Sonntag, 17. Dezember 2017

26. Februar 2013 10:00 Uhr

«3096 Tage»

Der blanke Hass auf Natascha Kampusch

Das Entführungsdrama um Natascha Kampusch hatte Kino-Weltpremiere. Derweil schlägt Natascha Kampusch selbst eine Welle von Hass entgegen. Aber was hat sie getan?

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«3096 Tage»: Natascha Kampusch kam zur Premiere des Films «3096 Tage».
Foto: Herbert Neubauer dpa

Der blanke Hass auf Natascha Kampusch: Natascha Kampusch ist derzeit in den Medien schier allgegenwärtig. Das liegt daran, dass der Film um ihre Entführung in den Kinos anläuft. Klar, dass Natascha Kampusch deshalb viel in der Öffentlichkeit zu sehen ist. Die 25-Jährige ringt im Fernsehen um Fassung, beschreibt Zeitungen ihr Grauen und lässt sich für Magazine gut gestylt fotografieren. Immer wieder spricht das weltbekannte Entführungsopfer über ihr Schicksal - passend zum Start des Kinofilms «3096 Tage». Manch einer mag das Verhalten von Natascha Kampusch und ihrer Art der Aufarbeitung als geschmacklos empfinden. Warum aber Natascha Kampusch vor allem in ihrer Heimat Österreich blanker Hass entgegenschlägt, ist nur schwer erklärbar.

Wärter über Kampuschs Leben

Bereits kurz nach der Flucht von Natascha Kampusch aus dem winzigen Kellerverlies, in dem Wolfgang Priklopil sie achteinhalb Jahre gefangen hielt, kursierten die ersten Verschwörungstheorien: Zu gefasst wirkte die damals 18-Jährige für viele bei ihrem ersten Fernsehinterview. Natascha Kampusch erfüllte für viele zu wenig das Klischee des gebrochenen Opfers.

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Verschwörungstheorien über Kampusch-Entführung

Dann beflügelten aufgetauchte Ermittlungspannen und ein Ermittler, der Selbstmord beging, die Gerüchte. Natascha Kampusch verschweige etwas, da stecke mehr dahinter, erzählt man bis heute bis in die höchsten Kreise in Wien hinter vorgehaltener Hand.

In der weitgehenden Anonymität des Internets geht es offener zu: «I hab von Anfang an gesagt, dass die Kampusch nicht die ganze Wahrheit sagt!», orakelt beispielsweise ein Nutzer im Online-Forum der Boulevardzeitung «Österreich». «Liebe natascha, bitte tu mir einen gefallen, verabschiede dich von der öffentlichkeit, das ist ja schon peinlich wie du dich immer wieder an die öffentlichkeit drängelst», heißt es bei Facebook. Viele Kommentare sind so obszön und beleidigend, dass die Foren-Betreiber sie schnell wieder löschen.

Hinter vorgehaltener Hand

«Verstehen kann ich den Hass nicht. Wenn ich etwas nicht wissen will, muss ich es ja nicht lesen oder im Fernsehen anschauen», sagt ihr Anwalt Gerald Ganzger der «Kleinen Zeitung». Der Vorwurf, Natascha Kampusch sei mediengeil, sei falsch: «Wir haben Einladungen großer Talkshows in den USA abgelehnt.» Psychologen erklären die Hass-Welle mit der klaren, starken Haltung von Kampusch und dem unfassbaren Verbrechen, dass in den Betrachtern eine Mischung aus Verunsicherung und Verstörung auslöse. Sie biete mit ihrer medialen Präsenz eine gute Projektionsfläche, um sich abzureagieren.

Vorwurf, Natascha Kampusch sei mediengeil

Für die Zeitung «Der Standard» ist bei dem Hass auch Sexismus mit im Spiel: «Selbstbewusstsein wird als Arroganz ausgelegt, Stärke als Härte, Tränen nicht als Sensibilität, sondern als Mitleidheischen.» Wäre ein Junge oder Mann in der Rolle von Kampusch, würde die Gesellschaft das ganz anders bewerten.

Heute sei nicht mehr Priklopil, sondern die Öffentlichkeit der selbst ernannte Wärter über Kampuschs Leben, schreibt die «Tiroler Tageszeitung». Doch man dürfe der jungen Frau nicht verwehren, die Geschichte ihres Lebens zu erzählen: «Und sie muss es wohl auch. Um zu sich zu finden. Wenn's stört, der soll weghören.»

«Das ist so, wie wenn man jemandem, der am Boden liegt, noch einen Tritt gibt, damit er da bloß liegen bleibt. Man dann darf nur noch das Haus am Rande der Ortschaft in der Nähe des Friedhofs bewohnen», beschrieb Natascha Kampusch selbst die Angriffe gegen sie in einem dpa-Gespräch im Herbst 2010. dpa/AZ

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