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04. Oktober 2010 05:59 Uhr

Herr Haarburger besucht Harburg

Harburg Erst hatte er eine E-Mail geschrieben, dann meldete sich ein junger Mann aus Amerika persönlich bei Bürgermeister Wolfgang Kilian: Er heiße Haarburger und wolle sich Harburg ansehen, sagte er - vor allem aber wolle er suchen, ob Vorfahren seiner Familie dort zu finden seien.

Die Suche nach seinen Vorfahren hat einen jungen Amerikaner namens "Haarburger" nach Harburg geführt. Dort besichtigte der Abkömmling deutscher Juden auch den jüdischen Friedhof, über den ihn Fritz Thum führte. Foto: privat
Foto: privat

Denn es ist zwar bekannt, dass eine weitverzweigte jüdische Familie Haarburger existiert, aber erstmals reiste ein Angehöriger mit dem Zunamen Haarburger in die Namen gebende Stadt Harburg.

So erzählte der 24-jährige Amerikaner Jay Haarburger, dass seine Vorfahren im 18. Jahrhundert nach Frankfurt gezogen waren und wahrscheinlich von ihrem bisherigen Herkunftsort den Nachnamen erhielten. Seine Großeltern verließen als Emigranten 1938 ihren letzten Wohnort Dinslaken im Rheinland und kamen nach Ohio, wo er heute in Cleveland lebt.

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Bekannter Fotograf

Der Name erinnert auch an den Kunsthistoriker und bekannten Fotografen Theodor Harburger, geboren 1887 in München und gestorben 1949 in Haifa in Israel, der viele frühe Fotos in Harburg machte, sich der Stadt zugehörig fühlte und im Jahrgang 1999 der "Harburger Hefte" eine Würdigung fand.

Amerikaner bewegt von jüdischem Friedhof

Bürgermeister Kilian vermittelte dem jungen Amerikaner Diethild Graß als Dolmetscherin und einen Termin mit Fritz Thum zur Besichtigung des jüdischen Friedhofes - dem wichtigsten Besuch für den 24-Jährigen: Thum führte ihn dort und zeigte sich als eine unerschöpfliche Quelle zu allen jüdischen Namen, die auf den Grabsteinen verzeichnet sind.

Mithilfe von Thum und Dolmetscherin Graß fanden sich Namen, die möglicherweise in den Vorfahrenkreis der Familie Haarburger führen. Der Amerikaner war zutiefst bewegt von allem, was er auf dem Friedhof sah und erlebte eine innere Begegnung mit seinen möglichen Vorfahren - aber auch die Ruhe und angemessene Stille, die man auf diesem Gottesacker findet. Besonders beeindruckt war er auch von der Fürsorge für die Toten seines Volkes durch Thum.

Große Sympathie für die Stadt entwickelt

Dieses Gefühl für Harburg hat er in den zwei Tagen aufmerksam entwickelt, mit einer großen Sympathie nicht nur beim Besichtigen der Burg, sondern auch beim Wandern in die Stadt hinunter. Diethild Graß führte ihn zu ehemals jüdischen Häusern und deren Geschichte. Haarburger beeindruckte die Herzlichkeit vieler Menschen, denen er begegnen konnte. Hans Martin Tag zeigte ihm die Synagoge und darin seine heutigen Wohnräume. Eine große Überraschung war zudem die Führung durch das ehemalige Haus Oppenheimer, Egelseestraße, das gerade von dem Besitzer Willy Hertle aufwendig restauriert wird. Dieses Haus, von dem jüdischen Ritualbad im Keller bis zu den vielfältigen Wohnräumen in den oberen Stockwerken, ist eine historische Fundgrube für die Lebensgewohnheiten seiner Bewohner seit dem 16. Jahrhundert, aber auch für die Handwerkskunst der Zeiten.

Der Besucher aus Amerika äußerte ein besonderes Gespür für die Menschen, deren Leben er aus den alten Zeugnissen fühlen konnte, etwa beim Ausblick auf die Wörnitz und die Landschaft.

Biersorten getestet und Einladung zum Weißwurst-Essen

Freude bereitete dem 24-Jährigen auch die Möglichkeit, verschiedene deutsche Biersorten zu "testen" und eine Einladung zum Weißwurst-Essen bei Familie Graß. Als eine für ihn große Kostbarkeit zeigte er eine von 1900 stammende Ausgabe von Heinrich Heines "Buch der Lieder".

Sie hatte sein "deutscher" Großvater als amerikanischer Soldat im Zweiten Weltkrieg in Erinnerung an seine Herkunft immer in allen Gefahren mit sich geführt.

Zudem hatte sie ihm sein Großvater vererbt. Erst in Harburg erfuhr Haarburger, wer Heine war und welche Bedeutung er für die deutsche Literatur und die deutschen Juden besonders in der Emigration hatte. Heines populäre Gedichte wurden so zum Erlebnis eines gemeinsamen geistigen Besitzes für Juden und Deutsche.

Karten aus dem 18. Jahrhundert

Mit großem Interesse und Staunen entdeckte der Amerikaner beim Betrachten alter Karten aus dem 18. Jahrhundert, dass der Name des Marktes damals auch "Haarburg" geschrieben wurde. Kaum ein Wunder, dass eine jüdische Familie aus Harburg, anderswo angekommen, ihren Namen auf diese Weise schrieb.

Der studierte Experte für datenbasierte Geografiesysteme will die Namen gebende Stadt seiner Familie deshalb gerne wieder besuchen, betonte er. (kmg)

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