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12. März 2009 19:45 Uhr

Kommentar: Der Mensch als großes Rätsel

Von Rainer Bonhorst Man hat durchgeatmet. Der erste Schock ist einer tiefen Ratlosigkeit gewichen. Für die Menschen, die der Amoklauf von Winnenden unmittelbar betroffen und getroffen hat, ist die Zeit des Leidens noch lang. Sie kann ein ganzes Leben dauern. Von Rainer Bonhorst

Für die meisten von uns, die wir den Massenmord über die Medien erfahren haben, geht der Alltag weiter und wir haben wieder einmal keine Antwort auf die Frage: Wie konnte das passieren? Denn der Mensch ist das größte aller Rätsel, als Individuum, aber auch als Gattung.

Die Geschichte lehrt uns, dass höchste Kultur- und Zivilisationsleistungen und abgrundtiefe Grausamkeiten nebeneinander, ja miteinander existieren. Liebe, Frömmigkeit und Feinsinn stecken im Menschen ebenso wie Hass, Brutalität bis hin zum Mordwahn.

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Der KZ-Mörder, dem bei feiner Musik die Tränen kommen, ist das klischeehafte, aber furchtbar wirkliche Beispiel für diese Schizophrenie. Und sogar scheinbar hehre Motive können in Schreckliches umschlagen. Ein Soldat, der in guter Mission unterwegs ist, lässt sich plötzlich und unerklärlich zu Verbrechen hinreißen. Ein frommer Mensch wird in maßloser Verblendung zum Hexenverbrenner. Ein politischer Idealist in nicht weniger maßloser Verblendung zum Terroristen. Ein Liebender wird zum Rasenden und löscht die aus, die er zu lieben schien. Ja, der Mensch ist das größte unergründliche Rätsel. Er kann vieles sein, und manchmal steckt in ihm ein Dr. Jekyll und Mr. Hyde.

Die Literatur, in diesem Fall die von Robert Louis Stevenson, hat lange vor den Psychologen die Abgründe der menschlichen Seele erkannt und erforscht. Jekyll und Hyde: Wenn eine solche doppelgängerische Verwandlung vom guten, unauffälligen Bürger zum blutrünstigen Monster vor unseren Augen Realität wird, erschrecken wir tief. Wir erschrecken vor dem Täter und vor dem Abgründigen im Menschen.

Ein Teil der Menschheitsgeschichte ist der Versuch zu verhindern, dass der Einzelne zur Bestie wird. Tyrannen nutzen dieses Argument, um die Freiheit des Menschen zu unterdrücken, und werden darüber selbst zu Bestien.

Der freie Mensch und der gefährliche Mensch: Um dieses Spannungsfeld geht es immer wieder in unserer Geschichte. In einem Gefängnis ist ein Amoklauf lediglich ein Versagen der Bewacher. In einer freien, zivilisierten Gesellschaft ist ein Amoklauf eine Herausforderung, die kaum zu fassen ist.

Sosehr es unsere zivilisatorische Aufgabe ist, alles zu tun, um solche Explosionen des Unmenschlichen zu verhindern. So wissen wir doch, dass wir ihrer nie ganz Herr werden, selbst wenn wir diesem Versuch unsere Freiheit opferten.

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