Am Ende nahm die ganze Diskussion fast schon philosophische Züge an. Hat nun jeder Mensch im Leben eine zweite Chance verdient? Und wenn ja: Darf man ihn trotz einschlägiger Vorgeschichte mit einer - nicht gerade unbeachteten nationalen - Auszeichnung versehen? Beim Sozialen Netzwerk Facebook hatten viele Menschen bereits vor der 63. Bambi-Verleihung am Donnerstagabend in Wiesbaden eine klare Meinung dazu: "Kein Bambi für Bushido", hieß das Motto mancher Gruppen. Viele im Saal hatten wohl ähnlich gedacht und blieben entsprechend zurückhaltend, als der Berliner Rapper den Preis für Integration in Empfang nahm - und damit für einen mittelprächtigen Eklat sorgte.
Laut Definition meint Integration so etwas wie die Einbeziehung von Gruppen, die am gesellschaftlichen Leben eher wenig Teilhabe haben. Der Kampf gegen Vorurteile gegenüber Ausländern oder Homosexuellen etwa zählt dazu. Was nun Songtexte wie "Ihr Tunten werdet vergast" oder "Nur weil du eine Frau bist (...), heißt es nicht, dass ich dich nicht schlage, bis du blau bist" dazu beitragen? Wohl eher wenig. Aber sie stammen (nun) von einem preisgekrönten Künstler.
Man muss kein verbohrter Bushido-Kritiker sein, um in den älteren Texten von Anis Mohamed Youssef Ferchichi - so sein bürgerlicher Name - einen mehr oder weniger ausgeprägten schwulen- und frauenverachtenden, sexistischen und gewaltverherrlichenden Tonfall zu erkennen. Sicherlich: Ein bisschen spielt hier auch das Genre hinein. Rap ist nicht immer nach jedermanns Geschmack, schon gar nicht seine Texte. Ob es dafür neben dem Geld von vielen Jugendlichen aber auch noch eine "besonders wertvolle" Auszeichnung - so die Worte von Laudator Peter Maffay - braucht, ist die andere Frage.
Harsche Kritik von Peter Plate
Zumindest einer hatte dazu eine klare Meinung, mit der er auch nicht hinterm Berg hielt. "Es ist sehr wichtig, dass wir uns Chancen geben", sagte Songschreiber Peter Plate, Teil des Duos Rosenstolz und bekennender Homosexueller. "Aber jemanden, der frauenfeindliche, menschenverachtende Texte gesungen hat, so einen Musiker auszuzeichnen, finde ich nicht korrekt." Mehrere Gäste im Saal spendeten spontan Applaus.
Bushido entgegnete noch in seiner Dankesrede, er sei jetzt 33 Jahre alt und werde heute ganz bestimmt nicht mehr das sagen, was er vielleicht vor zehn Jahren gesagt habe. "Und ich habe gelernt, dass das, was ich gesagt habe, falsch war." Alles in allem habe er aber keine Lust, sich zu rechtfertigen, die Kritik an seiner Person interessiere ihn nicht.
Minutenlanger Applaus für Helmut Schmidt
Daneben wartete die Verleihung mit der üblichen Mischung aus internationalen Superstars und nationalen Sympathieträgern auf. Einer der Höhepunkte war die Vergabe des "Millennium-Bambi" an Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt (92). Der SPD-Politiker wurde mit minutenlangem stehendem Applaus empfangen. Schmidt rief dazu auf, die friedliche Zusammenarbeit der Nationen zu pflegen. "Dies bleibt der entscheidend wichtige Teil aller unserer Pflichten", sagte der Alt-Kanzler staatstragend. Deutschland sei heute stabiler als je zuvor. Die Krise der Europäischen Union (EU) müsse mit Geduld gelöst werden.
Weitere Preisträger waren unter anderem Pop-Ikone Lady Gaga, Teenie-Star Justin Bieber, TV-Urgestein Thomas Gottschalk, Hollywood-Schauspielerin Gwyneth Paltrow sowie die Schauspielerin Ruth-Maria Kubitschek. Bambi ist nach Angaben der Organisatoren der älteste deutsche Medienpreis. Der Burda-Verlag ("Bunte", "Focus") verleiht die Rehkitz-Trophäe Bambi jährlich seit 1948. mit dapd
Bambi-Preisträger 2011
Kategorie Internationaler Film: Gwyneth Paltrow
Kategorie Comeback: Rosenstolz
Kategorie Lebenswerk: Ruth Maria Kubitschek
Kategorie Newcomer: Tim Bendzko
Kategorie Entertainment: Justin Bieber
Kategorie Pop International: Lady Gaga
Kategorie TV-Ereignis des Jahres: Thomas Gottschalk
Kategorie Integration: Rapper Bushido
Kategorie Unsere Erde: Delfintrainer und Tierschützer Ric O'Barry
Kategorie Millennium-Bambi: Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt
Kategorie TV-Mehrteiler des Jahres: "Der Mann mit dem Fagott" (ARD)
Kategorie Schauspieler National: Matthias Brandt
Kategorie Schauspielerin National: Jeanette Hain
Kategorie Film National: "Männerherzen und die ganz ganz große Liebe"