Donnerstag, 22. Juni 2017

17. Juli 2014 08:27 Uhr

Polizei

Warum Fahrraddiebe fast nie gefasst werden

Seit Jahren ist die Zahl der Fahrraddiebstähle in Deutschland hoch - und die Aufklärungsquoten niedrig. Erfolge erzielt die Polizei aber, wenn sie das Problem gezielt angeht. Von Andreas Rabenstein

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Mitunter reicht ein Schloss nicht allein, um sein Fahrrad zu sichern. Diebe haben es oft auch auf Zubehörteile, wie Laufräder, abgesehen.
Foto: Jörg Schöllenbruch

200 Euro kostet ein Fahrrad. Allerdings nicht im Geschäft, sondern als Auftrag an einen professionellen Dieb. Wie ein Fahrradhändler aus Berlin erzählt, sind solche Geschäfte verbreitet. An bestimmten Ecken kann man die Diebe treffen und den Deal klar machen, am nächsten Tag steht das Rad bereit. 

Auf bundesweit knapp 317 000 Raddiebstähle im Jahr 2013 kommen die Polizei-Statistiker. Gezählt werden nur die angezeigten Fälle, die tatsächlichen Zahlen liegen um einiges höher. 

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Allein in Berlin kommen laut Polizei 70 Räder pro Tag weg. Geht man von einer gleich hohen Dunkelziffer nicht gemeldeter Diebstähle aus, sind es knapp 150 am Tag. Kein Rad ist sicher: angerostete Hollandräder werden ebenso gestohlen wie Mountainbikes mit Mehrfach-Federung und Hipster-Rennräder mit maßgefertigtem Rahmen. 

Der Berliner Kriminaloberkommissar Oliver von Dobrowolski erklärt die Erfolge der Diebe mit der zunehmenden Beliebtheit des Fahrrads: «Wo mehr Fahrräder sind, kommen auch mehr weg.» 

Eine bundesweite Auswertung von Polizeistatistiken im Internetportal geld.de zeigt ähnliches. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl werden am meisten Räder in Magdeburg, Cottbus und Münster gestohlen, um die 1600 pro 100 000 Einwohner. 

In Remscheid, Wuppertal und Hagen gibt es hingegen nur 59 bis 85 registrierte Raddiebstähle auf 100 000 Bewohner. Die drei Städte am Rande des Ruhrgebiets sind so hügelig, dass kaum jemand Rad fährt.

Die Berliner Polizei sieht die Ursache für das Problem eher bei den Radfahrern. Man sehe auch die «Besitzer in der Verantwortung», sagt Dobrowolski, der zur Abteilung für «Strategische Prävention» gehört. «Wenn man sein Eigentum behalten möchte, ist man auch etwas in der Pflicht, dass man es schützt.» Die Polizei könne nicht immer einen hohen Überwachungsdruck aufrechterhalten, sagt Dobrowolski. «Das ist ja in einer freien Gesellschaft nicht immer gewollt.»

Davon profitieren die Diebe. Gern knacken sie Räder vor Bahnhöfen und Schulen. Viele Menschen fummeln dort an Schlössern herum, keiner schlägt Alarm. Die Berliner ADFC-Vorsitzende Eva-Maria Scheel sagte im Sender RBB, wie sie selber Zeugin wurde, als drei Männer blitzschnell Schlösser durchschnitten, mehrere Räder in einen Transporter packten und verschwanden. Darunter auch ihr eigenes.

Verschiedene Tätergruppen haben die Fahrräder im Visier: Spontane Diebe auf der Suche nach dem schnellen Geld, Profis mit dem Blick auf teure Markenräder sowie organisierte Banden. 

Beatrix Mertens von der Polizei Magdeburg erklärt: «In vielen Fällen haben wir es mit Tätergruppierungen zu tun, deren Abnehmer in Osteuropa sitzen.» Die Nähe zu den Autobahnen biete den Tätern eine «optimale Abtransportmöglichkeit». 

Die Berliner sehen eher «Einzeltäter, die schnell Geld brauchen» am Werk. Die Täter verkaufen die Räder an Gebrauchthändler, auf Flohmärkten und über das Internet weiter. Dobrowolski gibt zu: «Die Chancen sind objektiv gesehen nicht gut, dass man das Rad wiedersieht.» Es gebe eine «betrübliche Aufklärungsquote». 

Fahrraddiebstahl: Die Aufklärungsquote liegt bei 9,6 Prozent

Kaum jeder zehnte Raddiebstahl wird aufgeklärt. Im Durchschnitt liegt die Quote laut BKA bei 9,6 Prozent. Hamburg erreicht nur 4,4 Prozent, Berlin gerade mal 4 Prozent. 

Autodiebstahl sei viel leichter zu verfolgen, erläutert die Polizei. Fahrgestellnummern, Motornummern und elektronische Kennungen lieferten Hinweise. Kaum jemand notiere aber die Nummer seines Rades.

 Der Verkehrsexperte der Berliner Grünen, Stefan Gelbhaar, kritisiert: «Wegen Drogen im Wert von 50 Euro wird mehr Trara gemacht als wegen eines Rads für 1500 Euro.» Gelbhaar fordert: «Hier muss man echten Verfolgungsdruck aufbauen, mit Peilsendern etwa.» Auch der ADFC sieht bei der Aufklärungsquote gerade in Großstädten «noch Luft nach oben».

 Es gibt tatsächlich Städte mit guten Aufklärungsquoten. Anscheinend gibt es nicht nur den Weg der Berliner Polizei, die vor allem auf Prävention setzt und für teure Schlösser und Fahrradcodierungen wirbt - damit aber letztlich wenig Erfolg hat. 

Magdeburg, die Stadt mit den vielen Diebstählen, hat gleichzeitig eine Aufklärungsquote von 24 Prozent. Beatrix Merten von der Polizei spricht von «besonders intensiven Ermittlungen in diesem Phänomenbereich». Die Diebe seien oft Wiederholungstäter. Schnappt die Polizei einen von ihnen, kann sie viele Fälle klären.

Fürth und Erlangen liegen bei der Aufklärung mit 31 und 26 Prozent ebenfalls vorn. «Wir haben eine eigene Arbeitsgruppe eingerichtet und die Überwachung maximal forciert», sagt Peter Schnellinger von der Polizei in Mittelfranken. 

Es gebe ein Geflecht von Dieben, Hehlern und Weiterverkäufern, sagt er. «Man muss da irgendwo reinstechen, dann landet man bei immer mehr Tätern.» Die dortige Polizei musste zuletzt extra Räume mieten, um die bei Dieben beschlagnahmten Räder unterzubringen.

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