«Eingepfercht zwischen Mördern und Straßenräubern. (...) Eine Toilette ohne Spülung für 36 Mann.» Drastisch schildert Marco W. seine Erlebnisse in 247 Tagen türkischer Untersuchungshaft. Auch die verhängnisvolle Nacht beschreibt er im Detail. Seine Anwälte sind nicht begeistert.

Hamburg (ddp). Bislang hat Marco Weiss nicht öffentlich über die «verhängnisvolle Nacht mit dem englischen Mädchen» gesprochen.
Auch rund eineinhalb Jahre nach dem Geschehen in der Türkei «lastet diese Geschichte» auf dem Jungendlichen aus dem niedersächsischen Uelzen. Denn nach wie vor ist sein Fall vor einem Gericht in Antalya nicht entschieden.
Nun hat sich Marco alles von der Seele geschrieben. «Ich spüre die Kraft dazu», erklärt der 18-Jährige in seinem Buch «Marco W. - Meine 247 Tage im türkischen Knast». Am Freitag ist das 191-seitige Werk im Hamburger Kinderbuch Verlag erschienen und schildert präzise die Angst und Verzweiflung eines Schülers.
Ursprünglich wollte Marco das Buch zum ersten Jahrestag seiner Entlassung am 9. Dezember vorlegen. Als Grund für die vorgezogene Veröffentlichung nannte Verlagschef Carlos Schumacher auf ddp-Anfrage das große Medieninteresse an dem Fall. Kurz nach der Auslieferung der ersten Exemplare bat eine Hamburger Buchhandlung am Freitagmittag bereits um Nachschub, sagt Schumacher, der mit einer Erstauflage von 20.000 startet.
Marco soll während seines Urlaubs in der Türkei im April 2007 eine damals 13 Jahre alte Britin sexuell missbraucht haben. Wenige Stunden nach der Tat, die der 18-Jährige bestreitet, war der Junge festgenommen worden. Seit seiner Entlassung aus der achtmonatigen Untersuchungshaft findet der Prozess in Marcos Abwesenheit statt. Am vergangenen Mittwoch war die Verhandlung zum wiederholten Mal vertagt worden und soll am 10. April fortgesetzt werden.
Indes legten seine Anwälte Matthias Waldraff und Michael Nagel aus Enttäuschung über die Publikation ihre Mandate nieder. Sie glauben, Marco schade sich mit diesem Buch selbst.
In 22 Kapiteln schildert der Sohn eines Juristen und einer Bewährungshelferin darin zunächst, wie unbeschwert er in der Kleinstadt Uelzen aufwuchs. Er freute sich auf den Urlaub an der türkischen Rivera - auf ein Land, in dem die Familie schon neun Mal zuvor die Ferien verbracht hatte.
«Schöne Tage im April waren das. Endlich lange schlafen, stundenlang Volleyball am Strand spielen, (...) ein bisschen flirten, sonst nichts», erinnert sich Marco. Seine Unbeschwertheit endet, als er das britische Mädchen kennenlernt, das er im Buch Carolina nennt: «Ein Mädchen, das mich eigentlich gar nicht interessierte, von der ich wirklich nichts wollte.»
Detailliert beschreibt Marco schließlich «die Nacht» in Zimmer 5350 der Bungalowanlage: «Sie schob ihre Hand erst unter meinen Pulli, ließ ihre Finger dann langsam nach unten wandern. Für mich war das überraschend, ich fühlte mich beinahe überrumpelt. So wollte ich das nicht, jedenfalls nicht so schnell.» Davonlaufen wollte er aber auch nicht, weil es ihm «feige» erschien. So knöpfte Carolina seine Jeans auf. «Doch, noch ehe es richtig angefangen hatte, war bei mir schon alles vorbei», gesteht Marco.
Der Vorfall veränderte sein Leben und sorgte für Schlagzeilen. Während sich Politiker und Bürger hierzulande für den Schüler engagierten, machte dieser schreckliche Erfahrungen im Gefängnis - acht Monate, in denen er «nur noch ums Überleben kämpfte». Folglich räumt der 18-Jährige dieser Leidenszeit den weitaus größeren Teil des Buches ein, als der Begegnung mit der Britin. Unmenschliche 247 Tage habe er in der überfüllten Zelle psychisch wie physisch gelitten, gehofft und gebangt, in einem Brief an Carolina um seine Freiheit gebettelt.
«Eingepfercht zwischen Mördern und Straßenräubern. (...) Eine Toilette ohne Spülung für 36 Mann. Und gleich neben mir spritzten sie sich Heroin oder berauschten sich am heimlich selbstgebrannten Schnaps.» Seine Zigaretten und andere Habseligkeiten musste Marco mit den Bandenchefs in der Zelle teilen. «Weigerte sich einer, konnte ich erleben, wie sie ihn drangsalierten und blutig schlugen.» Einzig die Liebe seiner Eltern, denen er das Buch widmet, habe ihn vor dem Selbstmord bewahrt.
Vielleicht könne er irgendwann vergeben, aber niemals könne er diesen Alptraum ganz vergessen, betont der 18-Jährige, der seine prägenden Erlebnisse zwischen Naivität und dem Bewusstsein seiner wachsenden Bekanntheit Revue passieren lässt.
Inzwischen absolviert Marco Weiss ein Praktikum bei einem Elektronikmarkt und plant eine Ausbildung oder ein Fachhochschulstudium in einem technischen Bereich. Seine Freunde hätten ihn in ein normales Leben zurückgeführt, auch habe er eine Freundin. «Sie haben mir gezeigt, dass ich auch wieder ein junger Mann sein darf, der sich das wünscht, was für alle der größte Wunsch ist: Sich verlieben, ein Mädchen an die Hand nehmen, küssen und von einer Zukunft träumen.»
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