Montag, 24. Juli 2017

17. Juni 2013 18:37 Uhr

Festakt

Er hätte auch heute noch viel zu sagen

300 Gäste feiern den 100. Geburtstag des unvergessenen Dichters Michel Eberhardt Von Ronald Hummel

i

Nördlingen Vor einem Jahrhundert wurde er geboren, vor 37 Jahren starb er. Dass sich der Rieser Heimatdichter Michel Eberhardt durch sein Werk unvergesslich gemacht hatte, sah man schon vor Beginn der vom Verlegerehepaar Fritz und Helga Steinmeier initiierten Geburtstagsfeier im Nördlinger Ochsenzwinger – 300 Gäste waren gekommen; mehr hätten in den Jugendstil-Saal beim besten Willen nicht mehr gepasst.

Auf sie wartete ein perfekt inszeniertes Programm. Die Nördlinger Musikanten Alfred Pichl, Hans Sturm, Werner Eisenschink und Joachim Gericke spielen flott und volkstümlich zugleich Weisen von Helmut Scheck. Zur Laudatio flankieren Stadtarchivar Wilfried Sponsel und der Sohn des Jubilars, Reinhard Eberhardt eine Leinwand, auf der historische Darstellungen den Inhalt dokumentieren.

ANZEIGE

Mit zwölf Jahren die ersten Werke geschrieben

Im Wechselspiel beleuchtet Sponsel Leben, Denken und Fühlen des Dichters, Reinhardt Eberhardt untermalt den Vortrag mit Zitaten aus dem Werk des Vaters.

Sponsel schildert, wie der Vater des Dichters, Michael Eberhardt senior, die geistige Grundlage schuf, indem er eine hochkarätige und für einen einfachen Bauernhaushalt völlig unübliche Bibliothek mit 500 anspruchsvollen Werken anlegte. Auch mit der Mutter habe man über Kälberaufzucht und Goethe gleichermaßen plaudern können.

Derart in Literatur und Bauernalltag hinein geboren, schrieb der Sohn schon mit zwölf Jahren erste Werke, wagte aber erst mit 22 Veröffentlichungen in Ostschwäbischer Zeitung, Rieser Nationalzeitung und dem Bändchen „Bei os d’rhoemt“ im Eigenverlag.

Schon im Jahr darauf veröffentlicht der Nördlinger Verlag Georg Wagner einen umfangreichen Gedichtband, 1938 ist Eberhardt zuständig für Mundartforschung und -pflege im Rieser Heimatverein.

Er distanziert sich klar von der „Blut-und-Boden“-Mentalität der Nazis, sieht nicht den Übermenschen, sondern den mit der Heimat verwurzelten Mitmenschen. Er zeigt sich politisch interessiert, lauscht Radioreden, besucht Fackelzüge und andere Veranstaltungen, bleibt aber immer objektiver Beobachter. Der lärmenden Kriegsbegeisterung konnte auch er sich nicht entziehen, doch er spricht Vorahnungen erstaunlich offen aus: „Leb wohl, du gute Zeit“, zitiert ihn Reinhard Eberhardt aus dem letzten Gedicht vor Kriegsausbruch. Oft hört man, wie im Publikum vertraute Zeilen, die Reinhard Eberhardt rezitiert, mitgesprochen werden.

Als Soldat an Ost- und Westfront, in Frankreich, Italien, Polen und Russland münzt er das eingetrichterte Pflichtbewusstsein auf seine Bestimmung um: „Ich will meinem Volk dienen, habe ihm noch viel zu sagen.“ Als er ahnt, wohin der Weg führt, bricht er sein Kriegstagebuch demonstrativ ab; die Schlacht um Monte Cassino, als Bomber das Kloster zerstören, bezeichnet er „Als Untergang des Abendlandes“.

Von der Muse nicht verlassen

1948 kehrt er aus französischer Kriegsgefangenschaft zurück, mit erweitertem Horizont, „von der Muse nicht verlassen“. Nahtlos geht die Vorkriegs-Karriere weiter: Eberhardt macht sich in den Rieser Nachrichten als verschmitzter „Schnoka-Karle“ unsterblich, obwohl er lange anonym bleibt. Die „Schwäbische Weihnacht“ verfasst er für den Nördlinger Trachtenverein, im Jahr darauf kommt sie als Hörspiel im Radio. 200 Beiträge werden im Süddeutschen und 100 im Bayerischen Rundfunk gesendet, er füllt die Zeitungen der Region, der Steinmeier Verlag bringt fünf Bücher von ihm heraus.

