Nicht nur die Trauer und die Erinnerungen an die Flammenhölle machen den Überlebenden der Brandkatastrophe von Ludwigshafen zu schaffen. Auch die Sinnlosigkeit des Unglücks beschäftigt sie. Weil eine marode Decke nicht repariert wurde, gab es keine Fluchtmöglichkeit mehr.



Ludwigshafen (dpa) - Es sind nicht nur die Trauer um die neun Toten und die Erinnerungen an die Flammenhölle. Da ist auch diese quälende Ungewissheit, die den Überlebenden der Brandkatastrophe von Ludwigshafen zu schaffen macht: Auch nach mehr als drei Wochen ist die Ursache noch nicht geklärt.
Hat in dem Haus der türkischen Familien jemand den Brand gezielt gelegt? War es Fahrlässigkeit? Oder ist ein technischer Defekt daran schuld, dass neun Frauen und Kinder ihr Leben lassen mussten? In Kürze wollen die Ermittler ein Gutachten vorlegen, das auf all diese Fragen Antwort geben soll.
Wie stern.de berichtet trugen die gravierenden Mängel an dem Haus aber maßgeblich zum Ausmaß der Katastrophe bei. So hätte die Eigentümer nach der Renovierung ihrer eigenen Wohnung schweres Baumaterial im Dachboden des Hauses abgestellt. Durch das enorme Gewicht hatte sich offenbar die Decke der darunterliegenden Wohnung um mehrere Zentimeter gesenkt. Als der Brand ausbrach gab die Decke schnell nach. Die gelagerten Materialien und Gerätschaften, die ebenfalls herabstürzten, versperrten der Familie, die in dieser Wohnung lebte, den Fluchtweg.
Angeblich hatte sich die Familie mehrfach über den Zustand der Wohnung beschwert. Auch die Stromleitungen des Hauses seien marode gewesen und unsachgemäß installiert, berichtet stern.de. Für die linke Haushälfte gab es nur einen Stromzähler und immer wieder beklagten sich die Mieter über horrende Stromabrechnungen. Doch die Beschwerden bei den Hauseigentümern blieben erfolglos.
Sollten die Mängel am Haus auch nicht den Brand ausgelöst haben, so trugen sie doch zu den katastrophalen Ausmaßen bei.
Die Staatsanwaltschaft hält sich jetzt, in dieser entscheidenden Phase, mit allen Vermutungen zurück. Immer wieder weist Behördenchef Lothar Liebig darauf hin, dass in alle Richtungen ermittelt und keine Ursache ausgeschlossen wird. Die Zurückhaltung hat einen guten Grund. Der Oberstaatsanwalt weiß genau, dass öffentlich angestellte Vermutungen oder gar eine Festlegung schwere Folgen haben könnten - und zwar weit über Ludwigshafen hinaus. Sollte sich herausstellen, dass doch ein Anschlag hinter der Katastrophe steckt, dürfte den deutsch-türkischen Beziehungen eine harte Belastungsprobe drohen.
Die Regierung in Ankara hatte nach dem Brand am 3. Februar sofort betont, wie wichtig es sei, dass die Hintergründe sehr sorgfältig aufgeklärt würden. Man wolle kein «zweites Solingen», sagte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Damit spielte er auf den Brandanschlag auf das Haus einer türkischen Großfamilie im Mai 1993 an, bei dem fünf Menschen ums Leben kamen.
Ihr Interesse an den Ludwigshafener Ermittlungen - manche sprechen auch von Misstrauen - unterstrich die Türkei dadurch, dass sie vier eigene Ermittler in die Stadt am Rhein entsandte. Auch die türkischen Medien spekulierten sehr schnell über einen ausländerfeindlichen Brandanschlag. Und es gab ja auch Hinweise, die man in diese Richtung deuten könnte: Neonazi-Schmierereien an dem Haus oder etwa ein früherer Brandanschlag auf das Gebäude, der nie aufgeklärt wurde.
Vor allem aber die Aussagen zweier acht und neun Jahre alter Mädchen heizten die Spekulationen an: Sie hatten bald nach der Katastrophe vor laufenden Kameras erzählt, dass sie in dem Haus einen Mann beim Zündeln beobachtet hätten. Der Südwestrundfunk berichtete kürzlich, die Mädchen hätten ihre Aussagen zurückgezogen. Ein Verwandter widersprach dem prompt. Liebig will das bislang weder bestätigen noch dementieren.
Fakt ist, dass die Ermittler bislang keine Spuren von Benzin oder anderen Brandbeschleunigern in den Überresten des Hauses gefunden haben. Tatsache ist auch, dass das Feuer im Keller des viergeschossigen Gebäudes ausbrach. Außerdem gibt es Hinweise, die in Richtung technischer Defekt deuten könnten: Dass etwa die veraltete Elektrik des Hauses ein Gegenstand der Ermittlungen ist, wird nicht bestritten. Ansonsten sind noch viele Fragen offen. Liebig schließt auch nicht aus, dass manche für immer unbeantwortet bleiben könnten. In den Worten des Staatsanwalts: «Alles ist möglich.»
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