Die Eltern des spurlos verschwundenen Mädchens geben nicht auf. Mit einer Gala sammelten sie Geld für die weitere Suche. Von Ralph Schulze

London/Lissabon Sie wäre jetzt sechs Jahre alt, sähe anders aus als die süße Kleine, die am 3. Mai 2007 spurlos verschwand. Sie hätte vielleicht dunkel gefärbte Haare, um in ihrer neuen Umgebung nicht aufzufallen und spräche französisch, spanisch oder portugiesisch - wenn sie noch lebte. Dass sie noch lebt, davon sind ihre Eltern überzeugt. "Die Suche nach Madeleine muss weitergehen", sagt ihre Mutter KateMcCann unbeirrt. "So lange, bis wir sie finden und ihre Entführer vor Gericht bringen."
1000 Tage nach dem rätselhaften Verschwinden der damals dreijährigen Madeleine aus einem Ferienappartement an der Algarveküste in Portugal haben die britischen Eltern eine neue Öffentlichkeitskampagne gestartet. "Wir werden weiter jeden Stein umdrehen. Und wir werden Madeleine niemals aufgeben", erklärten Kate und Gerry McCann, ein Ärzteehepaar aus dem englischen Ort Rothley.
Mit einer Wohltätigkeits-Gala in London erinnerten die McCanns und ihre Unterstützer an Madeleine und andere überall in der Welt vermisste Kinder. Der Abend im noblen "Kensington Roof Gardens" diente auch dazu, den Madeleine-Spendenfonds wieder aufzufüllen. In der Anfangsphase der Fahndung waren 2,3 Millionen Euro gespendet worden. Mit dem Geld bezahlten die Eltern die Öffentlichkeitskampagne (im Internet: www.findmadeleine.com) und Privatdetektive. Auch britische Prominente wie etwa der Unternehmer und Milliardär Richard Branson und die Harry-Potter-Autorin Joanne K. Rowling ließen große Summen in den Fonds für Maddie fließen.
Der Eintritt für die Gala von 170 Euro pro Person und Spendenerlöse kommen nun wieder der Suche nach Madeleine und anderen Organisationen wie Missing Children Europe (www.missingchildreneurope.eu) zugute. 180 Gäste, darunter viele Prominente aus der Medienwelt wie Fernsehmoderatorin Gloria Hunniford, die Journalistin Fiona Philipps und Schauspieler Peter Bowles, stellten sich an die Seite der Eltern. Immer noch sind solche Gesten für sie ein Trost. Denn lange Zeit sahen sie sich dem Misstrauen der portugiesischen Behörden ausgesetzt. Und noch sind nicht alle öffentlichen Verdächtigungen vom Tisch.
Die Klage der Eltern gegen den früheren Chef-Ermittler Goncalo Amaral wegen des Verrats von Amtsgeheimnissen wird am 10. Februar in Lissabon weiter verhandelt. Der Ex-Polizist, der wegen seiner fragwürdigen Ermittlungsmethoden vom Dienst suspendiert und in den vorzeitigen Ruhestand geschickt worden ist, hat ein Buch geschrieben. Unter dem Titel "Maddie - die Wahrheit über die Lüge" behauptet er, dass das Mädchen längst tot sei und die Eltern etwas damit zu tun gehabt hätten.
Es geht um ein Verbot des Buches und um Schadenersatz
Der Verkauf des Buches wurde zwar durch eine einstweilige Verfügung im September 2009 gestoppt. Doch jetzt geht es um das endgültige Verbot. Und um die Frage, ob den McCanns wegen Verleumdung Schadenersatz zusteht. Mehrere britische Medien mussten bereits wegen haltloser Beschuldigungen Entschädigungen zahlen. Der Prozess in Portugal zieht sich jedoch länger hin als erwartet. Das Gericht will überraschend weitere Zeugen hören.
Weder für den Verdacht gegen die Eltern gab es jemals einen konkreten Beweis noch für die Entführung, an die Kate und Gerry McCann glauben. Ihrer Ansicht nach könnte Maddie von einem Kinderschänder oder einer Adoptionsmafia verschleppt worden sein. Doch die portugiesische Polizei hat ihre Ermittlungen im Sommer 2008 eingestellt. Auch die Spuren, die die Privatdetektive verfolgten, verliefen im Sande.
"Wenn wir nicht wären, würde niemand mehr suchen, es gäbe keine Kampagne", wissen die Eltern. Doch weiterzuleben, ohne etwas zu tun, mit all den Erinnerungen, vielleicht auch mit Schuldgefühlen, ist für sie unerträglich. An jenem 3. Mai 2007 hatten sie Maddie mit ihren Zwillingsgeschwistern schlafend im Ferienhaus zurückgelassen und waren mit Freunden in der Nähe zum Abendessen gegangen. Als sie aus dem Restaurant zurückkamen, war das Mädchen nicht mehr da.
1000 Tage danach stiegen in England und Portugal 1000 Leuchtlaternen zum Himmel auf. Die Eltern geben die Hoffnung nicht auf. Ralph Schulze
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