Wir im Westen leben in einer materialistischen Welt. Das Streben nach materiellen Gütern ist ein führendes Exportprodukt des Abendlandes. Jetzt erleben wir unseren Materialismus als Krise. Wie neu ist das? Ein Kommentar von Rainer Bonhorst

Von Rainer Bonhorst
Wir im Westen leben in einer materialistischen Welt. Madonna besingt ikonenhaft ihr "material girl in a material world". Das Streben nach materiellen Gütern ist ein führendes Exportprodukt des Abendlandes. Für den Rest der Welt sind wir darin Vorbild, aber auch Objekt des Neids und der Verachtung.
Jetzt erleben wir unseren Materialismus als Krise. Wie neu ist das? Die Erschütterung der Finanzmärkte und die Bedrohung unseres Wohlstands bedrücken uns in der Tat ganz aktuell. Aber wir schlagen uns ja auch schon lange mit den Umweltschäden herum, die unsere Materialgesellschaft hervorruft.
Gier ist als Ursache der Finanzkrise und als abstoßender Begriff wiederentdeckt worden. Gier, die bedenkenlose Übertreibung des Materialismus, ist in Wahrheit der Hintergrund aller Schattenseiten unserer Diesseits-Religion.
Als Gegenmittel wird die Rückkehr zu den höheren Werten empfohlen. Das wollen auch wir hier gerne tun. Aber der Mensch lebt auch von ihnen nicht allein. Und der westliche Materialismus ist besser als derzeit sein Ruf. Er spornt uns zu Höchstleistungen an. Ohne ihn gäbe es den Mindestwohlstand nicht, den wir zum Wohlbefinden brauchen. In den Ländern der Dritten Welt strebt man dem westlichen Lebensmodell nach, weil es einen Weg aus dem Hungerdasein weist. Der Neid entsteht, weil der Weg sich als mühsam, ja oft als unerreichbar erweist. Hass und Verachtung entstehen, weil der Materialismus neben dem erstrebenswerten Wohlstand auch Kälte und Ungleichheit mit sich bringt.
Unser Wohlstand hat im Übrigen seine eigene Armut, nämlich eine relative, aber trotzdem stark empfundene hervorgebracht. Bei uns hungert man nicht, aber immer mehr Menschen spüren bittere Not in einer Wohlstandsumgebung.
Aber können wir wegen all dieser Schattenseiten auf den Materialismus als Motor verzichten? Alle Versuche dieser Art sind gescheitert, endeten in allgemeiner Armut. Nein, wir müssen den Materialismus beherrschen, ihn zügeln, Maßlosigkeit und Übertreibung vermeiden. Die Besinnung auf höhere Werte muss aus sich heraus leben, kann aber dieser großen gesellschaftlichen Aufgabe dienen.
Im Übrigen haben Reichtum und Glück wenig miteinander zu tun. Ob dieser Hinweis hilfreich ist oder nicht, korrekt ist er. Armut ist ein Unglück. Aber was ist der Unterschied zwischen Auskommen, Wohlstand oder gar Reichtum?
Vor dem Glück sind sie alle gleich. Wir Deutschen gehören zu den reichsten und den am wenigsten glücklichen Völkern. Werden wir jetzt ein bisschen ärmer, so hat das für unser Glück kaum Bedeutung. Es speist sich aus einer anderen Quelle, einer inneren, oder, wenn man so will, einer höheren.
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