Der Alarm kommt plötzlich und unvermittelt. Lampen beginnen zu blinken; vorne und an den Seitenwänden des Raumes: rot, grün, weiß. Ein Warnton macht sich bemerkbar. Leise genug, damit sich die Verantwortlichen der Schaltwarte von Block C des Kernkraftwerkes Gundremmingen noch verständlich machen können. Laut genug, damit jeder Ohrenzeuge weiß: Hier ist etwas Schwerwiegendes, etwas jenseits der Norm passiert.
Das Team im Atomkraftwerk hat 30 Minuten für die Analyse
Der Betrieb des Kernkraftwerkes in Gundremmingen ist gefährdet. Im Sicherheitsbehälter, der als Schutz um den Reaktorkessel gebaut ist, steigt der Druck innerhalb kurzer Zeit. Festgelegte Grenzwerte werden überschritten. Die Sicherheitstechnik greift ein: Resa! Die vier Buchstaben stehen für „Reaktorschnellabschaltung“. Sie läuft automatisch ab, ohne menschliches Zutun. Zuerst wird die nukleare Kettenreaktion unterbunden. Das geschieht mit sogenannten Steuerstäben. Alle 193 Stäbe, deren Material Neutronen absorbieren, werden innerhalb weniger Sekunden zwischen die 784 Brennelemente wie Pfeile eingeschossen.
Die Anlage hat sich damit selbst in einen sicheren Zustand gebracht. Mindestens 30 Minuten hat das Team auf der Warte nun Zeit, um zu analysieren, was geschehen und was als Nächstes zu tun ist. So lange gibt die Technik den Menschen Zeit, in einer angespannten Situation gewissermaßen einen Schritt zurückzutreten und mit nüchternem Blick die richtigen Schlüsse zu ziehen.
Bei Störfall: Checklisten abarbeiten, Messwerte kontrollieren, Bilickkontakt suchen
Und so wirken Schichtleiter Hans Reitmayer, 47, und seine Kollegen Benno Philipp, 32, Georg Motzer, 50, und Paul Bigelmayr, 56, alles andere als hektisch. Schnell wird durch die Messinstrumente klar: Eine der vier Frischdampfleitungen, die aus dem Reaktorkessel zur Turbine führen, ist geborsten. Warum das so gekommen ist, wissen die vier Männer nicht. Und es spielt für sie jetzt auch keine Rolle.
Sie arbeiten Checklisten ab, kontrollieren Messwerte, suchen Blickkontakt, kommunizieren so, dass zwischen Sender und Empfänger eindeutige Botschaften übermittelt werden – und alle vom selben sprechen. Am Schluss stecken alle ihre Köpfe zusammen: „Haben wir irgendetwas übersehen? Müssen wir noch etwas bedenken?“, fragt Reitmayer.
Den Kollegen fällt nichts mehr ein. Zusätzlich zur Resa hat die Anlage automatisch auch die Dampfleitungen zum Maschinenhaus verriegelt. Der Reaktor ist jetzt hermetisch in seinem druckfesten Sicherheitsbehälter eingeschlossen. Eine Gefahr geht nicht mehr von ihm aus.
7 Tage Simulatortraining pro Jahr sind vorgeschrieben
Zum Glück ist ein solches Szenario, das als „schwerwiegender Störfall“ eingestuft wird, nur vom Trainer vorgegeben „und in meiner Zeit als Schichtleiter auch nie vorgekommen“, sagt Reitmayer. Nur alle zwei Jahre nach einer großen Revision und dem Wiederanfahren wird in Gundremmingen für Prüfzwecke die Schnellabschaltung manuell ausgelöst. Wesentlich häufiger wird das Schichtpersonal in den Leitständen von Block B und Block C jedoch mit extremen Situationen konfrontiert, wenn sie ins Simulatorzentrum nach Essen reisen.
Eine Woche Simulatortraining im Jahr ist vorgeschrieben. Aber: „Die Gundremminger sind fleißig“, sagt Eberhard Hoffmann, in Doppelfunktion Geschäftsführer der Kraftwerks-Simulator Gesellschaft (KSG) und der Gesellschaft für Simulatorschulung (GfS). Jede der für die beiden Reaktorblöcke verantwortlichen zwölf Schichtmannschaften übt dort über das Jahr verteilt drei Wochen.
Niederländisches Atomkraftwerk auch im Simulatorzentrum
Das sechsstöckige Gebäude im Südosten Essens wirkt unscheinbar. Eine Querspange ist in Alt- und Neubau aufgeteilt. Nur ein Brunnen rechts vom Eingang gibt Besuchern einen Hinweis. Er besteht aus Steuerstäben, die natürlich nicht in einem Reaktor verwendet wurden. Im Inneren birgt das Simulatorzentrum eine in dieser Größe weltweit wohl einzigartige Besonderheit.
Bis auf Krümmel sind dort die Schaltwarten aller deutschen Kernkraftwerke originalgetreu nachgebildet. Zusätzlich hat noch die Warte des Atommeilers in Borssele (Niederlande) Platz gefunden. Jeder Schalter ist exakt an seinem Platz, die Anordnung der Bildschirme stimmt, die Farbgebung kommt den Mitarbeitern der Kernkraftwerke ebenso vertraut vor wie die Intensität der künstlichen Beleuchtung.
