In einem Schacht im Hof ihres Elternhauses ist eine 16-Jährige in der Türkei erstickt. Alles deutete auf einen Ehrenmord hin. Doch das Mädchen war aus einem anderen Grund zur Polizei gegangen - und vertraute vergeblich auf deren Schutz.
Weil sie ein 16-jähriges Mädchen lebendig begraben haben sollen, sitzen der türkische Vater und der Großvater der Jugendlichen jetzt in Untersuchungshaft. Die Leiche von Medine war Ende 2009 in einem Schacht im Hinterhof ihres Elternhauses im ostanatolischen Kahta gefunden worden. Das Mädchen war unter der Erde erstickt.
Schnell verbreitete sich der Verdacht, Medine sei umgebracht worden, weil sie mit fremden Männern gesprochen habe und damit angeblich die Familienehre befleckte. Ein typischer Ehrenmord also, so schien es.
Doch das Klischee erweist sich als irreführend, mit archaischen Vorstellungen von Familienehre hatte der Mord an Medine nichts zu tun, sagen Verwandte und eine örtliche Frauenrechtlerin. Medine musste sterben, weil sie sich wegen der Brutalität ihres Großvaters und dessen illegaler Aktivitäten an die Polizei wandte - und den Fehler beging, auf deren Schutz zu vertrauen.
Schläge und Schmuggel
Medine war eines von zehn Kindern des Bäckers Ayhan Memi. Herr im Haushalt war Ayhans Vater Fethi Memi, Medines Großvater. Der Clan lebte zurückgezogen, die vier Töchter Ayhans durften nicht einmal zur Schule. Für die Zurückgezogenheit gab es laut Zeitungsberichten gute Gründe: Sein Geld verdiente Bäcker Ayhan nicht so sehr mit Brötchen, sondern mit dem Schmuggel von Zigaretten, Tee und Kölnisch Wasser.
Fethi Memi schlug seine Enkelin häufig, doch Medine fügte sich nicht in ihr Schicksal. Sie ging zur Polizei und berichtete von den Schlägen und Schmuggeleien. Als Fethi Memi erfuhr, dass er von seiner Enkelin verpfiffen worden war, prügelte er sie bewusstlos.
Weil er dachte, sie sei tot, sollen er und der Vater sie in den Schacht gesteckt haben. Ihre Leiche wurde erst Monate später von der Polizei entdeckt - nach einem anonymen Hinweis.
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