Sonntag, 21. Januar 2018

25. Oktober 2015 12:00 Uhr

Landsberg

Wie die Karriere von Johnny Cash in der Region begann

Er war Funker in Penzing, segelte auf dem Ammersee und lernte in Garmisch-Partenkirchen Skifahren - das alles und noch viel mehr machte Country-Legende Johnny Cash zum Star.

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Country-Musiker Johnny Cash bei einem Auftritt in Frankfurt im Jahr 1981.
Foto:  Wolfgang Eilmes (dpa)

Das Netz ist gespannt – wenige Meter entfernt vom Eingang zur Sporthalle. Im Doppel treten vier Bundeswehrsoldaten in Sportkleidung gegeneinander an. Sie versuchen, den leichten Federball so geschickt in der anderen Hälfte zu platzieren, dass ihn die beiden Gegner nicht mehr vor der Bodenberührung erwischen. Lange Ballwechsel kommen meistens nicht zustande. Nach wenigen Schlägen ist der Punkt gemacht.

Ein junger Schlaks kommt immer wieder in die Halle, um sie wenige Augenblicke später zu verlassen. Offenbar hält er Ausschau nach Mitspielern. Da ist aber keiner. Deshalb taucht er schließlich mit einem Fußball auf, um recht unmotiviert einige Male auf ein Tor zu schießen. Der Blondschopf dürfte in etwa so alt gewesen sein wie jener junge Mann, der vor knapp 64 Jahren weder Fußball noch Badmintonschläger in jener Halle bei sich hatte – sondern eine Gitarre.

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Die Anfänge des jungen Johnny Cash

Zwölf Stunden lang sang der Bursche an jenem 1. Februar 1952 vor seinen amerikanischen Kameraden, die sich für einen US-Dollar ein Lied wünschen durften. In diesem Benefizkonzert zur Bekämpfung der Kinderlähmung kamen insgesamt 200 Dollar zusammen, was den Schluss nahelegt, dass der 1,87 Meter große Kerl zwischen Mittag und Mitternacht 200 Lieder geträllert hat. Danach konnte er tagelang nicht mehr sprechen. Für sein besonderes Engagement heimste der knapp 20-Jährige eine Belobigung seines Vorgesetzten ein. Was damals schon offenkundig war: Der Sohn eines Baumwollfarmers aus Arkansas hatte das Zeug dazu, Menschen mit seiner Musik zu fesseln. Was keiner wusste: Hier im Fliegerhorst Penzing („Landsberg Air Base“), der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von der US-Luftwaffe genutzt wurde, trat einer auf, der zu den einflussreichsten Vertretern der Country-Musik überhaupt werden sollte: Johnny Cash. Erstmals ist nun im Neuen Stadtmuseum Landsberg eine Ausstellung über den Mann und seine Zeit als Funker in der Region zu sehen.

Herbert Wintersohl kennt die Geschichte des Penzinger Fliegerhorsts wie kein Zweiter. „Da irgendwo muss er gewohnt haben“, sagt der Stabsfeldwebel und zeigt in der weiträumigen Kasernenanlage auf den nördlichen Flügel des „Klosterhofs“. Ein Kloster hat hier freilich nie gestanden. Aber das Karree erinnert von der Anordnung ein wenig an einen Kreuzgang, daher wohl der Name. Es gibt keine persönlichen Exponate Cashs aus seiner Armeezeit in Bayern. Denn er war ein normaler Soldat. Aber einer mit besonders gutem Gehör. Deshalb wurde John Ray Cash nach seiner Ausbildungszeit eingesetzt, in der 12. mobilen Funkschwadron die Russen abzuhören. Und damit war er Geheimnisträger, der seine Klappe zu halten hatte. Selbst auf der Stube wurde mit den Zimmergenossen nicht über die Arbeit gesprochen.

Kurz, lang, Pause. Die Bestandteile des Morsealphabets waren Johnny Cash schon lange in Fleisch und Blut übergegangen. Er soll der Erste gewesen sein, der den Tod des sowjetischen Diktators Josef Stalin aufgeschnappt hat. Das wird Cash viele Jahre später in seiner Autobiografie so schreiben. Gewusst hat der Sänger damals nicht, welche Sensation ihm da untergekommen ist. Er konnte kein Russisch. Cash formte das Morsealphabet in Windeseile zu Buchstaben um und hackte Wort für Wort in die kleine Schreibmaschine. Übersetzt und ausgewertet wurde das dann von anderen Experten.

Abhörspezialist Cash durfte nur einmal im Jahr nach Hause telefonieren. Ein Urlaub in den Vereinigten Staaten war für die Armee-Angehörigen ohnehin nicht vorgesehen. Das hatte mit deren Status zu tun, aber auch mit technischen und finanziellen Beschränkungen.

In Zeiten des weltumspannenden Internets und einer Kommunikation, die zum Teil über Satelliten im Weltraum läuft, ist es nur schwer vorstellbar, wie mühsam eine Telefonverbindung über den Atlantik vor 60 Jahren zusammengestöpselt werden musste. Dass in den ländlichen Regionen der USA jeder Haushalt einen Telefonanschluss hatte, war nicht selbstverständlich. Außerdem mussten sich Anrufer und Angerufene vorab darüber verständigen, wann man miteinander sprechen wollte. Die Zeitverschiebung war natürlich stets zu berücksichtigen. Und ob die Telefonverbindung tatsächlich halten würde, wusste vorher niemand. Der Aufwand forderte seinen Preis: Zehn Minuten kosteten 30 US-Dollar – mehr als zehn Prozent des Monatslohns von Cash.

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Ein Artikel von
Till Hofmann

Günzburger Zeitung
Ressort: Redaktionsleiter der Günzburger Zeitung


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