Tief dringt er in die bäuerliche Mentalität ein

Tief dringt er in die bäuerliche Mentalität ein, verfällt nie ins Romantisieren, beschreibt den technischen Umbruch zwischen Arbeitserleichterung und Entfremdung. „Er hätte uns auch heute noch viel zu sagen gehabt“, schließt Sponsel aus dieser Haltung.

Für die Alte Bastei in Nördlingen schreibt er das Stück „Friedrich von Hürnheim“; es wird 1957 von Hans Rubin inszeniert. Und auch als Archäologe geht er dem Heimatboden auf den Grund.

Seiner Lebensgeschichte bleibt ein Happy End versagt

Seiner Lebensgeschichte bleibt ein Happy End versagt: 1972 begeht seine Frau Lina Selbstmord. Ihre Depression konnte sie nicht bewältigen, und doch nahm sie an der Arbeit ihres Mannes durch Rückmeldungen Anteil und hielt ihm den Rücken frei, indem sie ihn bei der Feldarbeit entlastete. Michel Eberhardt kommt über den Tod der geliebten Frau nicht hinweg, trinkt, muss immer wieder im Nervenkrankenhaus Günzburg behandelt werden. 1976 stirbt er.

Die geniale Symbiose dargestellt

Nach der Pause wird Michel Eberhardts geniale Symbiose von literarischem Anspruch und bäuerlicher Seele, poetischem Tiefsinn und spitzbübischem Humor direkt dargestellt: Der Nördlinger VAN-Schauspieler Toni Schneider, die Löpsinger Schauspieler Gudrun Gebert-Löfflad und Jörg Förschner sowie Reinhard Eberhardt als Sprecher führen das Hörspiel „Adam ond Eva em Paradies“ auf.

Adam mit recht menschlichem Charakter

Der Sohn des Dichters unterstreicht, wie sehr seinem Vater die christliche Mythologie des Schöpfungsaktes gefiel, weil Gott genau wie ein Bauer mit seiner Arbeitskraft die Natur gestaltete. In den Sündenfall wirkt er die Beziehungspsychologie zwischen Mann und Frau auf sehr humorvolle Art ein, wenn auch Passagen wie vom „Verstand-Ersatz“, mit dem sich die Eva begnügen muss, heute arg machohaft wirken.

Toni Schneider legt die Strenge Gottes in seine sonore Stimme, Jörg Förschner gibt dem Adam einen recht menschlichen Charakter – mal verunsichert, mal selbstzufrieden und genussfreudig, angesichts des Sündenfalls neugierig und dann, als alles zu spät ist, vorwurfsvoll.

Spagat zwischen mythischer Eva und schwäbischer Hausfrau

Und Gudrun Gebert-Löfflad schafft mühelos den Spagat zwischen der mythischen Eva und der schwäbischen Hausfrau, die tüchtig ihr Zeug zusammenhält, aber schnell auch anspruchsvoll werden kann, wenn sich die Dinge dementsprechend gut entwickeln.

Da drängt und keift sie, wird angesichts der Frage, warum denn gerade der eine Apfelbaum verboten sein soll, von unerträglicher Neugier geplagt, wiegelt ihr schlechtes Gewissen ab, schiebt am Schluss natürlich dem Mann die Schuld zu, lenkt von sich selbst ab.

Auch Anfang- und Schlusspunkt passen: Nördlingens Oberbürgermeister Hermann Faul würdigt bei der Begrüßung Michel Eberhardt als Menschen, der die Rieser Mentalität aufsaugt und sie den Riesern als Spiegel vorhält.

Kreisheimatpfleger Herbert Dettweiler hüllt dieses Bild beim Schlusswort in passende Verse des Dichters:

Es führt a alter Brunnaschacht

Tiaf nei en Volk ond Leba.

Aus deam kascht schöpfa Tag ond Nacht,

Er will no allweil geba.

i

Ihr Wetter in Nördlingen
24.07.1724.07.1725.07.1726.07.17
Wetter Unwetter
                                                Wetter
                                                Regenschauer
	                                            Wetter
	                                            Gewitter
                                                Wetter
                                                Regen
Unwetter12 C | 18 C
11 C | 16 C
13 C | 16 C
Das Wetter aus Ihrer Region
Nachrichten in Ihrer Region
Augsburger Allgemeine Aichacher Nachrichten Augsburger Allgemeine Donau Zeitung Donauwörther Zeitung Friedberger Allgemeine Günzburger Zeitung Illertisser Zeitung Landsberger Tagblatt Mindelheimer Zeitung Mittewlschwäbische Nachrichten Neu-Ulmer Zeitung Neuburger Rundschau Rieser Nachrichten Schwabmünchner Allgemeine Wertinger Zeitung

Alle Infos zum Messenger-Dienst
Bauen + Wohnen

Unternehmen aus der Region


Adressen für Ihre Gesundheit2

Partnersuche