Wetter
Do.
-7°C
Wetter
Fr.
-9°C

17. August 2010 19:06 Uhr

Medizin

Die erste Antibabypille war offiziell kein Verhütungsmittel

Die erste Antibabypille erblickte getarnt das Licht der Welt. "Zur Behandlung von Menstruationsbeschwerden" stand groß auf dem Beipackzettel. Erst im Kleingedruckten versteckte sich die wertvolle Information "empfängnisverhütende Wirkung". Von Sarah Wenger

Die erste Antibabypille erblickte getarnt das Licht der Welt. "Zur Behandlung von Menstruationsbeschwerden" stand groß auf dem Beipackzettel. Erst im Kleingedruckten versteckte sich die wertvolle Information "empfängnisverhütende Wirkung".

Am 18. August 1960 war es so weit: Die Pille "Enovid" kam auf den amerikanischen Markt - heute vor genau 50 Jahren. Allerdings nur für verheiratete Frauen. Und auch nur für diejenigen, denen offiziell Menstruationsbeschwerden attestiert wurden. Die Wirkung gegen diese krampfartigen Schmerzen tarnte den eigentlichen Zweck und ließ die Alice Schwarzer Amerikas jubeln. Margaret Sanger hatte sich über Jahre für ein Mittel zur Geburtenkontrolle eingesetzt.

ANZEIGE

Sie war bereits 70 Jahre alt, als sie 1951 den Biologen Gregory Pincus kennenlernte. Er erklärte ihr bei einem Abendessen, dass es möglich sei, eine Pille zu entwickeln, die verhindert, dass Frauen ungewollt schwanger werden. Für die Frauenrechtlerin Sanger war es der wichtigste Meilenstein auf dem Weg zu ihrem Lebensziel. Sie suchte nach einem oral anwendbaren Verhütungsmittel, günstig und einfach einzunehmen wie Aspirin.

Als die Pille auf den Markt kam, galt das Antiverhütungsgesetz

Der Forscher Pincus setzte mit John Rock die Arbeit des Chemieprofessors Carl Djerassi fort. Der "Erfinder der Pille" stellte das Schwangerschaftshormon Gestagen als Erster erfolgreich synthetisch her. Damit legte er den Grundstein für einen Siegeszug, der ihn selbst am meisten überrascht hat: Niemand habe erwartet, sagt Djerassi heute, dass die Pille in so kurzer Zeit derart populär werden würde.

Danach sah es in den ersten Jahren nicht aus. Allerdings lag die schleppende Nachfrage auch an der Zeit, in die die Erfindung der Pille "hinein geboren" wurde: In 30 US-Bundesstaaten galt das Antiverhütungsgesetz noch und verbannte den Begriff "Familienplanung" in ein Fremdwörterbuch. In Deutschland war die Situation ähnlich. Dort wurde die Antibabypille ein Jahr später zugelassen. Am 1. Juni 1961 brachte das Pharmaunternehmen Schering "Anovlar" auf den Markt. Damals schrieb der Stern: "Ein historischer Tag und ein gewaltiger Schritt nach vorn." Mit dieser Meinung war die Zeitschrift nicht allein.

Viele Frauen äußerten sich in dieser Deutlichkeit aber nur hinter vorgehaltener Hand. Die herrschenden Moralvorstellungen machten die Pille zu einer Art Geheimtipp. Bis Mitte der 60er Jahre fragten nur wenige Frauen gezielt nach der Pille, auch wegen der überwiegend konservativen Frauenärzte.

1964 protestierten 400 Ärzte gegen die Antibabypille

Ihr Kampf gegen die Antibabypille gipfelte in der "Ulmer Denkschrift". Im Juni 1964 protestierten über 400 Ärzte gegen "die derzeitige öffentliche Propaganda für Geburtenbeschränkung" und warnten vor einer "wachsenden Sexualisierung unseres öffentlichen Lebens". Sie wehrten sich dagegen, die Pille an unverheiratete Frauen und Mädchen auszugeben.

Der Ehrenpräsident der Bundesärztekammer und des deutschen Bundesärztetages, Professor Hans Neuffer, sprach von einem Privatrezept, "das jedermann unverbindliche und folgenfreie sexuelle Beziehungen" ermögliche.

Dabei waren das nicht die Gründe, aus denen sich die Frauenrechtlerin Margaret Sanger für die Pille eingesetzt hatte. Die US-Amerikanerin kämpfte zeit ihres Lebens dafür, dass sich der Lebenslauf von Frauen ihrer Generation anders liest als der ihrer Mutter. Diese starb im Alter von 49 Jahren, nachdem sie elf Kinder geboren hatte und insgesamt 18 Mal schwanger war. Sarah Wenger mit dpa

Artikel kommentieren



Realität schlägt Witze