Juliette Gréco, Liebling der Intellektuellen, ist 85 Von Birgit Holzer
Paris „Déshabillez-moi“ – Ziehen Sie mich aus, fordert Juliette Gréco in einem ihrer bekanntesten Lieder einen imaginären Liebhaber auf. Aber nicht sofort, nicht so schnell. Frivol und provokant, kokett und doch melancholisch: Das war sie als junge Frau, als reife Frau und das ist sie bis heute, mit 85 Jahren.
Und zog nie die Robe der Chanson-Sängerin aus, legte die Rolle der mysteriösen Diva nicht ab. Sie singt und sinniert, flüstert, murmelt noch immer mit ihrer unverkennbaren tiefen Stimme über die Liebe, das Leben und über Paris, dessen Brücken sie auf ihrem neuen Album „Ça se traverse et c‘est beau“ (Man überquert sie und es ist schön) besingt. Und wenn sie heute ihren Geburtstag feiert, tut sie das auf der Bühne.
An drei Abenden hintereinander tritt sie in einem Pariser Theater auf. Mit 85 Jahren ist Juliette Gréco wohl, was man eine lebende Legende nennt. Und verkörpert, was in Paris Rive gauche heißt, die linke Seite der Seine nicht nur in geografischer Hinsicht, sondern auch in ideologischer. In den einschlägigen Bars und Cafés trifft sich die Pariser Bohème, die Künstler- und Intellektuellen-Szene. Viele dieser Größen um die Clique von Saint-Germain-des-Prés, die ihre Blüte bis Mitte des letzten Jahrhunderts hatte, sind längst tot. Der Philosoph Jean-Paul Sartre, die Autorin Françoise Sagan, der Jazzmusiker Miles Davis. Sie alle gehörten zu Grécos Bewunderern.
Eigentlich will sie zu Kriegszeiten Schauspielerin werden, doch als sie Gedichte auf der Bühne liest, werden Chansons daraus. Später wird Juliette Gréco zur Muse der Existenzialisten mit ihrer rebellischen Freiheitsliebe und ihrem Charme. Ihre Lieder stammen von großen Autoren wie Jacques Prévert, Albert Camus, später Serge Gainsbourg oder Jacques Brel.
Wie eine Marke etabliert sich La Gréco als Grande Dame des Chansons und französische Lady in Black: Schwarze Kleidung, schwarzer Pagenkopf, die Katzenaugen dramatisch geschminkt und kreideweiße Haut. Und sie kann singen. Ihr „Paris Canaille“ ist eines der schönsten Lieder aus Frankreichs großer Chansonzeit.
Die Gréco weiß nicht nur auf der Bühne zu verführen, sondern auch im Leben, hat wechselnde männliche und weibliche Geliebte. „Was kann ich dafür, wenn der, den ich liebe, nicht immer derselbe bleibt?“
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