Mittwoch, 18. Oktober 2017

22. November 2013 07:00 Uhr

Transplantation

Ein Mann beschließt zu sterben

Das Leben eines 30-Jährigen aus dem Ries ist ein einziger Kampf gegen seine Nierenkrankheit. Jahrelang wartet er auf ein Spenderorgan. Jetzt mag er nicht mehr

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Seit zwölf Jahren wartet ein 30-jähriger Rieser auf eine Spenderniere. Er war über viele Jahre auf die tägliche Blutreinigung (Dialyse) angewiesen, um zu überleben. Jetzt hat er resigniert. Heute geht er ins Hospiz.
Foto: dpa

Nördlingen Vor wenigen Wochen hatte der junge Mann aus dem Ries seinen 30. Geburtstag. Seine Lebensbilanz: „Ich habe 30 Jahre lang gegen die Krankheit gekämpft.“ Mehr als ein Drittel dieses Lebens, zwölf Jahre lang, wartete er auf eine zweite Spenderniere. Vergeblich. Jetzt mag er nicht mehr warten. Und er mag nicht mehr leben.

Seit einer Woche verweigert er die Dialyse, am Mittwoch ließ er sich im Transplantationszentrum München von der Warteliste für Spendernieren streichen, heute geht er in ein Hospiz außerhalb des Rieses. Der Anlass war die Entfernung der Bauchfelldialyse, die er zehn Jahre lang über sich ergehen lassen musste: Nachts wurde durch einen Schlauch im Bauch während des Schlafes elf Stunden lang das Blut gereinigt; zehn Jahre lang Nacht für Nacht. Das ertrug er auf Dauer psychisch nicht mehr, sein Leben lang war immer wieder Krisenintervention nötig, weil dieses Leben nicht auszuhalten war. Kurz vor dem Geburtstag bekam er einen Katheder in den Hals, der wurde wenige Tage später wieder gezogen. Man reaktivierte Anfang letzter Woche einen „Shunt“, zwei Nadeln in Vene und Arterie des Armes, durch die das Blut entnommen, gereinigt und wieder eingeflößt werden sollte. Hier ging etwas schief, eine Nadel durchstieß eine Ader, vielleicht auch einen Nerv. Die Schmerzen erinnerten an die Situation vor elf Jahren. Und sie sagten dem jungen Mann vielleicht, dass es immer so weitergehen würde mit dem Kampf und dem Warten.

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Nach fast zwölf Jahren Warten die Hoffnung aufgegeben

„Nach fast zwölf Jahren hat man einfach die Hoffnung aufgegeben, dass noch etwas Passendes kommt.“ Verbitterung bahnt sich den Weg: „Ich mag nicht mehr. Ich habe die Schnauze voll.“ Als er letzte Woche die Dialyse verweigert, meldet sich eine Nervenärztin bei Amtsarzt Dr. Rainer Mainka, ob aufgrund dieser bewussten Gefährdung des eigenen Lebens eine Einweisung in eine Nervenklinik nötig sei. Mainka prüft den Fall juristisch und kommt zu dem Schluss: „Sein Wunsch zu sterben ist zu respektieren.“ Er wirkt auf den Mann ein, in ein Hospiz zu gehen und die Verweigerung von Dialyse und ärztlicher Hilfe detailliert schriftlich in der Art einer Patientenverfügung niederzulegen - aufgrund der unterlassenen Dialyse ist täglich mit einer Bewusstseinseintrübung bis hin zum Koma zu rechnen. Das Schreiben enthält auch den Hinweis für den Notarzt, lebensrettende Maßnahmen zu unterlassen.

Wie sieht das Leben aus, das der junge Mann jetzt zu Ende gehen lassen will? Der Kampf beginnt schon am Tag der Geburt, er kommt mit Zystennieren zur Welt. Die ersten sieben Monate verbringt er in einer Augsburger Kinderklinik. Dort habe man seinen Bluthochdruck, der wohl die Niere weiter angriff, nicht ausreichend behandeln können. Er verliert seinen Schluckreflex, wird bis zum Alter von vier oder fünf Jahren mit Magensonde ernährt. Ab dem sechsten Lebensjahr muss er ein Mal pro Woche zur Dialyse nach München-Schwabing.

Mit neun Jahren wird ihm eine Spenderniere transplantiert. „Auch mit neuer Niere ist man chronisch krank“ – diese Erfahrung muss er als Kind machen. Immer wieder muss er ins Krankenhaus, fehlt viel in der Schule, bekommt Ärger, wechselt die Schule, nimmt Hausunterricht. Er hat keinen Hauptschulabschluss, macht eine Lehre als Landwirt. Mit Achtzehn versagt die Spenderniere nach knapp neun Jahren, er muss erneut zur Blutwäsche ins Krankenhaus, nach zwei Jahren für ein Jahrzehnt die allnächtliche Bauchfelldialyse. Er kommt auf die Warteliste für eine neue Spenderniere. Fünf bis sechs Jahre beträgt die Wartezeit, heißt es. Vor einem Jahr wird der Organspendeskandal publik. Die Spendenbereitschaft sinkt rapide, die durchschnittliche Wartezeit steigt auf acht bis zehn Jahre. Da wartet der Mann bereits seit elf Jahren. „Ein Privatleben findet nicht statt“, resümiert er. Die Dialyse lässt keinen Raum zum Leben. Urlaub? Zuletzt über Silvester 2001/02 mit einem Freund ein paar Tage in Hamburg.

"Es ist alles da, um Leben zu retten. Es fehlt nur an der Spendenbereitschaft"

Partnerschaft, Familie? Nicht mit einem Schlauch, der elf Stunden am Tag im Bauch steckt. Freunde? Ein Schulfreund ist ihm geblieben. Aktivitäten? Engagement in einer sozialen Einrichtung, so gut es geht. Es ist traurig. Zu traurig. In ein paar Tagen ist es vorbei. Aber nicht, weil eine Spenderniere gefunden wurde. „Vielleicht kann dieses Schicksal dazu beitragen, die Spendenbereitschaft zu erhöhen“, hofft Amtsarzt Dr. Mainka. „Es ist alles da, um Leben zu retten, Dialyse- und Transplantationszentren, auch genug Geld. Es fehlt nur an der Spendenbereitschaft.“

Deutschland stand im Vergleich der europäischen Länder schon länger sehr weit hinten an, was die Spendenbereitschaft betrifft, so der Amtsarzt. Aber nach dem Organspendenskandal, der vor einem Jahr bekannt wurde, sank selbst diese niedrige Bereitschaft nochmals um 30 Prozent.

Der junge Mann, der heute ins Hospiz einzieht, kann nicht verstehen, wie gleichgültig sein Leben so vielen anderen Menschen ist.

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