Sonntag, 20. August 2017

26. Oktober 2015 10:58 Uhr

Verschwörungstheorien

Goldener Aluhut für Kopp-Verlag und Xavier Naidoo

Den Preis will niemand haben: Der "Goldene Aluhut" prämiert die skurrilsten Verschwörungstheorien. Preisträger 2015 sind unter anderem der Kopp-Verlag und Xavier Naidoo. Von Sebastian Huld

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Aluhut statt Mütze: Xavier Naidoo bekommt einen Preis, weil er vor so genannten Reichsbürgern auftrat.
Foto: Jan Woitas (dpa)

Bei Krankheit, Liebeskummer oder Weltschmerz gibt es endlich ein Gegenmittel: Die Lichtenergie der Einhörner. Und weil die Wrage GmbH ein Tagesseminar zum Erlernen dieser Einhorn-Heilkräfte anbietet, wird ihr eine besondere Ehre zuteil. Das Hamburger Esoterik-Unternehmen gehört zu den Gewinnern des erstmals verliehenen Goldenen Aluhuts, dem Oscar für die skurrilsten Verschwörungstheorien und Pseudo-Wissenschaften.

Am Freitag wird der ironisch gemeinte Preis feierlich in Berlin verliehen - auch wenn die Preisträger es vorziehen, der Veranstaltung fernzubleiben.

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Der Aluhut ist ein in der Popkultur bekanntes Symbol, weil es Menschen gibt, die sich damit gegen die Kontrolle der eigenen Gedanken durch fremde Mächte abzuschirmen versuchen. Organisiert wird der Preis von Giulia Silberberger und ihren Mitstreitern. Die 34-jährige Berlinerin hatte im Sommer auf Facebook zunächst Vorschläge für potenzielle Preisträger gesammelt. Die schließlich Nominierten wurden auf fünf Preiskategorien aufgeteilt. Rund 7000 Menschen stimmten Silberberger zufolge über den Gewinner ab.

So gewann die Einhorn-Therapie überlegen in der Kategorie Esoterik, Gedankenkontrolle und Pseudo-Wissenschaften. Dabei gab es ernstzunehmende Konkurrenz wie den Autoren Dieter Bremer. Der Mann behauptet auf seiner Website, die sagenumwobene Stadt Atlantis sei in Wahrheit ein Raumschiff gewesen.

Ebenfalls abgeräumt hat der Kopp-Verlag in der Kategorie Medien und Blogs. Ob Krebstherapien mit Vitaminen, Alien-Sichtungen oder Hetze gegen Flüchtlinge und Journalisten: Verlagsgründer Jochen Kopp bietet abseitigen Autoren eine Plattform und bekam deshalb 50 Prozent der Stimmen.

Nur in der Kategorie »Rechtsesoterik, Reichsbürger und BRD-GmbH» war das Ergebnis noch eindeutiger: Mit 61 Prozent der Stimmen fuhr Soul-Sänger Xavier Naidoo den eindeutigsten Sieg ein. Naidoo war vor so genannten Reichsbürgern - einem losen, aber wachsenden Zusammenschluss von Rechtspopulisten - aufgetreten.

Ebola und Chemtrails

Eng dagegen war das Abstimmungsergebnis in der Kategorie Chemtrails. Die Chemtrailer sehen in den Kondensstreifen, die Flugzeuge am Himmel hinterlassen, Chemikalien zur Kontrolle von wahlweise Wetter oder Erdbevölkerung. Die in der Szene besonders aktive Künstlerin Ria den Breejen gewann knapp. In der Kategorie Medizin setzte sich die Gruppe »Impfen? Nein, Danke!» hauchdünn vor Richard Hiltner durch, der die Ebola-Epidemie in Westafrika mit homöopathischen Mitteln hatte stoppen wollen.

Was für Außenstehende amüsant klingt, hat einen ernsten Hintergrund: »Sekten und Verschwörungstheorien sind immer weiter in der Mitte der Gesellschaft angekommen», sagt Silberberger und spricht von einer regelrechten »Epidemie» in den sozialen Netzwerken.

Die gelernte PR-Frau weiß, wovon sie spricht: Sie wuchs bei den Zeugen Jehovas auf und konnte sich erst nach jahrelangem Kampf aus der engen Umklammerung der Glaubensgemeinschaft befreien. »Ich habe mir gesagt, ich muss mein Wissen teilen», sagt Silberberger über den Start ihres Blogs dergoldenealuhut.de. Dort setzt sie sich mit inzwischen zwölf ehrenamtlichen Redakteuren kritisch mit Verschwörungstheorien auseinander. Zudem ist die Website Anlaufpunkt für Menschen, die sich selbst oder deren Bekannte sich in Sekten und Verschwörungsgruppen verloren haben.

»Die Leute bedanken sich für unsere Arbeit», sagt Silberberger. Sie will nun ihr kleines Unternehmen in eine Stiftung umwandeln. »Wir wollen das gemeinnützig machen, weil der Bedarf da ist.» Zudem soll die Preisverleihung im kommenden Jahr in deutlich größerem Maßstab stattfinden.

Im schon lange ausverkauften Berliner Veranstaltungshaus Pfefferberg werden am Freitag 160 Menschen an der Preisverleihung teilnehmen. Die Preisträger selbst hätten ihre Einladungen jedoch ignoriert. »Ich habe angeboten, dass sie selbst reden können, wenn wir anschließend eine sachlich moderierte Diskussionsrunde führen», sagt Silberberger. Doch dazu wird es zu ihrem Bedauern nicht kommen. afp

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