Montag, 20. November 2017

31. Oktober 2013 21:02 Uhr

Virtuelle Bestattung

Trauerportale: Ein Online-Grab am "Besten Berg der Ruhe"

Es gibt einen Friedhof, auf dem die Kerzen für immer brennen und die Blumen für immer blühen. Trotzdem sind Trauerportale im Netz nicht immer für die Ewigkeit.

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Rund um das Grab und im Beet flackern Kerzen. Die rosafarbige Orchidee blüht in voller Pracht. "Good journey, Mum. I miss you", steht auf dem weißen Grabstein mit den weißen Schneeglöckchen drum herum. Hier trauert jemand um seine verstorbene Mutter. Auf dem Online-Friedhof "strassederbesten" gibt es unabhängig von Wind und Wetter unzählige Gestaltungsmöglichkeiten, um seiner Trauer Ausdruck zu verleihen.

Manche säen auf dem Beet rote Rosen, andere platzieren Teddy-Bären und bunte Windräder unter einem nächtlichen Sternenhimmel. Die Blumen werden nicht welk, kein Windstoß kann die Kerzen auslöschen.

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Registrieren und dann Grabstein platzieren

Über sieben Millionen Gedenkkerzen haben User bereits angezündet, um ihre Lieben in Erinnerung zu behalten. Auf der Homepage "strassederbesten" gibt es derzeit 21.850 Gedenkstätten. Wer sich mit seiner Mailadresse registriert, kann einen eigenen Grabstein erstellen.

Trauerportale wie memorta.com oder mymemorial24.de liegen im Trend. "strassederbesten" verzeichnet über 47 Millionen Besucher.

Der Trauernde hat in der virtuellen Welt die Wahl zwischen verschiedenen Friedhöfen: Da gibt es zum Beispiel auf "strassederbesten" den "Besten Berg der Ruhe",  das "Feld der Ewigkeit" oder die "Halle der Seelen". Auch ein christlicher, jüdischer und muslimischer Friedhof ist wählbar.

Grüne Hügellandschaft in den Online-Friedhöfen

Ein Klick auf den jeweiligen Friedhof und es öffnet sich das Bild einer hügeligen Landschaft, in der Gräber eingebettet sind. Wer mit der Maus darüber surft, erfährt, wer hier beerdigt ist. Ein weiterer Klick - und das Grab ist in Großansicht zu sehen.

Wie im realen Leben gibt es Unterschiede in der Gestaltung: Manche Gräber sind üppig bepflanzt, mit Sprüchen oder Zitaten - alle mit Namen und Todestag des Verstorbenen versehen. Andere wiederum sind schlicht, in der Mitte ein Herz.

Virtuell eine Gedenkkerze anzünden

Nicht nur Grabsteine halten bei "strassederbesten" die Erinnerung an den Verstorbenen wach, sondern auch die virtuellen Kerzen in der "Halle des Lichtes". "Sie wollen auch jemandem gedenken? Dann klicken Sie HIER um ebenfalls eine Kerze anzuzünden", heißt es auf dem Online-Portal. 72.770 Kerzen sollen bereits entfacht worden sein.

Wer mit der Maus über die Kerzen fährt, entdeckt kleine Botschaften mit Datum und Uhrzeit: "Morgen ihr Süßen da oben. Für Euch soll auch mal wieder ein Licht leuchten", schreibt ein Nutzer. Von einer trauernden Frau stammt dieser Satz: "Gut Nacht mein Schatzi. Tausend Sterne mögen für Dich leuchten. Ich liebe dich für immer und ewig."

Früher sind Trauernde zum Friedhof oder in die Kirche gegangen, haben mit Feuerzeug oder Streichholz die Kerze angezündet. Heute erledigen einige das per Mausklick - von zu Hause aus auf dem Sofa oder womöglich in der Arbeit.

Die Bestattung ist in der virtuellen Welt flexibel: Selbst der Ort der Grabstätte ist nach Lust und Laune variabel: "Bereits platzierte Gedenkstätten können jederzeit umgezogen werden", heißt es auf "strassederbesten" - einem Portal, das im Gegensatz zu anderen Online-Trauerseiten besonders viele "Spielereien" bietet. Einige Online-Portale bieten auch ein Forum, in dem sich Trauernde austauschen und gegenseitig Trost spenden.

Steinmetzmeister macht den Selbsttest

Bildhauer- und Steinmetzmeister Andreas Rosenkranz hat sich zum Selbsttest auf einem solchen Online-Trauerportal registriert. "Ich habe mich auf verschiedenen Portalen beerdigt", sagt er scherzhaft. Der Kölner, der im echten Leben Grabsteine entwirft, wollte das einmal austesten.

Überrascht sei er gewesen, als bei ihm kürzlich eine Mail im Postfach landete. Darin habe es geheißen, dass das Portal, auf dem er angemeldet war, nicht mehr existiere.

Virtuelle Trauerportale gelten nicht unbedingt bis in alle Ewigkeit. Darum rät der Steinmetzmeister, der nach eigenen Angaben als Erster in Deutschland Andreas Rosenkranz auf Grabsteine gemeißelt hat, davon ab, mit diesen Codes auf Trauerportale zu verlinken. Angehörige müssten sich immer fragen: "Wie ist das in fünf Jahren? Gibt’s das Portal überhaupt noch?" Darum solle man sich lieber andere Dinge überlegen, auf die man mit dem Code verlinken möche.

Trauern kann man inzwischen also auch am Grab in der virtuellen Welt, das weiß der Steinmetzmeister. Dennoch sei für ihn der Grabstein aus echtem Stein noch immer das Symbol, das Dauerhaftigkeit symbolisiert.

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