Freitag, 19. Dezember 2014

11. September 2013 06:58 Uhr

Zwölf Stämme

Erschütternde Aufnahmen zeigen Misshandlungen

Die Videobeweise eines Reporters zeigen, wie systematisch Kinder in der Sekte im Ries misshandelt werden. Nächste Woche beginnen die Anhörungen der Eltern. Von Anika Taiber

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Im bayerischen Klosterzimmern lebt die umstrittene Glaubensgemeinschaft der «Zwölf Stämme».
Foto: Daniel Karmann (dpa)

Das kleine Mädchen mit der blauen Hose weint laut. Seine Angst ist nicht zu überhören. Die Frau mit dem Baby auf dem Arm zeigt sich völlig unbeeindruckt. Sie zieht dem Mädchen die Hose herunter, die Schläge einer Rute knallen auf die nackte Haut. Das Mädchen schluchzt, schreit. Die Frau schlägt weiter.

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"Zwölf Stämme": RTL-Reporter dokumentiert Misshandlungen

Szenenwechsel, ein Mädchen mit blonden Zöpfen betritt den Kellerraum. Fahles Licht beleuchtet die Szene aus einem dunklen Gang heraus. „Ich bin nicht müde“, weint das Mädchen. Eine Frau sitzt auf dem Stuhl vor dem Mädchen, wiederholt immer wieder: „Sag: Ich bin müde!“ Am Anfang entgegnet das Mädchen noch: „Nein.“ Nach mehreren Rutenschlägen wimmert sie undeutlich „Ich bin müde.“

Die Erziehungsmethoden der Sekte „Zwölf Stämme“ erschüttern. Was die heimlich gedrehten Szenen des Reporters Wolfram Kuhnigk am späten Montagabend im RTL-Magazin Extra zeigen, ist wohl der von Behörden lange gesuchte Beleg für die systematische Misshandlung der Kinder in der „urchristlichen Glaubensgemeinschaft“. Kuhnigk berichtet, er habe insgesamt 84 Stockhiebe an zwei Tagen aufgenommen, davon 81 auf das Gesäß, drei auf die geöffnete Hand eines Jungen. Verschiedene Erwachsene, überwiegend nicht die Eltern, schlagen demnach verschiedene Kinder. Damit konfrontiert Kuhnigk im Film Alfred Kanth, Fachbereichsleiter Jugend und Familie am Landratsamt Donau-Ries. Der ist sichtlich erschüttert: „Sie predigen Frieden und quälen ihre Kinder. Ich bin fassungslos.“

Menschen in der Umgebung sind aufgebracht

Die Videos von Kuhnigk waren nicht alleine ausschlaggebend für die Aufnahme des neuen Ermittlungsverfahrens, sagte Matthias Nickolai, Sprecher der Augsburger Staatsanwaltschaft. Aber sie haben wohl vieles ins Rollen gebracht: Wie Helmut Beyschlag, Direktor des Amtsgerichts Nördlingen, erklärte, hätten Familienrichter das Material gesehen, geprüft, ob es original ist und dann die Ermittlungen intensiviert. Sie mündeten am vergangenen Donnerstag in einer Polizeiaktion, in der die Kinder der Sekte, zwölf in Wörnitz (Kreis Ansbach) und 28 in Klosterzimmern (Kreis Donau-Ries), abgeholt und auf Pflegefamilien und öffentliche Einrichtungen verteilt wurden.

Wie sehr der Fernsehbericht die Menschen in der Umgebung des Sektenanwesens beschäftigt, zeigte ein Polizeieinsatz in der Nacht auf Dienstag: Nach Angaben der Polizei fuhren gegen 1 Uhr mehrere Bürger mit ihren Autos zum Gut Klosterzimmern. Die aufgebrachten Bürger machten demnach durch Hupen und Hin- und Herfahren mit quietschenden Reifen auf sich aufmerksam. Die Polizei sprach einen Platzverweis aus. Ebenfalls in der Nacht wurden die Schaufenster der ehemaligen Gaststätte der Zwölf Stämme in Nördlingen mit einer rotbraunen, klebrigen Substanz verschmiert.

Anhörung der "Zwölf Stämme" beginnt kommende Woche

Die Sekte äußerte Unverständnis über die Inobhutnahme ihrer Kinder. Gegenüber unserer Zeitung sagte ein Sektenmitglied, die Bibel würde klar verlangen, Kinder streng zu züchtigen, wenn man sie liebe.

Die Anhörungen der Eltern laufen nach Beyschlags Angaben zu Beginn der kommenden Woche an. Die Kinder selbst erhalten unterdessen vielfältige Unterstützung. Gabriele Hoidn, Sprecherin des Landratsamts Donau-Ries, sagte, den Pflegefamilien stünden Betreuungsdienste mit Kinderpsychologen zur Seite. Außerdem versuche man, Pflegefamilien für die zu finden, die in Heimen untergebracht sind. Die Mitarbeiter des Jugendamts verschaffen sich derzeit vor Ort einen Eindruck von der Verfassung der Kinder. Die drei Mütter, die ihre Babys noch stillen, seien zusammen mit ihren sieben – zum Teil auch älteren – Kindern in Mutter-Kind-Einrichtungen untergebracht.

"Zwölf Stämme" dürfen keine Schule betreiben

Am Donnerstag, wenn das neue Schuljahr beginnt, werden auch die schulpflichtigen Kinder der Zwölf Stämme in Regelschulen gehen, wie Ludwig Unger, Sprecher des bayerischen Kultusministeriums, berichtete. Bereits im Juni hatte das Ministerium der Sekte die Erlaubnis entzogen, die Kinder wie bisher selbst zu unterrichten. Die Zwölf Stämme reichten Mitte August einen neuen Antrag auf Zulassung einer sogenannten „Ergänzungsschule“ ein. Diesem werde für dieses Schuljahr aber sicher nicht stattgegeben, sagte Unger. Die Kinder gehen nun am Ort ihrer Pflegefamilien und Einrichtungen in Grund- und Mittelschulen.

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