Nach dem Kreuzfahrt-Unglück in Italien ist der Polizei zufolge ein deutsches Opfer identifiziert worden.


Von acht bisher identifizierten Leichen stamme eine aus Deutschland, sagte ein Carabinieri-Hauptmann am Sonntag auf der Insel Giglio. Seit dort am Freitag vor einer Woche das Kreuzfahrtschiff «Costa Concordia» kenterte, sind zwölf Leichen geborgen worden.
Derweil wurde bekannt: Der Kapitän des gekenterten Kreuzfahrtschiffes hat die Reederei Costa Crociere für sein riskantes Manöver vor der Insel Giglio verantwortlich gemacht. Laut Tageszeitung «La Repubblica» vom Sonntag hat Francesco Schettino bei einer Anhörung vor Gericht diese Woche erzählt, die sogenannte Verbeugung vor Giglio vom 13. Januar «wurde noch vor dem Start in Civitavecchia von Costa geplant und verlangt». Mit Routen, die nahe an der Küste entlang führen, «machen wir Werbung für uns», zitierte der «Corriere della Sera» den unter Hausarrest stehenden Kapitän der «Costa Concordia».
Manöver dieser Art habe es bereits «vor Capri, Sorrento, auf der ganzen Welt» gegeben, habe Schettino vor der Untersuchungsrichterin am vergangenen Dienstag weiter gesagt. Im Anschluss an seine Aussage war er aus der Haft in den Hausarrest entlassen worden. Dagegen will die Staatsanwaltschaft Grosseto Rekurs einlegen und hofft auf die Daten und aufgezeichnete Gespräche der in den vergangenen Tagen gefundenen Blackbox in dem vor Giglio leckgeschlagenen Schiff.
Diese Hoffnung zerstreute Schettino schon in seiner Aussage vor Gericht. «Wir hatten an Bord ein Problem, seit 15 Tagen war das Backup der Sprachaufzeichnung kaputt. Wir haben einen Techniker gebeten, das Problem zu beheben, aber das ist nicht passiert.»
Zugleich rechtfertigte der Kapitän, den Notruf an die Küstenwache mehr als eine Stunde verzögert zu haben: «Aber wir mussten auf Nummer sicher gehen, denn ich wollte weder Passagieren ins Meer schicken noch Panik verbreiten, und es hätte unnötig Tote gegeben.»
Die Rettungsarbeiten im Wrack des havarierten Kreuzfahrtschiffs «Costa Concordia» vor der italienischen Westküste sind in der Nacht zum Sonntag erneut unterbrochen worden. Die Suche nach den verbliebenen 20 Vermissten sei seit 1.30 Uhr eingestellt, weil sich das Schiff erneut bewegt habe, sagte Zivilschutzsprecherin Francesca Maffini. Es müsse nun zunächst geprüft werden, weshalb und wie stark sich das vor der Küste der Insel Giglio liegende Wrack verlagert habe.
Die Suche in dem Schiff, das bisher unmittelbar vor dem Ufer der Insel auf Grund liegt, war bereits häufiger unterbrochen worden. Sollte das Wrack in tieferes Wasser abrutschen, könnte es vollständig untergehen. Am Samstag hatten die Rettungskräfte aus dem Innern des Schiffs die Leiche einer Frau geborgen, womit die Zahl der Opfer des Unglücks auf zwölf stieg. Derzeit versuchen die Rettungskräfte, die wahrscheinlichen letzten Aufenthaltsorte der Vermissten im Schiff einzugrenzen, um gezielter suchen zu können.
Die «Costa Concordia» hatte vor gut einer Woche am Freitagabend mit mehr als 4200 Menschen an Bord vor der Ostküste der Toskana-Insel Giglio einen Felsen gerammt und war nach einem Wassereinbruch gekentert. Dem Kapitän Francesco Schettino wird vorgeworfen, zu nah an die Insel herangefahren zu sein. Nach dem Unglück soll er zudem die Passagiere und die Besatzung an Bord im Stich gelassen haben. Die Mehrheit der noch vermissten Menschen sind Deutsche.