Isar 2 ist im fünften Obergeschoss des Altbaus nachgebaut, Grafenrheinfeld zwei Stockwerke tiefer. Dazwischen wurde immer eine Etage frei gelassen für die Be- und Entlüftung und für eine Unmenge an Versorgungskabel. Im Keller schließlich: Gundremmingen. Ein Simulator reicht hier für beide Reaktorblöcke, da sie – von Winzigkeiten abgesehen – baugleich sind.
Ein Kurs braucht 10 Wochen vorbereitungszeit
Seit 1977 läuft die Schulung und Fortbildung im Simulatorzentrum. „Der Vorteil dieser zentralen Lösung ist, dass man sich hier auf gemeinsame Standards geeinigt hat“, sagt Geschäftsführer Hoffmann. Technische Kompetenz – von den Abläufen im Normalbetrieb bis hin zu Strategien für Extremszenarien – könne in Essen theoretisch erlernt und praktisch trainiert werden. Der Gundremminger Schichtleiter Reitmayer bestätigt das: „Man kann hier wertvolle Erfahrungen sammeln, die es so zu Hause nicht gibt.“
Mit Zwischenfällen haben die Schichtmannschaften vor Ort freilich zu tun. Zuletzt musste im Dezember ein Reaktor heruntergefahren werden. Grund war ein Leck an einem Messstutzen unterhalb des Reaktordruckbehälters von Block C.
Das Training im Ruhrpott soll nicht nur die Kenntnisse der technischen Zusammenhänge und Abläufe auffrischen. Absicht ist auch, die „persönlichen Merkmale“ der Geschulten positiv zu beeinflussen. „Sie führen zu einer Einstellung, in der die Sicherheitskultur ganz oben steht.“ Zehn Wochen Vorbereitungszeit sind nötig, sagt der Essener Ausbilder Gregor Kastien, um einen Kurs für eine Betriebsmannschaft zu organisieren. Die Software ist stets auf dem neuesten Stand und entspricht der, die auch vor Ort verwendet wird. Realistischer, versichern die Betreiber der Einrichtung, „geht es nicht mehr“.
Zahl der Schulungen und Ausbilder wird reduziert
Doch die 35-jährige „Erfolgsgeschichte“ des Simulatorzentrums (Hoffmann) endet mit dem beschlossenen Atomausstieg. Wenn die letzten Meiler Ende 2022 vom Netz gehen und keinen Atomstrom mehr produzieren, dann gehen hier tatsächlich die Lichter aus. „Für Kernkraftwerke, die nicht im Leistungsbetrieb arbeiten, hat der Gesetzgeber eine solche Schulung nicht vorgesehen“, sagt der Geschäftsführer. Erste Anzeichen für das Ende einer Ära gibt es in dem Zentrum schon jetzt. Rund 140 Mitarbeiter, darunter 50 lizenzierte Ausbilder, arbeiten in Essen – Tendenz fallend.
Simulatoren von Kernkraftwerken, die bereits abgeschaltet sind, werden nicht mehr benutzt. Die Hinweistafel, die die einzelnen Kurse auflistet, ist zumindest für Eingeweihte ein Fingerzeig: Die Schrift ist inzwischen größer gewählt – ein Indiz, dass hier nicht mehr so viele Schulungen angeboten werden.
Deutschland hat sich nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima vor knapp zwei Jahren von der umstrittenen Kernenergie verabschiedet. Wie schnell dies entschieden wurde, überrascht Hoffmann noch heute. Von einer bürgerlich-konservativen Regierung, die ja noch kurz zuvor für längere Laufzeiten eingetreten sei, hätte er einen derart radikalen Schwenk über Nacht nicht erwartet, sagt er.
"Keine Perspektivlosigkeit"
Regelrechten Anfeindungen sei man damals ausgesetzt gewesen, sagt Schichtleiter Reitmayer. „Man hat mit Bekannten und Nachbarn nicht mehr vernünftig diskutieren können. Plötzlich hat es in Deutschland 80 Millionen Experten für Kernenergie gegeben. Dabei ist es nicht um Fakten gegangen, das war bloße Emotion.“ Und Benno Philipp ergänzt: „Wir waren Fukushima.“ Sachargumente hätten niemanden interessiert kurz nach dem 11. März 2011.
Als Konsequenz ist Reitmayer, studierter Maschinenbauer, alles noch einmal durchgegangen. „Wenn ich den Eindruck gewonnen hätte, dass Gundremmingen nicht absolut sicher ist, dann wäre ich nicht mehr hier.“ „Reaktorfahrer“ Philipp will seine „persönliche Stimmung“ auch nicht an den mehrmals veränderten politischen Entscheidungen ausrichten. „Bei uns herrscht keine Perspektivlosigkeit.“
Block B wird mit Ablauf des Jahres 2017, Block C Ende 2021 keinen Strom mehr erzeugen. Und dann wird auch nicht einfach der Stecker gezogen: Auf das Abschalten folgen der Nachbetrieb und später der Rückbau. Die Verantwortlichen auf der Schaltwarte verschwenden daran nach eigenen Angaben noch keinen Gedanken. Reitmayer: „Bis zur letzten Megawattstunde werden wir hier die Motivation und Konzentration hochhalten. Da können Sie sicher sein.“