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09. Februar 2010 09:00 Uhr

Kirchen-Skandal

Die missbrauchten Kinder Gottes

Scham und entsetzliche Vorwürfe, sich selbst befleckt zu haben - das empfinden Opfer wie die, die jetzt im Missbrauchs-Skandal am Berliner Canisius-Kolleg viele Jahre nach dem Übergriff von ihrem Leiden berichten.

Genau hier schnappt nach Ansicht der Psychologin Helga Kramer-Niederhauser, Leiterin der katholischen Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle Augsburg, die Traumafalle zu. "Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen führt zu einer massiven Erschütterung der Psyche und der Integrität der Person, weil er häufig von Menschen ausgeht, zu denen sie Vertrauen und Zutrauen hatten", erklärt Kramer-Niederhauser.

Das gelte unabhängig davon, wer der Täter war - ob Pfarrer, Lehrer, Onkel oder Sporttrainer. In der Kirche freilich setzt jeder einzelne Fall die Glaubwürdigkeit einer ganzen Institution aufs Spiel.

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Bonner Rektor tritt zurück

Im Augenblick sind es Dutzende von Missbrauchsfällen, die in der katholischen Kirche in Deutschland bekannt werden (unsere Übersicht). Erste personelle Konsequenzen hatte der Skandal um sexuellen Missbrauch an Jesuiten-Schulen gestern Abend. Der Rektor des Bonner Aloisius-Kollegs trat mit sofortiger Wirkung zurück. Der Pater halte diesen Schritt auch wegen der gegen ihn gerichteten Vorwürfe - etwa der Mitwisserschaft - im Interesse einer lückenlosen Aufklärung für angeraten, hieß es.

In der Diözese Augsburg wurden in den vergangenen zwei Jahrzehnten zwei Missbrauchsfälle bekannt. Im März 1999 musste der Pfarrer von Weißensberg (Kreis Lindau) aus dem Amt scheiden, weil er sich wiederholt an einem 15-jährigen Jungen vergangen hatte. Spektakulär war 1993 der Prozess gegen einen 65-jährigen Pfarrer, der jahrelang ein ihm anvertrautes Mädchen missbraucht hatte. Vor Gericht kam die massive Einschüchterung des Opfers und die Vertuschung seitens der Kirche durch Versetzung des amtsbekannten Delinquenten in eine andere Pfarrei zur Sprache.

"Als ich in der Beratungsstelle angefangen habe, war das Thema sehr tabuisiert", erinnert sich Psychologin Helga Kramer-Niederhauser an die 80er Jahre. Doch erschüttert durch Skandale in den USA gab sich die deutsche katholische Kirche im September 2002 klare Verfahrensrichtlinien. Seither hat jede Diözese einen Ansprechpartner für die Opfer von sexuellem Missbrauch. "Die Enthüllungen zeigen ein dunkles Gesicht der Kirche, das mich erschreckt", sagt Pater Hans Langendörfer, der Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz. Für die Vollversammlung Ende Februar in Freiburg wurde das Thema kurzfristig auf die Tagesordnung gesetzt.

Warum dringt die Erinnerung an Missbrauch mitunter erst viele Jahre später an die Oberfläche? Angst und Scham führen oft zur Verdrängung, erklärt die Psychologin. Häufig ist es auch die Furcht davor, dass keiner ihnen glauben würde.

Jahre später kann das Erlittene wieder aufsteigen, wenn Filme oder Bücher das Thema anreißen oder die eigenen Kinder ins fragliche Alter kommen. Auch Ängste, Depressionen, sexuelle oder psychosomatische Störungen treten auf. "Aber man darf keine simplen Rückschlüsse ziehen", warnt die Psychologin. Von Alois Knoller

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