In Berlin und München dürfen Menschen, die in öffentlichen Verkehrsmitteln aufeinandertreffen und sich kennenlernen wollen, auf ein Happy End hoffen. Von Sarah Wenger und Nadja Aswad

Ärgerlicher geht es wohl kaum: Daniel lebt erst seit Kurzem in Berlin. Er sitzt im Bus, ist unterwegs nach Hause. Dann steigt SIE ein.
Drei Stationen lang sitzt die schöne Unbekannte neben ihm, dann steigt sie aus - vergisst aber vorher nicht, Daniel ihre Handynummer aufzuschreiben. Nein, aufzumalen. Die Bustüren schließen sich. Egal. Er hat ja ihre Nummer. Theoretisch: Sie hat mit Füller geschrieben, doch die letzten drei Zahlen sind verwischt.
Der "Frau mit dem Cockerspaniel" geht es ähnlich: In der Münchner S-Bahn traf sie ihren Traummann, einen BWL-Studenten aus der Nähe von Oldenburg - und hat sich beim Aussteigen nicht getraut, nach seiner Telefonnummer zu fragen.
"Vielleicht schaust Du ja hier rein", hofft sie nun in einem Eintrag auf der Internetseite des Münchner Verkehrs- und Tarifbundes (MVV). Wie Daniel aus Berlin versucht auch sie ihr Glück jetzt auf eine außergewöhnliche Art.
Denn: In Berlin und München dürfen Menschen, die in öffentlichen Verkehrsmitteln aufeinandertreffen und sich näher kennenlernen wollen, auf ein Happy End hoffen.
Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und der MVV schenken Menschen wie ihnen eine zweite Chance. Auf der Internetplattform "Meine Augenblicke" können Berliner nach ihren Flirtpartnern suchen, die Seite des MVV ist ein bisschen schwieriger aufzuspüren. Unter der Rubrik "Freizeit-Ideen" findet sich schließlich auch das Stichwort "Flirt".
Das wichtigste Kriterium bei beiden Seiten ist die U-Bahn, Bus- oder Tramlinie. Schließlich muss der potenzielle Partner wissen, wo man ihn gesehen hat. 80 000 bis 120 000 Klicks verzeichnet Petra Reetz, Pressesprecherin der BVG, pro Monat.
Am Valentinstag vor vier Jahren war "Meine Augenblicke" gestartet. "Keine Werbung, nur Mundpropaganda", erklärt Reetz das Konzept. "Wir garantieren 100-prozentige Diskretion", sagt sie und klingt dabei genau so, wie sie nicht klingen möchte: "Wir sind keine Kontaktbörse."
Berlin machte den Anfang, dann kam das Konzept nach München
Berlin war der Vorreiter. Später meldeten München und Hamburg, aber auch Paris und London ihr Interesse an dem Konzept. Während kommerzielle Partnervermittlungen stets auf der Suche nach dem größten gemeinsamen Nenner sind, steht bei der BVG der Moment, der Augenblick im Vordergrund.
Für einen jungen Mann blieben diese paar Sekunden vor vier Jahren so unvergesslich, dass er bei der BVG anrief: "Ich habe heute in der U6 meine Traumfrau gesehen." Reetz kann sich genau an diese Worte erinnern. Sie fragte Freunde, Kollegen, Bekannte und stellte fest: "Fast jeder kannte jemanden, dem es auch schon so gegangen ist."
Sie erkundigte sich bei der Technik und erfuhr: Der Server der BVG war groß genug, um eine Plattform in die bestehende Webseite zu integrieren. Schließlich durfte die Fahrplanauskunft nicht unter der Last der Kontaktanzeigen zusammenbrechen.
Das Berliner Modell ist ein Erfolg - so wie es ist. Zwar ruft die BVG unter dem Stichwort "Gefunden?" Pärchen, die dank "Meine Augenblicke" zueinandergefunden haben, auf, sich zu melden. Doch Reetz hat festgestellt: "Die Nutzer wollen das gar nicht."
Vielleicht kehrt bei den Liebenden im Rückblick dann doch der Sinn für Romantik zurück, der in Bus, Bahn oder Tram gefehlt hat. Von Sarah Wenger und Nadja Aswad
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