Sonntag, 19. November 2017

13. November 2017 14:07 Uhr

Essen

Er soll Krebsmedikamente gepanscht haben: Bottroper Apotheker steht vor Gericht

Einer der größten Arzneimittelprozesse der vergangenen Jahre hat am Montag in Essen begonnen: Tausendfach soll ein Apotheker Krebsmedikamente mit zu wenig Wirkstoff versehen haben.

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Ein 47-jähriger Apotheker steht am Montag in Essen vor Gericht: Er soll seit 2012 fast 62.000 Krebsmedikamente gepanscht haben.
Foto: Rolf Vennenbernd, dpa

Es geht um Betrug in Millionenhöhe und um mindestens 1000 geschädigte Krebspatienten: In einem der spektakulärsten Medizin-Skandale der vergangenen Jahre steht ein Apotheker in Essen vor Gericht, weil er massenhaft Krebsmedikamente gepanscht haben soll. Zwischen 2012 und 2016 soll der Apotheker fast 62.000 Mal Krebsmedikamente mit zu wenig Wirkstoff versehen haben. Es sei ihm darum gegangen, "sich eine erhebliche Einnahmequelle zu verschaffen", argumentiert die Staatsanwaltschaft.

Der mutmaßliche Medikamentenskandal war von zwei Mitarbeitern des Apothekers aufgedeckt worden. Sie hatten sich über einen Anwalt an die Staatsanwaltschaft gewandt. In der Anklageschrift sind 35 Wirkstoffe aufgeführt, von denen der Apotheker höchstens 70 Prozent der eigentlich benötigten Menge eingekauft haben soll. Die Anklage lautet auf Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz, Betrug und versuchte Körperverletzung.

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Dem 47-Jährigen drohen bis zu zehn Jahre Haft sowie ein Berufsverbot. "Er ist ungeeignet, den Beruf eines Apothekers zu bekleiden", heißt es in der über 800 Seiten langen Anklageschrift. Laut Anklage soll allein den gesetzlichen Krankenkassen ein Schaden von 56 Millionen Euro entstanden sein. Ob der Angeklagte im Laufe des Prozesses sein Schweigen bricht und sich erstmals zu den Vorwürfen äußert, blieb zunächst unklar. Zahlreiche Kunden der Bottroper Apotheke verfolgten den Prozessauftakt am Montag und hofften auf Antworten.

Bottroper Apotheke: Betroffene Kunden hoffen auf Erklärung

Betroffen sind den Ermittlungen zufolge Patienten von 37 Ärzten, Praxen und Kliniken in sechs Bundesländern, die meisten in Nordrhein-Westfalen. Lieferungen gingen aber auch an jeweils eine Klinik oder Praxis in Rheinland-Pfalz, dem Saarland, Baden-Württemberg, Niedersachsen und Sachsen. Um nicht wegen ausbleibender Nebenwirkungen oder Farbabweichungen aufzufallen, soll der 47-Jährige beim Verdünnen und Panschen großen Wert darauf gelegt haben, dass "immerhin ein wenig Wirkstoff in den Infusionsbeuteln vorhanden war", heißt es in der Anklage.

Rund 20 Kunden des Apothekers oder ihre Angehörigen sind für den Prozess als Nebenkläger zugelassen. Sie erwarten vor allem Antworten auf die Frage nach dem Warum. Annelie Scholz ist zu Prozessbeginn aus Bottrop angereist. Die 66-Jährige hat ihre Tochter an Krebs verloren. "Ich habe kein Vertrauen mehr", sagt sie unter Tränen. Und dann der Auftritt des Angeklagten: Wie er da so zielstrebig in den Saal gelaufen sei, so als wenn er einkaufen ginge. "Da habe ich gedacht: Der ist eiskalt. Als wenn ihn das alles nichts angeht. So nach dem Motto: Die Anwälte machen das schon."

Die Anklage lautet auf Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz, Betrug und versuchte Körperverletzung. Doch damit wollen sich die Anwälte der Betroffenen nicht zufrieden geben. Sie wollen, dass das Verfahren an das Schwurgericht abgegeben wird, dorthin, wo über Mord und Totschlag verhandelt wird. "Der Angeklagte hat es in Kauf genommen, dass eine Vielzahl von Patienten vorzeitig verstirbt", so Anwalt Hans Reinhardt, der eine an Krebs erkrankte Frau aus Gladbeck vertritt.

Anwalt Siegmund Benecken, der ebenfalls als Nebenklagevertreter im Verfahren ist, spricht schon vor Prozessbeginn von "grenzenloser Menschenverachtung, eiskaltem Gewinnstreben und Habgier". Nach Verlesung der Anklageschrift stellt er sofort den Antrag, das Strafverfahren von der Wirtschaftsstrafkammer an das Schwurgericht abzugeben. "Im Gegensatz zu der Auffassung der Staatsanwaltschaft ist dem Angeklagten sehr wohl ein Tötungsvorsatz nachzuweisen", so Benecken. Außerdem seien die Betroffenen daran interessiert, zu erfahren, welches Schicksal der Einzelne genommen habe. "Und nicht, ob die Versicherung 40 oder 50 Millionen Euro Schaden erlitten hat." Benecken vertritt Cornelia Thiel, 59 Jahre, aus Marl. Was sie von dem Prozess erwartet? "Ich möchte, dass der Angeklagte nachempfinden kann, was er für ein Leid über krebskranke Menschen gebracht hat."Ihr eigenes Leid sei die Ungewissheit. "Ich möchte wissen, ob er mir Lebensjahre geklaut hat."

Apotheken sollen stärker kontrolliert werden

Keiner der womöglich um die tausend Betroffenen kann offenbar sagen, ob er Medikamente mit ausreichend Wirkstoff erhalten hat. "Wenn ich darüber nachdenke, wird mir ganz anders", sagt Heike Benedetti, 56 Jahre, aus Bottrop. Ihr Kampfesgeist ist jedoch ungebrochen. "Ich möchte leben", sagt sie am Rande des Prozesses. "Es geht mir aber nicht aus dem Kopf, dass jemand auf Kosten von Patienten ein Luxusleben geführt hat."

Die Stiftung Patientenschutz forderte von Bund und Ländern, solche Schwerpunktapotheken für Krebsmedikamente schärfer zu kontrollieren. Deutschlandweit gebe es 300 dieser Apotheken, sagte Stiftungsvorstand Eugen Brysch. Anders als bislang müsse jede viermal im Jahr durch einen Amtsapotheker kontrolliert werden. Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) hatte nach Bekanntwerden der Vorwürfe bereits verbesserte Regelungen bei der Apothekenüberwachung angekündigt. dpa/afp/AZ

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