: Passt das zusammen? „Ich habe exemplarische Lebensläufe ausgewählt, um zu zeigen, was einem in dieser Zeit hat passieren können. Man hat sich auf die eine oder andere Seite schlagen können“, erklärt Neumaier. Seine Auswahl könne keinen Anspruch auf Vollständigkeit haben. Vielmehr habe er bei den Opfern gewissermaßen Vertreter verschiedener Gruppen auswählen wollen. Dazu gehören unter anderem regimekritische Geistliche, politische Gegner und Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft verfolgt wurden – so wie die jüdischen Eheleute Regina und Siegfried Schloss. Sie fand in Auschwitz den Tod, er wurde in Theresienstadt ermordet.

Bei seinen Recherchen hat sich Neumaier vor allem auf das Buch „Pfaffenhofen unterm Hakenkreuz“ von Reinhard Haiplik gestützt: „Haiplik war der Initiator, der vor einigen Jahren gefordert hat, dass die Geschichte aufgearbeitet werden muss und gezeigt hat, dass Pfaffenhofen eine Hochburg des Nationalsozialismus war“, erklärt Neumaier. Nach einigen Diskussionen und einem Ideenwettbewerb stimmte der Stadtrat schließlich vergangenes Jahr einstimmig für Neumaiers Entwurf. Den Standort für sein Mahnmal hat der Künstler dabei nicht zufällig gewählt. Im Haus der Begegnung ist auch die Stadtbibliothek untergebracht, das kollektive Gedächtnis der Stadt sozusagen. Durch dieses bohre sich nun der Stahlträger wie eine Akkupunkturnadel und soll an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern, sagt Neumaier. Auch die Umgebung ist nicht unwichtig. „Ganz in der Nähe soll Hitler in einer Brauerei sein Programm vorgestellt haben und die Nationalsozialisten haben sich damals unweit des heutigen Denkmals getroffen“, erklärt er.

Als sich Neumaier dazu entschied, die Verbrechen der Täter auf den Bildtafeln dazustellen, äußerten Kritiker Bedenken, denn es würden noch Familienangehörige leben, die damit lieber nicht konfrontiert werden wollten. „Wir leben in einem Rechtsstaat und hier gibt es, anders als in einer Diktatur, keine Sippenhaft. Niemand kann etwas dafür, wenn sein Großvater bei der SS war“, sagt Neumaier. Sein Ziel sei die Versöhnung: „Aber das kann nicht geschehen, wenn man die Geschichte unter den Teppich kehrt. Das ist lange genug passiert“.

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