Mittwoch, 16. August 2017

17. April 2015 00:31 Uhr

Geschichte

Erinnerung an ein Menschheitsverbrechen

In der Synagoge Hainsfarth spricht Dr. Distel über die Erinnerung an Dachau Von Ernst Mayer

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Barbara Distel, deutsche Kuratorin und Publizistin, arbeitete zwischen 1964 und 1967 maßgeblich am Aufbau der KZ-Gedenkstätte Dachau mit. In der ehemaligen Synagoge Hainsfarth - hier begrüßt von der 1. Vorsitzenden des Freundeskreises Sigrid Atzmon (links) - informiert sie über die Bedeutung der Gedenkstätte.
Foto: Mayer

Die ehemalige Leiterin der KZ-Gedächtnisstätte Dachau, Dr. Barbara Distel, gab in der ehemaligen Synagoge Hainsfarth einen Rückblick auf 50 Jahre Aufklärung und Erinnerungsarbeit an diesem Ort. Für KZ-Häftlinge habe sich das Sterben bis zur endgültigen Befrei-ung der 67655 Häftlinge des KZs am 25. April noch lange hingezogen. Es seien noch mindestens ein Drittel davon durch Krankheit und Erschöpfung gestorben. Schon nach dem ersten Nachkriegsjahrzehnt habe aber nichts mehr an das Konzentrationslager erinnert. Um mit der „Diffamierung“ des Dachauer Landes Schluss zu machen, habe man versucht, alle baulichen Überreste möglichst schnell verschwinden zu lassen. Bemühungen das Gedenken aufrecht zu erhalten, hätten in der Politik und in weiten Teilen der Bevölkerung kein Echo gefunden, ein schmerzliches Erlebnis für die Überlebenden.

Ein Zusatzabkommen zu den Pariser Verträgen habe aber schließlich doch den Fortbestand des gesamten Krematorienbereichs gesichert. Die Gründung eines Häft-lingskomitees sei ein bedeutsamer Schritt auf dem Weg zur Errichtung einer Gedächtnisstätte gewesen, dem sich im Jahr 1959 ein bayerisches Kuratorium aus Vertretern öffentlicher Einrichtungen angeschlossen hätten, in der Forderung nach einer würdigen Stätte des Gedenkens. In einer Vereinbarung mit der bayerischen Staatsregierung wurde auf dem Gelände des Häftlingslagers eine große Dokumentarausstellung eingerichtet und am 9. Mai 1965, dem 20. Jahrestag der Befreiung, eingeweiht.

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Sakralbauten der katholischen und evangelischen Kirche und eine jüdische Gedenkstätte sowie ein Mahnmal der Überlebenden-Gemeinschaft seien seit 1960 bis 1968 entstanden. Während die deutsche Mehrheitsgesellschaft und das lokale Umfeld zu der Zeit dem noch indifferent bis ablehnend gegenüber gestanden sei, habe sich dies in den Jahren 1975 bis 1985 grundlegend geändert, was sich in einer dramatischen Zunahme der deutschen Besucher dokumentierte. Vor allem eine überproportionale Zunahme der deutschen Schulklassen und Jugendgruppen. In den Jahren zuvor hätten didaktischen Konzepte zur Vermittlung dieser Geschichte ge-fehlt, bei den neuen Lehrern und den Schülern hätte sich nun ein Interesse an den Verfolgungsschicksalen und am Anhören der Zeitzeugen entwickelt, wodurch sich die Gedenkstätte zu einem Ort der Begegnung zwischen den Generationen entwickelt habe. Es seien auch die Schicksale der „vergessenen Opfer“, wie Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Kranke und Behinderte oder Homosexuelle in den Blickpunkt des Interesses gerückt, außerdem die tausenden KZ-Außenlager. Eine wesentliche Aufarbeitung habe sich durch das Erinnerungsprojekt „Dachauer Todesmarsch“ ergeben, ein Gedenken an den mörderischen Leidensweg, der die Häftlinge in den letzten Kriegstagen des April 1945 ins Ungewisse führte, und der durch Denkmale in den am Weg liegenden 22 Gemeinden nachvollzogen wurde.

Seither habe sich in Dachau vieles verändert. Es gebe zwar nach wie vor noch Ablehnung, doch hätte nach einem Wechsel der Generationen das Interesse an der Arbeit der Gedenkstätte zugenommen: jährliche Jugendbegegnungen, vor allem mit israelischen Jugendlichen, zahlreiche Erinnerungsprojekte in der Stadt Dachau. Die politischen Umwälzungen des Jahres 1989 hätten nicht nur die Verantwortung des gesamten Deutschlands für alle auch danach entstandenen KZ-Gedenkstätten hervorgehoben, sondern auch die Forschung der Geschichte befördert.

Im Frühjahr 2003 wurde eine neue Dauerausstellung eröffnet, bei der nun die Einzelschicksale der Gefangenen, ihre Erfahrungen mit Gewalt und Terror mit einem Besu-cherkonzept in den Mittelpunkt gestellt wurden. Für die Gesellschaft der Bundesrepublik stelle sich die Frage, ob es den Gedenkstätten weiterhin gelingen werde, jungen Menschen die Lehren aus der Geschichte der nationalsozialistischen Verbrechen für ihr eigenes Leben zu vermitteln. (emy)

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