Nachtschicht bei minus 22 Grad
Nördlingen Dafür, dass Sie diesen Artikel lesen können, ist jemand heute Nacht gegen 2.30 Uhr aufgestanden und hat stundenlang bei klirrender Kälte gearbeitet – richtig, es geht um die weit über 2000 Zeitungsausträger der Rieser Nachrichten. Petra Heining, die derzeit in Oettingen und Lehmingen die Heimatzeitung zustellt, schilderte ihren Kollegen in der warmen Redaktion, wie ihr und den anderen Austrägern die Kälte zusetzt: Sie muss wie jede Nacht um 2.30 Uhr aufstehen, eine halbe Stunde später Zeitungen, LMF-Briefe und Prospekte entgegennehmen und sortieren. Die Arbeit dauert derzeit bis sechs Uhr; wenn sie noch einen Aushilfsbezirk dazu nimmt, auch mal bis sieben. So warm sie sich auch anzieht, Finger- und Zehenspitzen sind dann eiskalt, das Kinn ist wund gescheuert vom festgefrorenen Atem am Schal. Ein generelles Problem: Briefe und Einzelprospekte lassen sich mit den Handschuhen nur schwer fassen, die Handschuhe auszuziehen ist undenkbar. So dreht sie oft zwei Runden, um erst die Zeitung pünktlich zum Frühstück abzuliefern und danach die Post.
160 Zeitungen liefert sie jede Nacht aus und stößt auf unzählige Hindernisse: Oft sind die Zugangswege nicht geräumt oder gestreut, manche Hügel sind nur mit Spezial-Spikes zu erklimmen.
Auf dem Land ist die Räumdisziplin deutlich höher als in der Stadt – da trifft sie schon einmal jemanden, der um 4.30 Uhr vor der Arbeit noch den Weg frei schaufelt. „Es kommt vor, dass ein Rollo beim Nachbarn hoch geht, dieser sich nichts nachsagen will und auch räumt“, erzählt Petra Heining. In dieser Situation kommt es auch zu freundlichen Gesten, ihr wird Kaffee angeboten oder sie bekommt ein kleines Geschenk als Aufmerksamkeit.
Zugefrorene Briefkästen
Ein großes Problem sind zugefrorene Briefkastenklappen. Die sind nicht aufzukriegen. Legt sie dann die Zeitung einfach vor die Tür? Weit gefehlt: „Ich habe extra Beutel dabei, in die ich die Zeitung einpacke und dann in der Regel zwischen die Zaunlatten stecke.“ Sogar vorgefertigte Aufkleber fügt sie dann an, auf denen sie um Verständnis bittet, dass die Zeitung nicht im Kasten stecken kann.
Das Heimkommen erscheint bei Temperaturen bis zu minus 22 Grad wie eine Erlösung, doch die Kälte sitzt tief: „Ich habe den ganzen Tag Schüttelfrost in der geheizten Wohnung.“ Und dennoch kann sie auch dieser Lage etwas abgewinnen. „Derzeit sind Sterne, Sternschnuppen und der Mond so schön zu sehen wie selten. Immer wieder schaue ich nach oben und freue mich darüber.“ (hum) »Angemerkt Seite 25
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