Mittwoch, 18. Oktober 2017

11. Oktober 2017 19:05 Uhr

Kino-Kritik

Filme der Woche: American Assassin, Vorwärts immer und eine Dynastie im Untergang

Ein Mann sinnt einsam auf Vergeltung, ein Meisterregisseur der Abgründe seziert den Zerfall mit überraschender Leichtigkeit und ein Slapstick zum DDR-Ende: die Filmkritiken.

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Vom Verfall gezeichnet ist die Industriellenfamilie um den betagten Patriarchen (Jean-Louis Trintignant) und seine Tochter Anne (Isabelle Huppert, Mitte).
Foto: dpa, X-Verleih

American Assassin

Wenn Heiratsanträge nicht am Ende, sondern gleich zu Beginn eines Filmes gestellt werden, geht die Angelegenheit selten gut aus. In Michael Cuestas „American Assassin“ führt die Verlobung für den jungen Mitch Rapp (Dylan O’Brien) schon während der ersten Filmminuten in Ereignisse von traumatischer Brutalität. Kaum hat die Freundin am Strand von Ibiza in den Antrag eingewilligt, richten islamistische Terroristen in der Hotelanlage ein Massaker an. Während die Verlobte vor seinen Augen erschossen wird, überlebt Mitch schwer verletzt.

Achtzehn Monate später ist aus dem romantischen Helden ein durchtrainierter, vollbärtiger Rachekrieger geworden, der nachts im Darknet Kontakte zu muslimischen Milizen aufnimmt. Als es ihm gelingt, in Libyen eine Terrorzelle zu infiltrieren, stürmt ein CIA-Kommando das Gelände. Dessen Leiterin Irene Kennedy (Sanaa Lathan) will den kompetenten Einzelkämpfer nun für ein Undercover-Team anwerben. Der beinharte Ausbilder Stan Hurley (Michael Keaton) versucht, Mitch vom unkontrollierten Wutbürger zum patriotischen Erfüllungsgehilfen umzuschulen, der schon bald einen Bösewicht (Taylor Kitsch) mit 15 Kilo waffenfähigem Plutonium stoppen soll.

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Als sterile Mixtur zwischen „Bourne“ und „Taken“ hat Michael Cuestas („Kill the Messenger“) seinen hartgekochten Actionfilm angelegt, der nicht an klar ausformulierten Gewaltszenen spart und das Konzept staatlich sanktioniertem Mordens an keiner Stelle hinterfragt. Der junge Dylan O’Brien („Maze Runner“) weist als omnipotenter Agent erhebliche Glaubwürdigkeitsdefizite auf, auch weil ihm kaum relevantes Dialogmaterial zur Verfügung steht. Immerhin inszeniert Cuesta die Kampf- und Ac-tionsequenzen vor Istanbul und Rom handwerklich routiniert.

American Assassin (1 Std. 52 Min.), Action, USA 2017

 

Happy End

Näher an einer Farce war Michael Haneke mit seinen Dramen von Zerfall und Vergletscherung des europäischen Bürgertums nie als nun bei „Happy End“. Man muss diesen Film nicht unbedingt als Farce verstehen, dazu sind die Personen viel zu komplex und intim gezeichnet, ihre Darsteller viel zu menschennah. Wie bei Franz Kafka, dessen „Schloss“ Haneke eine sehr treue Adaption widmete, könnte man angesichts des dargestellten Grauens auch in Gelächter ausbrechen.

Wenn man sich trauen würde. Hier jedenfalls gibt es Szenen, in denen ein kosmisches Lachen über die Menschen unserer Zeit widerhallt: das Unglück, das ausgelöst wird, weil jemand zur Unzeit auf ein Dixi-Klo geht, das Meerschwein, das mit Antidepressiva gefüttert wird, eine Familie, in der der Selbstmordversuch zum bevorzugten Kommunikationsmittel wird, der todessehnsüchtige alte Mann, der mit seinem Rollstuhl nur bis zur Hüfte in den Atlantik gelangt ...

In Calais kämpft die Unternehmerdynastie Laurent ums Überleben von Firma und Familie. Noch residiert man stilvoll: in der Villa, mit nordafrikanischem Dienstpersonal und einem Rest großbürgerlicher Contenance. Doch die Welt der Laurents ist dem Untergang geweiht – und ihr Vergehen schert den Rest der Welt kein bisschen. Mit den Laurents gehen vermutlich der alte, dynastische Kapitalismus, die bürgerliche Gesellschaft, Europa und natürlich das Abendland zugrunde. Vielleicht haben sie aber auch bloß den Anschluss verpasst in ihrer destruktiven Abhängigkeit voneinander.

In dieses Un-Idyll kommt die zwölfjährige Eve (Fantine Harduin), Tochter aus Thomas’ erster Ehe, nach einem Suizidversuch der Mutter. Natürlich geben sich alle mehr oder weniger Mühe, ein neues Mitglied in die Familie aufzunehmen, deren Zerfall indes eher beschleunigt als aufgehalten wird. Was bleibt, ist nur die Unfähigkeit, über das eigene Unglück zu sprechen.

