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09. August 2010 10:20 Uhr

Gesundheit

Magersüchtige brauchen viel Motivation

Magersucht ist bei jungen Frauen eine häufige Krankheit. Betroffene können sich oft selbst nicht helfen. Therapeuten greifen daher zu drastischen Mitteln. Von Sibylle Hübner-Schroll

Magersucht wird oft erst spät erkannt. Bild: dpa

Manchmal müssen Therapeuten zu etwas drastischeren Mitteln greifen, um ihre Patienten zu motivieren - und auf diese Weise möglicherweise auch Leben zu retten. Bei Magersucht, der Anorexia nervosa, kann das Gewicht in sehr extreme Bereiche absinken, und obwohl die Betroffenen - meist junge Frauen - durchaus verstehen, dass sie bedroht sind, gelingt es ihnen oft nicht, ihr Verhalten zu ändern.

Da ist es Dr. Sven Brauner, Psychiater und Psychotherapeut am Bezirkskrankenhaus (BKH) Augsburg, schon ein-, zweimal geglückt, mit Hilfe der Computertomografie einen Umschwung hin zum Positiven herbeizuführen. Er zeigte den Frauen Aufnahmen ihres Gehirns. Und die wiederum führten anschaulich vor Augen, wie das Gehirn durch langjährige Magersucht leidet, nämlich: Es schrumpft.

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Gewichtsverlust wird willentlich herbeigeführt

Das habe geholfen, berichtete Brauner im Rahmen einer Fortbildungsveranstaltung am BKH Augsburg, die sich mit dem Thema Essstörungen befasste - und die deutlich machte, wie schwierig es ist, Magersucht-Patientinnen von ihrem gefährlichen Weg abzubringen. Ein wesentliches Kennzeichen der Magersucht ist der Gewichtsverlust, der selbst "bewusst, willentlich und absichtlich" herbeigeführt wird, so Hauptrednerin Professor Martina de Zwaan, Leiterin der Psychosomatischen und Psychotherapeutischen Abteilung am Universitätsklinikum Erlangen und Sprecherin des Forschungsverbundes EDNET, der vom Bundesbildungsministerium gefördert wird.

Hinzu kommt die Selbstwahrnehmung als "zu fett" verbunden mit der Furcht, noch dicker zu werden. "Die Betroffenen legen für sich selbst eine sehr niedrige Gewichtsschwelle fest", erklärte de Zwaan. Und dieses niedrige Zielgewicht versuchen sie mit verschiedenen Mitteln zu erreichen.

Dazu gehören etwa exzessiver Sport, die Vermeidung von "fettmachenden" Speisen, selbst ausgelöstes Erbrechen oder der Gebrauch von Abführmitteln. In der großen Mehrzahl sind es Frauen, die zu Magersucht neigen. Zu den typischen Verhaltensweisen einer magersüchtigen Patientin zählen laut de Zwaan das Meiden von Situationen, die mit Essen verbunden sind, das Kochen für andere, ohne selbst etwas davon zu essen, oder ständiges Kaugummi-Kauen. Und sie versuchen, das Ausmaß ihres Untergewichts unter vielen Schichten weiter Kleidung zu verbergen. "Zwiebelmädchen", so de Zwaan, wurden sie deshalb auch schon genannt.

Natürlich hat die Magersucht für die Betroffenen wesentliche Funktionen: Sie wollen damit das "Erwachsenwerden" und auch das Erwachen ihrer Sexualität vermeiden. Außerdem gewinnen sie ein Gefühl von Kompetenz und Kontrolle über ihren Körper nach dem Motto: "Ich kann etwas, was andere nicht können, ich halte mein Gewicht." Die Kehrseite der Medaille: Etwa ein Viertel aller Erkrankungen verläuft nach Angaben der Expertin chronisch, und die Sterblichkeitsrate liegt um die acht Prozent; etwa 20 bis 30 Prozent der Todesfälle sind auf Selbstmord zurückzuführen. Und: Selbst 20 Jahre nach einer Anorexie ist die Sterblichkeitsrate noch erhöht.

Knochendichte sinkt um zehn Prozent pro Jahr

Aber auch wenn es nicht zum Äußersten kommt, sind die Folgen einer Magersucht schwerwiegend, wie de Zwaan erläuterte: Schon früh verringere sich die Knochendichte, bei chronisch niedrigem Gewicht betrage der Schwund rund zehn Prozent pro Jahr. Häufiges Erbrechen hinterlässt, bedingt durch die Magensäure, schwere Schäden an den Zähnen. Elektrolytverschiebungen im Blut können zu gefährlichen Herzrhythmusstörungen führen. Bei sehr niedrigen Kaliumwerten im Blut oder auch bei sehr niedrigem Puls müssten die Patientinnen wegen der Gefahr solcher Rhythmusstörungen unbedingt stationär aufgenommen werden, betonte de Zwaan.

Und nicht zuletzt wird der Hormonhaushalt massiv gestört. Die Störung kann so schwer sein, dass nicht nur die Regel ausbleibt, sondern die Frauen nach einigen Jahren dauerhaft unfruchtbar werden, erläuterte dazu Sven Brauner, Leiter der Psychotherapiestation und Tagesklinik am BKH Augsburg, gegenüber unserer Zeitung. Ebenso wie die Volumenminderung des Gehirns seien das "sehr heftige Folgen". Und dennoch: Obwohl das den Frauen "vom Verstand her klar" sei, obwohl sie durchaus Krankheitseinsicht und Problembewusstsein hätten, könnten sie ihr Verhalten nicht ändern. Das sei bei der Magersucht für Außenstehende ebenso schwer zu erklären wie bei anderen Suchtkrankheiten auch.

Leistungsideale sind oft extrem hoch

Da Magersüchtige aber oft extrem hohe Leistungsideale hätten, oft sehr gute Schülerinnen mit hohen Ansprüchen an die eigenen geistigen Fähigkeiten seien, könne sie ein Bild ihres sich verkleinernden Gehirns durchaus beeindrucken - und sie motivieren, bei der Therapie am Ball zu bleiben. Und dies sei bei Magersucht-Patienten äußerst wichtig, wie de Zwaan erläuterte. Mit Hilfe der üblicherweise psychotherapeutischen Behandlung wolle man eine gesunde Ernährung und auch eine Gewichtszunahme erreichen.

Eingeführt hat man in Erlangen EmU, das "Essen mit Unterstützung". Das bedeutet: Die Patienten werden bei den Mahlzeiten nicht allein gelassen, sondern jemand aus dem Betreuungsteam isst mit. Anfangs soll etwa die Hälfte der angebotenen Nahrung gegessen werden, relativ schnell jedoch dann hundert Prozent. "Das klappt erstaunlich gut", so de Zwaan. EmU habe sich zu einem "sehr hilfreichen Instrument" entwickelt. Von Sibylle Hübner-Schroll

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