Der Papst tritt zurück. Das Unmögliche ist geschehen. Während sein Vorgänger Johannes Paul II. geduldig in seinem Leiden und Verfall bis zum Ende ausharrte, hat Benedikt XVI. mutig entschieden, das Amt aufzugeben.
Dieser Papst sei noch für Überraschungen gut, hieß es bei der Wahl des damals 78-jährigen Kardinals Joseph Ratzinger, der sich schon auf seinen Ruhestand gefreut hatte. Tatsächlich verlieh er der katholischen Kirche Prägungen, mit denen die wenigsten gerechnet hatten. Papst Benedikt brachte die alte lateinische Messe wieder zu Ehren und streckte die Hand zu den abtrünnigen Traditionalisten weit aus. Gleichzeitig suchte er das Gespräch mit der kritischen säkularen Welt, die Religion für entbehrlich hält.
Er war verschrien als der „Panzerkardinal“ und eroberte die Herzen der Menschen im Sturm. Seine liebenswürdige Art, sein knabenhafter Charme verzauberten die Massen. Sein erstes Rundschreiben „Gott ist die Liebe“ schlug einen fast poetischen Ton an, dem man dem intellektuellen Professor Papst nicht zugetraut hätte. Zutiefst erschüttert war er über den Missbrauchsskandal. Auf jeder Reise lud er Betroffene zu einem persönlichen Gespräch ein. Er wollte auf die beschämende Sünde seiner Kirche hinschauen und mit den Opfern den Schmerz ertragen.
Papst Benedikt: mit seinem Rücktritt beweist er Größe
Mit seinem Rücktritt beweist Papst Benedikt nicht nur Größe und höchsten Respekt vor dem Petrusamt, das er mit nachlassenden körperlichen und geistigen Kräften nicht mehr engemessen zu erfüllen meinte. Er geht auch ein nicht geringes Risiko ein. Der einzige Papst in der Kirchengeschichte, der bislang zurückgetreten ist, wurde von seinem Nachfolger sofort in den Turm geworfen.
Papst Benedikt: Stationen seines Lebens
Joseph Aloisius Ratzinger wird am 16. April (Karsamstag) des Jahres 1927 in Markl (Oberbayern) geboren.
Ratzinger wächst mit seinen beiden Geschwistern Georg und Maria in einem religiös geprägten Elternhaus auf.
Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wird Joseph Ratzinger 1945 als Flakhelfer eingezogen.
Ratzinger studiert von 1946 bis 1951 Philosophie und Theologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Freising und an der Universität München.
1951 wird Joseph Ratzinger im Freisinger Mariendom zum Priester geweiht. Als Priester leitete er 30 Jahre die Regensburger Domspatzen.
Ratzinger habilitiert 1957 in München über "Die Geschichtstheologie des heiligen Bonaventura". Ab 1959 ist er Professor in Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg.
1977 beruft Papst Paul VI. Ratzinger zum Erzbischof von München und Freising. Er wählt als bischöfliches Motto "Mitarbeiter der Wahrheit".
Papst Johannes Paul II. betraut ihn 1981 mit der Leitung der Römischen Glaubenskongregation, durch die er sich den Ruf eines Hardliners erwirbt.
Nach dem Tod des Papstes Johannes Paul II zelebriert Ratzinger 2005 die Totenmesse für den Verstorbenen und leitet das Konklave zur Wahl eines neuen Papstes.
Ratzinger wird nach nur 26 Stunden im vierten Wahlgang zum 265. Papst gewählt. Er trägt fortan den Namen Benedikt XVI.
2013 tritt er nach acht Jahren im Amt freiwillig von seinem Pontifikat zurück - ein bisher einmaliger Vorgang. Benedikt wohnt fortan zurückgezogen in einem Kloster im Vatikan.
2020 besucht Ratzinger seinen schwer erkrankten Bruder in Regensburg. Dieser stirbt kurz darauf.
In den nächsten 17 Tagen werden ihn viele bedrängen, noch diese oder jene Entscheidung zu fällen und dieser oder jener Person zu höheren Würden zu verhelfen. Wie wird der altersschwache Benedikt mit diesem Druck umgehen, ehe er am 28. Februar um 20 Uhr die Bürde endgültig von den Schultern nimmt?