Donauwörth Nordschwabens freundliche Mitte ist reich an Geschichte. Seine wechselhafte reichsstädtische Vergangenheit, seine Klosterhistorie, seine kunstgeschichtliche Entwicklung wurde vielfach durchforscht, trotzdem ist sie noch längst nicht in allen Facetten ausgeschöpft. Nun scheint sich eine Lücke zu schließen - denn mit den archäologischen Ausgrabungen am Mangoldfelsen blickt Donauwörth rückwärts zu den Wurzeln, zu ihrem Ursprung. Deren Ergebnisse bestätigen nämlich archivalische Zeugnisse, wie Univ.-Doz. Dr. Wolfgang Czysz im Gespräch mit unserer Redaktion verdeutlicht.



Der Denkmalschutz ist zwar schon seit 1917/19 staatlich legitimiert. Aber trotzdem gibt es immer wieder Kommunen, die hier eigene Zuständigkeiten entwickeln, obwohl sie nicht über das notwendige Spezialwissen verfügen. Daher traten auch in Donauwörth zunächst gewisse Probleme auf, als mit den Arbeiten für das geplante "Forum für Bildung und Energie" (VHS-Haus) im Spindeltal begonnen werden sollte (wir berichteten).
Zwar ist in dem Areal am Mangoldfelsen in den 1950er Jahre eine Grundschule gebaut worden, "aber damals hatte man andere Sorgen, als sich um den Denkmalschutz zu kümmern", meint Czysz, Referatsleiter beim Landesamt für Denkmalpflege in Bayern.
Die Bombardierung in den letzten Apriltagen 1945 hatte dort alles in Schutt und Asche gelegt (Standort von neun Häusern). Dr. Czysz erläutert: "Wenn heute ein Denkmal als Baufläche benötigt wird, dann wird dafür eine Ersatzleistung erforderlich. Und das ist eine sachgemäße Ausgrabung durch die Archäologie." Bezahlen muss dies der "Veranlasser", also die Stadt. Grundsätzlich sehe man es heute oft lieber, wenn solche "Dokumente" im Schutz der Erde verbleiben, "aber die Kommune hat dadurch Wertbeständiges und Neues für ihre Geschichte bekommen".
Mit den Grabungen auf der "Bürg", so die einstige Straßenbezeichnung, wurde im März angefangen. Und schon bald gab der Untergrund wichtige Erkenntnisse frei. Da war das große Felsmassiv im nördlichen Teil. "Das ist geologisch höchst interessant, denn es wurden Schliffspuren entdeckt. Das heißt, der Fels wurde durch den Meteoriteneinschlag im Ries - vor etwa 15 Millionen Jahren - verschoben".
Turm auf Felskopf errichtet
Diese Felsnase war die Basis für einen Burgturm, der im 10. oder 11. Jahrhundert errichtet worden ist. Verwendet dafür wurden römische Spolien. "Für uns war dies eine unerwartete Information. Das heißt nämlich, der damalige Burgherr hatte Zugriff auf die antike Tempelanlage in Faimingen (Landkreis Dillingen) und es musste wohl einen florierenden Handel mit diesen Steinen gegeben haben".
Belegt ist die Burg durch eine Urkunde von 1030. Kaiser Konrad II. (1024-1039) bestätigt dem dort residierenden Adeligen, Mangold I. von Werd, Rechte, die bereits dessen Vater Aribo hatte: Markt-, Zoll- und Münzrecht und dazu das Privileg, an den drei ersten Maitagen einen Markt abhalten zu dürfen.
Mangold, der den Kreuzpartikel nach Donauwörth brachte, baute ein kleines Kloster in der Beringung der Burg. Czysz: "In den Analen heißt es, dass es 'böse Leute' 1070 zerstört hätten. Wir sind im Untergrund auf eine Brandschicht gestoßen, die aus dieser Zeit stammen könnte. Definitives aber müssen erst die weiteren Untersuchungen ergeben". Bisher ging man von inneren Zerfallserscheinungen im Frauenkonvent aus.
Zankapfel im Machtdreieck
Die Burg auf dem Mangoldfelsen dürfte, so der Wissenschaftler, einst "eine wirklich imponierende Anlage" gewesen sein. In der Stauferzeit hatte der Turm über dem "Felskopf" immerhin eine Grundfläche von rund 70 Quadratmetern und die Burgmauer "war extrem tief fundamentiert". Sie war immer wieder ein Zankapfel im Streit der Herzogtümer Franken, Schwaben und Bayern, "sicherte sie doch den wichtigen Flussübergang".
Ebenso wurde sie, nachdem die Mangolde im Mannesstamm ausgestorben waren, verpfändet - zum Beispiel von Konradin an Herzog Ludwig von Bayern, seinem Onkel, für seinen Zug nach Italien, wo er 1268 am Schafott endete. Und 1256 lässt eben jener Ludwig seine Gemahlin Maria von Brabant auf der Mangoldsburg enthaupten ...
Das Ende der Anlage, "von zwei Burggräben geschützt", wird mit der Belagerung durch Albrecht I. im Jahr 1301 eingeläutet: "Wir haben im Burggraben eine ganze Reihe von Armbrustbolzen und sogenannten 'Krähenfüßen' gefunden". Man sei auf Holzreste gestoßen, die damals verbaut worden sind. "Ferner auf Ledersohlen und botanische Reste. Diese sind vor allem für die Frage interessant, ob der Graben mit Wasser gefüllt war, wie es damals bei Burgen üblich war". Auch nach der Schleifung der Anlage ging dort das Leben weiter - das bürgerliche nunmehr. Die an der späteren Stadtmauer "klebenden" Latrinen bestätigten dies ebenso wie beispielsweise die Werkstatt eines Renaissance-Töpfers.
"Wir können bereits jetzt konstatieren, dass sich unser Wissen über die Geschichte der Burg und damit über Donauwörth selbst extrem verbessert hat". So sei unzweideutig, dass das "städtische" Leben nicht auf der Insel Ried entstand - "vielleicht gab's da mal ein paar Fischer" -, sondern die Keimzelle war das Areal bei der heutigen Kapellstraße bis zur Wörnitzbrücke. Die einstige Hauptstraße war die jetzige Kronengasse, die direkt zum Kloster Heilig Kreuz führte, so Czysz. Für diese These spreche im Übrigen der Stadtname: "Werd" heiße so viel wie "Gelände über dem Wasser, etwas erhöht".
Vermutlich noch bis Ende September werden die Archäologen vor Ort tätig sein. Danach geht es an die Aufarbeitung der Artefakte, und welche Schlüsse daraus zu ziehen sind: "Es bleibt jedenfalls sehr spannend". Eines kann Dr. Czysz bereits heute versprechen: "Es wird eine Rekonstruktionszeichnung von der Burg angefertigt, was aber sicherlich etwas dauern wird." Und wenn das VHS-Haus gebaut wird, wird dort eine Möglichkeit geschaffen, "in die Geschichte der Stadt", sprich in den Untergrund zu blicken ...
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