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09. Juni 2009 14:07 Uhr

Medikamente aus dem Genlabor

Demente werden absichtlich ruhig gestellt

Kritik an der Behandlung von Dementen: Ärzte verschreiben Demenzkranken zudem zu viele Beruhigungsmittel und gefährden so die Gesundheit vieler ihrer Patienten. Zudem bekommen Patienten in Deutschland immer mehr teure Medikamente aus dem Genlabor.

Arznei wird in Deutschland zu oft verschrieben, gerade an Demente.
Foto: DPA

Berlin (dpa) - Trotz riskanter Nebenwirkungen bekommen vieleDemenzkranke in Deutschland statt einer guten Pflege vieleBeruhigungsmittel. Pflege werde so ersetzt, kritisierte der BremerGesundheitsforscher Gerd Glaeske am Dienstag in Berlin.

Dieskomme «chemischer Gewalt gegen Ältere» gleich, sagte er bei derVorstellung des Arzneimittel-Reports 2009 der Gmünder ErsatzKasse(GEK). Wenig Hoffnung macht der Report hinsichtlich derAusgabenentwicklung bei Arzneien - ein Ende des ständigen Anstiegs istwegen immer neuer Medikamente aus dem Genlabor nicht in Sicht.

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Ärzteverschreiben Demenzkranken zu viele Beruhigungsmittel, monierteStudienautor Glaeske. Diese Medikamente würden im Pflegealltag oft dazugenutzt, die Patienten ruhig zu stellen. Beinahe jeder dritteuntersuchte Versicherte mit Demenz bekam 2008 ein solchesBeruhigungsmittel verordnet, obwohl diese zum Tod der Betroffenenführen können. Weitere Risiken: Lungenentzündungen, Schlaganfälle,Herzprobleme. «Die Neuroleptika-Verordnungen müssen drastisch gesenktwerden», forderte Glaeske.

Neue gentechnisch hergestellteMedikamente könnten Patienten mit Krebs, Multipler Sklerose oderArthritis dagegen oft helfen, sagte Glaeske. Doch er kritisierte, dasshierzulande anders als in anderen Staaten die Hersteller die Preisedieser Mittel mit Jahres- Therapiekosten von bis zu 80 000 Euro freigestalten können.

Die jüngste Gesundheitsreform unterFederführung von Ministerin Ulla Schmidt (SPD) weise eine«Gesetzeslücke» auf. So müssten dringend auch neue Spezialmittel denvorgesehenen Bewertungen des Nutzens im Verhältnis zu den Kostenunterworfen werden, forderte Glaeske. Dies gelte umso mehr, als dieMittel oft gegen immer neue Krankheiten eingesetzt würden, wenn sieeinmal auf dem Markt seien.

Die Geschäftsführerin des Verbandsforschender Arzneimittelhersteller vfa, Cornelia Yzer, entgegnete, derAusgabenanteil der Kassen für gentechnische Medikamente sei 2008 nur um0,6-Prozentpunkte auf 13,8 Prozent der Arzneimittelkosten gestiegen.

GEK-ChefRolf-Ulrich Schlenker warnte, die Kassenausgaben für Arzneimittelhätten bereits jene für Ärzte überschritten und drohten weiter zuklettern. Insgesamt seien die Ausgaben für Arzneimittel 2008 lautGEK-Studie um neun Prozent pro Versichertem gestiegen. Die Ausgaben fürArzneimittel fielen mit einem Plus von 5,3 Prozent auf 29,2 MilliardenEuro in der gesetzlichen Krankenversicherung 2008 deutlich ins Gewicht.

Gegenals unzureichend kritisierte Sparmöglichkeiten bei den Arzneienkündigte Schlenker bis Sommer die Entscheidung über ein eigenesKostensenkungs-System bei der GEK an. Die Ärzte sollten sich auf dieVerschreibung von Wirkstoff und Menge konzentrieren - die Apothekersollten die Mittel mit günstigen Preisen heraussuchen. Damit will dieGEK auch den AOKen Paroli bieten, die Rabattverträge mit Herstellernabgeschlossen hatten. Der Deutsche Apothekerverband begrüßte denursprünglich von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung stammendenVorstoß. «Wir sind bereit, Verantwortung zu übernehmen», sagte derVorsitzende Fritz Becker.

Der Report beruht auf rund 11 Millionen Verordnungen für GEK- Patienten.

BundesgesundheitsministerinUlla Schmidt (SPD) hat unterdessen die Manager der gesetzlichenKrankenkassen scharf kritisiert. «Manche haben offenbar den Bezug zurRealität verloren», sagte Schmidt der «Financial Times Deutschland».

Forderungender Kassen nach einem Krisenzuschuss in Milliardenhöhe wies sie zurück.«Es kann nicht sein, dass jeder im Gesundheitssystem immer nur nachmehr Geld ruft.»

Der Kassen-Spitzenverband hatte Hilfen verlangt,um Beitragsausfälle infolge der Wirtschaftskrise auszugleichen. Dazusolle ein Darlehen des Bundes in einen Zuschuss ungewandelt werden.Ende April waren die Einnahmeausfälle der gesetzlichenKrankenversicherung für 2009 auf 2,9 Milliarden Euro taxiert worden.

Schmidtwarf den Krankenkassen vor, dass sie sich über die Gesetze derGesundheitsreform stellten. «Die Honorierung der Ärzte muss stärker ander Qualität der Patientenversorgung ausgerichtet werden», betonte dieSPD-Politikerin. Mit der Reform sei festgelegt worden, dass Kassen undMediziner bis Ende Juni in gemeinsamen Verträgen einen Teil derHausarzthonorare an eine verbesserte Versorgungsqualität knüpfen.Bisher sei dies aber nicht flächendeckend gelungen.

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