Insgesamt werden noch mehr als 20 Menschen vermisst. Unter ihnen sind nach jüngsten Angaben 12 Deutsche. Die Vermissten sind nach Ansicht des neuen Krisenstab-Chefs Franco Gabrielli «wahrscheinlich» noch an Bord. Daher werde die Suche fortgesetzt, teilte er am Samstag bei einer Pressekonferenz auf der Insel mit.
Gezielte Sprengungen sollten den Tauchern neue Zugänge zu dem Deck schaffen. Mindestens zwei Explosionen waren am Morgen im Hafen von Giglio zu hören, an dessen Küste das gekenterte Schiff seit mehr als einer Woche auf felsigem Grund liegt. Die Frauenleiche wurde nach Angaben der italienischen Nachrichtenagentur Ansa gegen 13.30 Uhr entdeckt und an Land gebracht.
Zugleich rückt die drohende Umweltkatastrophe in den Fokus der Entscheidungen. Bis Sonntagabend soll nach Darstellung Gabriellis entschieden werden, wie die mehr als zwei Millionen Liter Treibstoff - vor allem Schweröl - abgepumpt werden können. Bis dahin dürfe die niederländische Spezialfirma Smit mit diesen Arbeiten nicht beginnen, sagte Gabrielli. Er wolle «den größtmöglichen Einsatz» bringen, um den Inselbewohnern eine Umwelt-Tragödie zu ersparen.
Die italienische Regierung hatte am Freitagabend für die Gegend um den Unglücksort den Notstand beschlossen. Damit sollen schnelle Hilfe und zusätzliches Geld zur Bewältigung der Krise ermöglicht werden. Botschafter Gerdts übermittelte dem Krisenstab den «Dank der Bundesregierung». Widersprüchliche Angaben zur Zahl der Vermissten erklärte der Diplomat mit unterschiedlichen Quellen, etwa Angaben von Verwandten oder Passagierlisten. «Eine Liste von Vermissten zu erstellen, ist schwieriger als man denkt», sagte Gerdts.
Große Anerkennung sprach er den Inselbewohnern aus, die in der Unglücksnacht «spontan menschliche Hilfe» angeboten hätten. Gerdts unterstrich außerdem die gute Zusammenarbeit der lokalen Behörden mit den Mitarbeitern des Bundeskriminalamts, die bei der Identifizierung der Opfer vor Ort helfen. Die Angehörigen der Verschollenen würden von Psychologen des Auswärtigen Amtes betreut.
Spezialkräfte der Feuerwehr durchsuchten in der Nacht zum Samstag den Teil der 290 Meter langen «Concordia», der über Wasser liegt. Der Luxusliner habe sich dabei «Gott sei Dank» nicht bewegt, bestätigte ein Sprecher der Rettungsmannschaften, Luca Cari. Die Befürchtung des Krisenstabs, ein Sturm könnte die Lage des Schiffes und die Rettungsmaßnahmen gefährden, bewahrheitete sich bis Samstagnachmittag nicht. Hoher Seegang könnte das havarierte Kreuzfahrtschiff destabilisieren und weiter sinken lassen.
Unterdessen sind Aussagen des unter Hausarrest stehenden Kapitäns Francesco Schettino bekannt geworden, die ihn teilweise entlasten könnten. Nach Medienberichten vom Samstag sagte Schettino bei einer Anhörung vor Gericht, er habe unmittelbar nach der Kollision mit einem Felsen beim Kreuzfahrt-Unternehmen angerufen und sowohl ein Schlepperboot als auch Hubschrauber zur Rettung gefordert.
«Mir ist ein Malheur passiert», soll Schettino in dem Telefonat gesagt haben. Die Reederei wies die Darstellung zurück. «Er hat uns belogen und auch die Besatzung des Schiffes», betonte der Chef von Reederei «Costa Crociere», Pierluigi Foschi.
Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) will angesichts des Unglücks neue Regeln für die Sicherheit großer Kreuzfahrtschiffe durchsetzen. Deutschland wolle die Evakuierungsrichtlinie der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation (IMO) an die Größenentwicklung der Schiffe anpassen, teilte Ramsauers Ministerium der Nachrichtenagentur dpa mit. Beim Weltverkehrsforum Anfang Mai in Leipzig werde Ramsauer dafür erneut werben.
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