Donnerstag, 18. Januar 2018

18. Dezember 2017 16:06 Uhr

ARD: "Dunkle Zeit"

"Tatort" im Medien-Echo: "Was die AfD wohl dazu sagt?"

Der Tatort "Dunkle Zeit" befasst sich mit der Lage in Deutschland. Einige Kritiker loben den aktuellen Krimi, aber es gibt auch Kritik. Die Pressestimmen im Überblick.

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Die Ermittler Julia Grosz (Franziska Weisz) und Torsten Falke (Wotan Wilke Möhring) in einer Szene des Tatorts "Dunkle Zeit".
Foto: Christine Schroeder, NDR

Dass der Tatort inzwischen viel mehr ist als ein einfacher Sonntagabend-Krimi, ist nichts Neues. Selten jedoch sind die aktuellen Bezüge so offensichtlich wie bei "Dunkle Zeit". Der Hamburger Tatort nahm sich am Sonntag der fiktiven rechtspopulistischen Partei „Neuen Patrioten“ an - ein Schelm, wer dabei an die AfD denkt. Von den Kritikern gibt es viel Lob für so viel sozialpolitische Aktualität, wenngleich manchem zu viele Klischees bedient wurden. Die Pressestimmen.

Tatort "Dunkle Zeit": Die Pressestimmen

Dieser Tatort ist eine Sammlung von Klischees. Die Linken zu ungewaschen, die WGs zu alternativ, die Diabolischen zu diabolisch, die Geleckten zu geleckt, die Braven zu brav. Am allerschlimmsten ist die Journalistin, die einem Interviewpartner ihre Fragen übergibt, ernsthaft mit folgenden Worten: "Ich geb' Ihnen bis 23 Uhr Zeit, sie zu beantworten - sonst muss ich die Geschichte so schreiben, dass Sie der Alleinschuldige sind." Süddeutsche Zeitung

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Als Politithriller funktioniert „Dunkle Zeit“ (...) nicht besonders gut, weil er zu früh seine Karten aufdeckt, zu erwartbar bleibt und zum Schluss nur noch auf äußere Spannungsmomente setzt. Berliner Zeitung

„Dunkle Zeit“ ist kein Seminar in rhetorisch-analytischer Widerlegung, aber beileibe nicht ohne Haltung. Er nimmt die Parolen der nun demokratisch gewählten Rechten auf und stellt sie dar. Dass der Tatort sich des Themas annimmt, ist richtig und wichtig. Affirmation vermeidet er wie wohlfeile Entrüstung. Gänzlich gelungen ist sein Figurentableau nicht. Dass am Ende, Krimikonventionen geschuldet, Verschwörungstheorien bekräftigt werden, wenn auch anders als gedacht, ist schade. Frankfurter Allgemeine Zeitung

Klasse, dass Wotan Wilke Möhrings Falke wieder in Hamburg ermitteln darf, weil die Aktivitäten von Til Schweigers Tschiller zur Zeit auf Eis gelegt sind. Auch Franziska Weisz als Kommissarin Grosz entwickelt immer mehr Profil, sie geht in ihrer Rolle ebenfalls auf Tuchfühlung mit der Rechtspopulistin, die vor allem im frustrierten Beamtenmilieu ihre Wähler sucht. Brisanter Stoff. Was die AfD wohl dazu sagt? Spiegel Online

Ein Tatort, der sich lohnt. Geht es doch um die Frage, wer alles auf welchem Auge blind ist. Das schöne Antifa-Pärchen, das die Ermittler hinter dem Mord vermuten, ist allein das Schauen wert, und Sophie Pfennigstorf als Flintenweib Paula ist die scheußlich-hinreißendste Doppelagentin, die man sich denken kann. Westdeutsche Allgemeine Zeitung

Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich die Krimireihe der aktuellen sozialpolitischen Stimmung annimmt. Bei dem Tatort-versierten Stein, der in der Folge „Der Inder“ schon das Streitthema Stuttgart 21 und in „HAL“ Datenschutz und künstliche Intelligenz behandelte, ist ein derart komplexes Reizthema in guten Händen. Er bildet ab, anstatt zu urteilen und zeigt, wie versiert eine Partei wie die fiktiven Neuen Patrioten ihre Wähler umgarnt, wie schwer es mitunter ist, ihr mit logischen Argumenten beizukommen, und wie verhärtet die Fronten wirklich sind. Focus Online

Medien: Der Hamburg-Tatort bringt ein wichtiges Stück Aktualität

Autor und Regisseur Niki Stein beleuchtet den Rechtsruck und die politische Spaltung in Deutschland aus mehreren Perspektiven. Die Fingerzeige auf die AfD und ihre Führungscrew könnten dabei eindeutiger nicht sein. Auf das einfache Muster von Gut und Böse verzichtet der Film dabei weitgehend. Die beeindruckende Anja Kling spielt eine überaus schlagfertige und nicht immer unsympathisch wirkende Populistin, die den gelegentlich etwas tumb wirkenden Falke rhetorisch in die Schranken weist. Rheinische Post

In "Dunkle Zeit" manipulieren die Populisten skrupellos die Öffentlichkeit. Mit Schlagfertigkeit und gesundem Menschenverstand allein ist ihnen nicht wirksam beizukommen. Damit gelingt dem Tatort ein wichtiges Stück Aktualität. Neue Zürcher Zeitung

Die „Tatort“-Antwort auf die Frage, ob man mit Rechten reden sollte. Und wenn man es täte, was geschähe. Gehirnerweichung, Selbsthass, Hautausschlag, Fluchtgedanken. Die Welt

In "Tatort: Dunkle Zeit" erinnert vieles an Deutschland im Jahr 2017. Ein parteiischer Krimi mit grandiosem Finale. Hamburger Abendblatt

Anschauen? Nicht zwingend trotz vieler Top-Schauspieler. So viel Schwarz-Weiß gab‘s selten seit Erfindung des Farbfernsehens. Bild

"Dunkle Zeit" ist ein AfD-Krimi: Die Neuen Patrioten sind so eng an die rechtspopulistische Partei angelehnt, dass die Unterscheidung auf den ersten Blick schwer fällt. Die Charaktere sind ihren realen Vorbildern nachempfunden, vor allem aber zeigt der Film anschaulich die Selbstradikalisierung, die die AfD in den vergangenen Jahren durchlaufen hat - und das auch noch in Zeitraffer. n-tv

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