Es ist das wiederkehrende Motiv dieses Films: Ansätze, miteinander zu reden, die in Verstummen oder Verzweiflung enden. Das liegt nicht nur an ökonomischen und emotionalen Gegebenheiten; von Anfang an sehen wir die Figuren auch als Gefangene ihrer Räume. In jeder Einstellung erforscht Haneke die Dialektik zwischen dem Menschen und seiner Umwelt. Der Smartphone-Film, die SMS-Nachrichten, die Youtube-Collage – werden bei ihm als Mittel der Erzählung und zugleich als Bilder der Entfremdung eingesetzt. Wenn die Menschen hier über ihre digitalen Maschinen kommunizieren, sind sie immerhin noch ehrlicher, als wenn sie körperlich beieinander sind.

Thomas hat ein heimliches Verhältnis mit einer Musikerin, was zur einzigen, aber ausgesprochen dramatischen Musikszene des Films führt. Wie in „Die Klavierspielerin“ ist Musik hier ganz und gar kein Trostpflaster, schon eher das Aufbrechen einer Wunde. „Happy End“ ist kein Film katastrophischer Engführung, sondern einer der Auffächerung. Viele Geschichten stecken in dieser Familienaufstellung, die prominent besetzt ist mit Isabelle Huppert, Jean-Louis Trintignant und Franz Rogowski. Immer wieder gibt es Verweise, Andeutungen und Assoziationen. Man könnte „Spiel“ dazu sagen. All das und der ungewohnte Raum, den wie immer die traumhafte Beziehung zwischen Regie und Schauspiel gewährt, macht, dass „Happy End“ ein Film von überraschender Leichtigkeit ist. Ein wenig wirkt es, als sei er zugleich ein Abschluss und ein Neuanfang.

Happy End (1 Std. 50 Min.), Tragödie, F/D/Österreich 2017

 

Vorwärts immer!

Die DDR im Oktober 1989. Scharenweise verlassen die Leute das Land und wer da bleibt, ruft nach Gorbi. Kein Wunder, dass Erich Herzrasen hat. Es handelt sich allerdings nicht um den echten Honecker, sondern um den Schauspieler Otto Wolf (Jörg Schüttauf), der für ein nicht ganz offizielles Bühnenstück in dessen Rolle geschlüpft ist. Auch Ottos Tochter Anne (Josefine Preuß) will rübermachen. Aber ihr Papa vereitelt den Plan. Deshalb wird Anna mit Freunden nach Leipzig fahren, wo auch an diesem Montag die Opposition friedlich auf der Straße demonstrieren wird.

Aber diesmal, so erfährt der schockierte Otto, soll der Schießbefehl ausgegeben werden. Von Verzweiflung getrieben, entsteht ein waghalsiger Plan. In der Rolle als Staatsratsvorsitzender geübt, macht sich Otto in Richtung Zentralkomitee auf, um als falscher Erich die verhängnisvolle Order zu stoppen. Basierend auf dem Slogan „Vorwärts immer! Rückwärts nimmer!“ des ZK-Generalsekretärs ist eine hübsche, nicht allzu tief schürfende Verwechslungskomödie vor ernstem Hintergrund entstanden. Liebevoll in Szene gesetzt hat sie Franziska Meletzky. Die Filmemacherin scheut nicht vor Slapstick zurück, wohl aber vor Plattitüden.

Vorwärts immer! (1 Std. 38 Min.), Komödie, Deutschland 2017

 

What happened to Monday?

„One World. One Child“ – mit diesem Slogan wird auf großformatigen Werbetafeln für die staatlich verordnete Ein-Kind-Politik geworben. Wir befinden uns nicht in China, sondern in einem weitaus rigideren Regime einer nicht allzu fernen Zukunft. Infolge der weltweiten Überbevölkerung sind Hungersnöte ausgebrochen. Die gentechnisch manipulierten Nahrungsmittel, mit denen man versuchte, die Lage in den Griff zu bekommen, führten zu einem rasanten Anstieg von Mehrlings-Geburten. Seitdem gilt: Ein Kind pro Familie und dieses Gesetz wird mit aller Härte durchgesetzt.

Geschwisterkinder werden von Polizeieinheiten aufgespürt und in einen medizinischen Hibernationsmodus versetzt. Nachdem seine Tochter bei der Geburt von Siebenlingen gestorben ist, versteckt Terrence Settman (Willem Dafoe) seine Enkeltöchter und zieht sie alleine auf. Nach den Wochentagen benannt, dürfen die eineiigen Geschwister jeweils nur an einem Tag in der Woche das Haus verlassen. Draußen nehmen sie die künstliche Identität der Karen Settman an, während sie zu Hause ihre verschiedenen Charakterzüge ausleben.

Die schwedische Schauspielerin Noomi Rapace übernimmt die Herkulesaufgabe, alle sieben Schwestern zu verkörpern. Souverän skizziert sie die unterschiedlichen Geschwistercharaktere. Das Setting, das Regisseur Tommi Wirkola in „What happened to Monday?“ aufbaut, ist durchaus vielversprechend. Aber leider weiß der Regisseur mit seiner interessanten Idee nichts anzufangen. Schon bald wird klar, dass nach dem Verschwinden von Monday eine Schwester nach der anderen aus ihrem Versteck herausgelockt und einen gewaltsamen Tod erleiden wird. Statt die Schwesternfiguren tiefer zu charakterisieren, ertränkt Wirkola das Potenzial der Geschichte in ziellosem Action-Gezappel.

What happened to Monday? (2 Std. 4 Min.), Actionthriller, GB/F 2017

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