Donnerstag, 23. Mai 2013

15. Dezember 2010 17:10 Uhr

Protokoll eines Leser-Journalisten

In der Heimatzeitung gibt es eine fließende Grenze zwischen Leser und Journalist - der Leser kommt hier auch öffentlich zu Wort. Hans Mährle ist solch ein Leser, der seit Jahrzehnten das Wort ergreift. In seinem neuen Büchlein "Sie haben ihre Händchen genommen" veröffentlicht er seine Leserbriefe und Glossen, die zumeist in den Rieser Nachrichten, aber auch in anderen Zeitungen abgedruckt wurden, sowie Aphorismen zum Zeitgeschehen. Weil er dabei bis zum Beginn der neunziger Jahre zurückgeht, ergibt sich nicht nur ein Einblick in seine ganz persönliche Sichtweise der Dinge, sondern auch eine Erinnerung an das Zeitgeschehen in rund zwanzig Jahren.

Zorn und Wut

Mährle schreibt in seinem Vorwort, dass ihn Zorn und Wut auf die "obere Kaste" zu seinen Leserbriefen veranlassen. Doch gelegentlich trifft es auch das Volk - so bezieht sich der Buchtitel auf Rieser Bauern, die am Bauerntag "ihre Händchen genommen" und dem damaligen Bundeswirtschaftsminister Ignaz Kiechle artig applaudiert haben, als er Thesen verkündete, die für viele von ihnen das Aus bedeuteten. Zur Hähnchenmast-Diskussion stellt er die hintergründige Frage, ob ein Tier, das sich nicht wohl fühlt, tatsächlich in 40 Tagen von null auf 1,8 Kilo gemästet werden kann. Das Public Viewing bei der Fußball-WM habe nicht wirklich mit Fußball zu tun, man könne es doch auch bei lokalen Sportvereinen einsetzen. Außerdem gab es, so Mährle, das Phänomen schon in den 50er Jahren, da in dieser Zeit die Wenigsten einen eigenen Fernseher hatten.

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Überflüssige Rechthaberei

Die Querelen um den Fraktionsstatus der drei Stadträte von Grünen, Frauenliste und Junger Liste tut er als "überflüssige Rechthaberei" ab, bei der Überwachung des Linken-Infostandes stellt er sich genüsslich vor, wie Heiner Holl als "linker" Angestellter der Stadtverwaltung einen CSU-Infostand kontrolliert. Einige Leserbriefe weiter geht es schon in den Bereich der Erinnerung an historisches oder vergessenes Tagesgeschehen: Bundestagswahl 2005, Europawahl 2004, angestrebte Fusion der Viehvermarkter, Diskussionen in Kommentaren und Leserbriefen um den Irakkrieg, der Beginn des Stadtmarketingvereins, BSE, Bauern, die man Mitte der 90er als "neue Ölscheichs" sah, Schweinepest, Diskussion um die Baldinger Umgehung.

Zeitgeschehen aufgespießt

In Glossen und Aphorismen spießt er das jeweilige Zeitgeschehen auf - Bush habe es geschafft, aus "Amerikaner" ein Schimpfwort zu machen, und wer sich morgens Muntermacher einwerfe, solle sich nicht über das allgegenwärtige Doping von Radsportlern mokieren.

Olympiamedaillen solle man erst nach acht Jahren verleihen, wenn alle Doping-Beweise vernichtet seien, und die Staatsbürgerschaft solle an ein Bezahlen der Steuern im eigenen Land geknüpft sein. Zahllose solch kleiner ernster und humorvoller Weisheiten erinnern den Leser vielleicht daran, was er sich selbst zu den jeweiligen Themen gedacht hat und was letztendlich dabei herauskam. (hum)

Hans-Helmut Mährle, "Sie haben Ihre Händchen genommen", 2010, Eigenverlag, 87 Seiten, 12,00 Euro, ab sofort erhältlich im lokalen Buchhandel oder beim Autor in Nähermemmingen.

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