Donnerstag, 14. Dezember 2017

13. Oktober 2017 14:26 Uhr

Serie

"Babylon Berlin": Das bietet die teuerste deutsche Serie

"Babylon Berlin" soll um die 40 Millionen Euro gekostet haben. Die Erwartungen an das Projekt von Sky und ARD sind hoch. Ob die Serie ihnen gerecht wird? Von Cornelia Wystrichowski und Daniel Wirsching

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Während im Vergnügungspalast „Moka Efti“ das Leben tobt, herrschen auf den Straßen Berlins Ende der 1920er Jahre Gewalt und Elend.
Foto: Frederic Batier/X Filme 2017

Berlin anno 1929: Die Goldenen Zwanziger gehen zu Ende, nur noch vier Jahre, dann ist Hitler Reichskanzler. Leuchtreklamen erhellen die Boulevards, und während die Reichen in den Nachtklubs mit Charleston und Absinth feiern, gehen die Armen auf die Straße, um zu demonstrieren. Dort ist nichts golden, dort ist das Elend, der Dreck. Dort herrscht die Gewalt.

Die neue Serie „Babylon Berlin“ springt mitten hinein in diese Welt, ein bildgewaltiges Panoptikum der Weimarer Republik. Die mit Spannung erwartete, geschätzt 40 Millionen Euro teure Produktion könnte zu einem Meilenstein für die heimische Fernsehlandschaft werden.

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Nicht nur, weil sie die teuerste deutsche Serie aller Zeiten ist und von Regisseur Tom Tykwer („Lola rennt“) mit Stars wie Matthias Brandt, Lars Eidinger oder Fritzi Haberlandt inszeniert wurde. Sondern auch, weil der Bezahlsender Sky und die gebührenfinanzierte ARD „Babylon Berlin“ gemeinsam produziert haben – keiner hätte das Mammutprojekt alleine stemmen können. Diese nicht unumstrittene Kooperation ist einmalig. Ob sie wegweisend ist, wird sich zeigen.

Sky jedenfalls hat weitaus weniger zu verlieren als die ARD. Für Sky ist „Babylon Berlin“ ein weiteres Serien-„Highlight“ in einem Angebot, das sich an Serienfans richtet, also eine Nische bedient.

Für die ARD ist „Babylon Berlin“ dagegen ein Prestige-Projekt. Letztlich geht es darum, ob ein öffentlich-rechtlicher Sender mit Milliardeneinnahmen mehr hinbekommt als Krankenhaus- oder Krimi-Serien, die filmisch so erzählt sind wie vor 20 Jahren.

Es geht darum: Wann kommen ARD und ZDF in der Serien-Moderne an und sprechen ein von amerikanischen Produktionen zunehmend verwöhntes und jüngeres Publikum wieder an? Wann kehren sie von der Devise ab, bloß niemanden verschrecken zu wollen? Wann nehmen sie Abschied vom selbst auferlegten Quotendruck? Vom Prinzip Masse statt Klasse zur besten Sendezeit? Wenn „Babylon Berlin“ niedrige Zuschauerzahlen in der ARD haben sollte – und das ist ja nicht auszuschließen –, dürfte der Mut, etwas zu wagen, schnell schwinden.

Kann die TV-Serie Babylon Berlin wirklich die hohen Erwartungen erfüllen?

Erfüllen jedoch die ersten 16 Folgen, die zahlende Zuschauer ab Freitag jeweils um 20.15 Uhr bei Sky sehen können – und die in der ARD erst Ende 2018 ausgestrahlt werden –, die Erwartungen?

"Babylon Berlin" basiert auf den Bestsellern von Volker Kutscher über die Abenteuer eines Kommissars in der Weimarer Republik: Gereon Rath (in der Serie gespielt von Volker Bruch) ist eine gebrochene Figur und seit seiner Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg drogenabhängig.

Der Kommissar aus Köln ermittelt nun im Berliner Sittendezernat. Er ist auf der Suche nach einem Film, auf dem eine bedeutende Persönlichkeit sadomasochistische Praktiken auslebt. In der ersten Episode lernt er die Stenotypistin Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) kennen, die nachts als Gelegenheitsprostituierte Geld verdient, damit sie die Miete für das Rattenloch bezahlen kann, in dem sie mit ihrer Familie haust. Die Ermittlungen führen die beiden schließlich in eine Welt zwischen kommunistischen Unruhen und aufkeimendem Nationalsozialismus.

