Aus dem angekündigten Neuanfang wird erst einmal nichts. Der Augsburger Zahnarzt Philipp Sturz zog die Konsequenz und trat nach nur einem Monat als Sprecher des Trägervereins der hessischen Odenwaldschule zurück. Von Ursula Ernst

Aus dem angekündigten Neuanfang wird erst einmal nichts. Der Augsburger Zahnarzt Philipp Sturz zog am Donnerstag die Konsequenz und trat nach nur einem Monat als Sprecher des Trägervereins der hessischen Odenwaldschule zurück.
Er hatte dem alten Vorstand eine Frist gesetzt: Bis Mittwochmitternacht sollten acht Mitglieder den Verein verlassen. Sie haben von den Missbrauchsvorwürfen an der Schule gewusst und sind diesen nicht entschieden genug nachgegangen. "Es hat keiner geantwortet", sagte Sturz gestern gegenüber unserer Zeitung. Damit habe er nicht gerechnet. Es sei frustrierend. "Da war Schweigen im Walde." Es gehe aber nicht, dass die Mitglieder von damals im Trägerverein bleiben, so Sturz. Auch der zweite Sprecher des Trägervereins, der ehemalige Landrat des hessischen Kreises Bergstraße, Norbert Hoffmann, ist zurückgetreten.
"Ohne Mandat ist kein Neuanfang möglich", sagte der 48-Jährige. Dabei gebe es so viel zu tun. Es müssten Strukturen innerhalb der Odenwaldschule verändert werden, "die es den Tätern leicht gemacht haben. Es war schwer, sexuellen Missbrauch aufzudecken." Es gebe keine "Gewaltenteilung", so Sturz. Der Trägerverein sollte ein Kontrollorgan sein, doch hier sitzt auch der Schulleiter und kontrolliert sich selbst. Vor allem aber müsse das Vertrauen in die Schule wiederhergestellt werden.
Der Rücktritt des Trägervereinssprechers stößt auf großes Interesse. Seit den frühen Morgenstunden klingelt bei Sturz das Telefon. Viele wollen von ihm wissen, wie er sich jetzt fühlt. Schließlich war der ehemalige Odenwaldschüler angetreten, seine Schule wieder aus den Negativschlagzeilen herauszuholen und den Missbrauchsopfern gerecht zu werden.
Er selbst habe eine "wahnsinnig tolle Schulzeit" zwischen 1971 und 1980 im hessischen Ober-Hambach erlebt. Zwei Jahre lang sei er sogar Mitglied der "Familie" des früheren Direktors Gerold Becker gewesen. Es ist unfassbar: "Neben mir sind junge Menschen zerstört worden und ich habe nichts bemerkt", sagt Sturz und gibt zu, dass er bereits Zweifel an seiner eigenen Wahrnehmung hatte.
Jetzt setzt Philipp Sturz alles auf den 29. Mai. Dann tritt der 30-köpfige Trägerverein zu einer Sitzung zusammen. Vielleicht tut sich bis dahin doch noch etwas, hofft er. "Wenn nicht, dann bin ich mit meinem Latein am Ende. Dann ist ein Neuanfang nicht möglich." Jedenfalls nicht so, wie er es vorhatte.
Auch die prominente Ex-Schülerin und Schriftstellerin Amelie Fried (51) zog gestern ihre Konsequenzen. Sie will dem Trägerverein nun doch nicht beitreten.
"Ich bin der festen Überzeugung, dass ein glaubwürdiger Neubeginn an der Odenwaldschule nur mit Persönlichkeiten möglich ist, die damals nicht in Verantwortung standen", heißt es in ihrem Schreiben an Sturz. Das sei keine Schuldzuweisung. Aber den meisten Beteiligten habe damals mehr daran gelegen, "den Ruf der Schule zu schützen, als die Interessen der betroffenen Schüler wahrzunehmen". Von Ursula Ernst
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