Montag, 20. Mai 2013

03. Mai 2012 12:02 Uhr

Ukraine

„Sport kann nicht Politik ersetzen“

Politiker und Sportfunktionäre aus dem Ries nehmen zur Debatte über einen EM-Boykott Stellung

Nördlingen Angesichts der derzeitigen Diskussion um eine mögliche Boykottierung der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine oder gar deren Verlegung holten die Rieser Nachrichten die Stimmen unserer Bundestagsabgeordneten sowie Meinungen von Vertretern Rieser Sportvereine ein.

„Sport und Politik lassen sich nicht voneinander trennen“, stellt die SPD-Bundestagsabgeordnete Gabriele Fograscher grundsätzlich fest. „Großereignisse werfen immer den Blick der Weltöffentlichkeit auf den Austragungsort und die politischen Verhältnisse dort.“ Das könne für den Ort eine Chance sein, die Ukraine habe diese Chance jedoch definitiv nicht genutzt und die menschenrechtliche Lage nicht verbessert. Deshalb findet die Abgeordnete es auch richtig, dass die UEFA die Spiele als Konsequenz daraus eventuell verlegt. „Sport soll autark bleiben und nicht dem Einfluss von Politikern unterliegen“, zieht Gabriele Fograscher durchaus Grenzen. Aber sie wünscht sich, dass die verantwortlichen Sportfunktionäre die Menschenrechtssituation an den Austragungsorten auf der Prioritätenliste nach oben setzen – noch über Sponsorenverträge und Ähnliches.

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„In politischer Hinsicht kaum planbar“

Auch der CSU-Bundestagsabgeordnete Ulrich Lange sieht eine automatische Verbindung zwischen sportlichen Großereignissen und politischem Umfeld, spricht sich aber für eine möglichst weitgehende Trennung von Sport und Politik aus: „Man soll den Sport nicht politisch überfrachten; er kann nicht lösen, wozu die Politik nicht in der Lage ist.“ Lange erinnert daran, wie seinerzeit die Olympiaden in Moskau und Los Angeles jeweils vom gegnerischen Machtblock boykottiert wurden: „Ich habe nicht den Eindruck, dass das irgendetwas bewirkte.“ Außerdem seien die Planungen der Sportereignisse so extrem langfristig, dass sie in politischer Hinsicht kaum planbar seien, weil jederzeit unerwartete Entwicklungen eintreten könnten. Die Ukraine sei das beste Beispiel dafür: „Sie kam als EM-Austragungsort ins Gespräch, als sich demokratische Entwicklungen gerade festigten.“

Auch Erwin Taglieber, Oettinger Stadtrat und bis vor Kurzem Leiter der Fußball-Abteilung des TSV Oettingen, will dem Sport keine politischen Aufgaben aufladen: „Man kann es dem Sport nicht antun, ein Großereignis kurz vor Beginn aufzulösen. Sport ist als Druckmittel nicht in Ordnung, da hat die Politik andere Mittel, die sie einsetzen kann.“ Taglieber ist der Meinung, Sport-Funktionäre müssten im Vorfeld gründlicher arbeiten: „Länder, wo die Menschenrechte nicht geachtet werden, sollten für große Austragungen nicht infrage kommen. Ist die Entwicklung unklar, soll die Fifa im Vorfeld klare Vorgaben machen.“

Wolfgang Winter, Zweiter Vorsitzender des TSV Nördlingen, sucht als Lösung den goldenen Mittelweg: „Ein Land durch einen Boykott in die Ecke zu stellen, bringt nichts. Dann ist man angreifbar für Gegenargumente, dass beispielsweise in Wahrheit wirtschaftliche oder nationale Interessen für den Boykott verantwortlich sind.“ Lieber solle man dann die Spiele als Plattform für individuellen Protest nutzen: „Dabei sollte jedem selbst überlassen werden, ob und wie er seinen Missmut zum Ausdruck bringt. Wenn beispielsweise beim Trikotwechsel ein T-Shirt mit dem Aufdruck ‚Free Timoschenko’ zum Vorschein käme, hätte das eine beachtliche Wirkung.“ Auch in Interviews oder anderen Formen der Stellungnahme könne man Protest anbringen. (hum)

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