 

Tom Tykwer, der mit seinen Kollegen Achim von Borries und Henk Handloegten viereinhalb Jahre lang an dem Projekt gearbeitet hat, ist spürbar verliebt in „Babylon Berlin“ – keine Serie der leisen Töne, sondern eine, um sich sattzusehen, mal derb, mal glamourös. Scharf akzentuierte Bilder von nächtlichen Hinterhöfen zitieren die expressionistische Filmkunst jener Epoche, und wenn ein feister Geschäftsmann sich im Vergnügungspalast „Moka Efti“ gierig gebratenen Oktopus in den Mund gabelt, ist zum Thema Dekadenz alles gesagt. Vor allem das furiose Finale der ersten zwei Folgen von Staffel eins, die als Doppelfolge gezeigt werden, ist für deutsche Serien außergewöhnlich – gut. Filmisch wie erzählerisch kann sie mit der US-Produktion „Boardwalk Empire“ mithalten, die ebenfalls in den 20er Jahren spielt, im Vergnügungs-Paradies Atlantic City zu Zeiten der Prohibition.

Fans der Rath-Romane seien jedoch gewarnt: Tom Tykwer modelt Geschichte und Figuren der Vorlage teils stark um. Was nicht schlimm ist, im Falle der Hauptfigur aber zu einem Problem werden könnte. Denn Tykwers Gereon Rath wirkt im Vergleich zu den Romanen eher blass, wortkarg, getrieben – nicht draufgängerisch und selbstbewusst. Ob er so zur Identifikationsfigur für die Zuschauer taugt?

Dabei könnte „Babylon Berlin“ als Sittengemälde einer Epoche, die auf dem Vulkan tanzt, die Serie der Stunde sein. Drehbuchautor Henk Handloegten weist auf Parallelen zwischen damals und heute hin: In den 20ern habe in Berlin eine zügellose Partystimmung geherrscht, die er mit der Zeit nach dem Mauerfall vergleicht. „Aber dann, gegen Ende der 20er, geht es immer mehr Leuten zu schnell, die Welt wird zu verwirrend, zu unübersichtlich und der Ruf nach der eisernen Faust wird lauter und lauter.“

Auch Deutschland sollen endlich so anspruchsvolle Serien entstehen wie in den USA

180 Drehtage, knapp 300 Drehorte, 5000 Komparsen, 8000 Quadratmeter Außenkulissen in Babelsberg: Damit sich das lohnt, muss „Babylon Berlin“ geradezu ein Erfolg werden. International ist die Serie das schon: Noch vor ihrem TV-Start wurde sie in 60 Länder verkauft. Kein Wunder, dass bereits zwei weitere Staffeln in Auftrag gegeben wurden. Stoff genug gibt es: Bestsellerautor Kutscher will die Handlung erst mit Roman-Band neun enden lassen, der 1938 spielt.

„Babylon Berlin“ ist der vorläufige Höhepunkt einer deutschen Serienoffensive. Faszinierende Fortsetzungsdramen – von „Breaking Bad“ über „Gomorrha“ bis „Borgen“ – kamen bislang aus den USA, Italien oder Skandinavien. Nur nicht aus Deutschland. Zwar drängen seit ein paar Jahren ambitionierte heimische Produktionen auf den Markt, so nah wie „Babylon Berlin“ ist allerdings noch keine an die umjubelten Vorbilder herangekommen. Sieht man einmal von „Im Angesicht des Verbrechens“ aus dem Jahr 2010 ab, das die ARD gnadenlos im Spätabendprogramm untergehen ließ.

 

„Wir sind in Deutschland aufgewacht und können jetzt zeigen, dass wir hier auch was draufhaben“, sagt Starregisseur Sönke Wortmann, dessen ARD-Krankenhausserie „Charité“ im Frühjahr erfolgreich war und fortgesetzt werden soll. Weitere Projekte werden vorbereitet: Das legendäre „KaDeWe“, der schillernde Einkaufstempel im Herzen Berlins, steht im Mittelpunkt einer geplanten Serie, Produzent Oliver Berben will aus dem Bestseller „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ einen Mehrteiler machen, und Sky arbeitet an einer Serienfortsetzung des Klassikers „Das Boot“.

Sogar Serien, die bei der ersten Staffel unter den Erwartungen geblieben sind, werden fortgesetzt. So hat der Sechsteiler „You are wanted“ von Amazon Prime Video und Matthias Schweighöfer zwar Kritiker enttäuscht, doch für den Streamingdienst seinen Zweck erfüllt – bekannter zu werden.

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