Donnerstag, 23. November 2017

17. Juli 2014 06:00 Uhr

60. Geburtstag

Angela Merkel - die große Unbekannte

Sie regiert geräuschlos, sie scheint unangreifbar, Privates dringt kaum an die Öffentlichkeit. Heute feiert Angela Merkel ihren 60. Geburtstag. Eine Annäherung an die Bundeskanzlerin.

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Angela Merkel lässt sich in Berlin mit einer Schülerin fotografieren.
Foto:  Tim Brakemeier/ dpa

Ein Hirnforscher!?!? Groß war das Erstaunen, noch größer die Verwunderung, als sich Angela Merkel vor zehn Jahren zur Feier ihres 50. Geburtstags ausgerechnet den Vortrag des renommierten Hirnforschers Wolf Singer wünschte.

Im Konrad-Adenauer-Haus lauschten Freunde und politische Wegbegleiter den anspruchsvollen Ausführungen des Münchner Neurophysiologen. Dieser hatte mit der These für Furore gesorgt, dass der Mensch gar keinen freien Willen habe.

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Vor den Spitzenpolitikern von CDU, CSU und FDP, die 2004 auf den harten Bänken der Opposition saßen, auf den Zerfall der rot-grünen Regierung hofften und an die Macht drängten, bekräftigte Singer seine These, dass der Mensch nicht frei in seinem Willen sei, sondern von Neutrinos in seinem Gehirn gesteuert werde.

„Wir müssen uns von der Utopie der Planbarkeit der Zukunft verabschieden“, sagte er denen, die gerade die Rückkehr an die Regierung planten. Die promovierte Physikerin Angela Merkel aber durfte sich bestätigt fühlen – es kommt, wie es kommt, und auf Veränderungen komplexer Systeme kann man nur mit kleinen Schritten reagieren.

 

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Zehn Jahre später feiert Angela Merkel an diesem Donnerstag ihren 60. Geburtstag. Und wieder hat sie sich zur Feier den Vortrag eines Wissenschaftlers gewünscht. Dieses Mal spricht der Konstanzer Historiker Jürgen Osterhammel, ein führender Vertreter der Globalgeschichte. Das Wirken des Einzelnen interessiert ihn nicht, ihm geht es um Strukturen und Muster in der Geschichte, um Kontinuitäten und Zäsuren sowie um globale Veränderungen. Ein Thema, das der Kanzlerin wie kein anderes am Herzen liegt.

Immer wieder wundert sich Angela Merkel über die Deutschen, ihren Kleinmut, ihre Risikoarmut und ihr Festklammern an den Besitzständen, statt die großen Veränderungen mutig und beherzt anzugehen, die Chancen zu nutzen, statt vor den Risiken zu kapitulieren. Sie weiß es besser. Als DDR-Bürgerin hat sie den Untergang des SED-Regimes vor einem Vierteljahrhundert nicht als Katastrophe, sondern als Aufbruch und Befreiung erlebt, als einzigartige Chance, aus dem Leben etwas Neues zu machen.

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Angela Merkel ist sich treu geblieben, obwohl sich ihr Leben in den letzten zehn Jahren fundamental verändert hat. Vorhersehbar war dabei wenig, planbar noch weniger. Doch Angela Merkel hat es genommen, wie es gekommen ist, die Politik der kleinen Schritte zum Dogma erkoren und mit dieser pragmatischen Einstellung allen Stürmen getrotzt. Äußerlichkeiten interessieren sie nicht, mit den Insignien der Macht kann sie nur wenig anfangen, ihr Privatleben ist tabu, die Medien hält sie freundlich, aber entschlossen auf Distanz, Fernsehstudios meidet sie, erst recht Partys, Feiern und Empfänge. Es dominiert das protestantische Arbeitsethos.

„Probleme sind dazu da, gelöst zu werden“, lautet ihre Devise, ob in Deutschland, in Europa oder der Welt. Ihr nüchterner Pragmatismus kommt ihr dabei zugute. „Sie hat keine ideologischen Grenzen und Tabus, sie ist offen für Argumente und kann Positionen räumen, ohne mit der Wimper zu zucken, wenn sie der Auffassung ist, dass sie geräumt werden müssen“, sagt der Karlsruher CDU-Parlamentarier Axel E. Fischer, der viele Jahre dem Bundesvorstand seiner Partei angehörte und sie in vielen Sitzungen erlebt hat.

Einerseits sei sie „unheimlich durchsetzungsstark“, andererseits könne sie ganz schnell beidrehen und ihre Position aufgeben, wenn sie erkannt habe, dass sie sich nicht durchsetzen könne. Ein Rezept, das aufgeht: So ist sie immer auf der Seite der Gewinner.

 

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Alles sprach für einen klaren Sieg von Union und FDP, als der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder nach den verlorenen Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen im Mai 2005 vorgezogene Neuwahlen ausrief. Rot-Grün war am Ende. Doch zuletzt lag die Kanzlerkandidatin der Union, die mit einem radikalen Reformprogramm in die Wahlen gezogen war, nur hauchdünn vor der SPD, statt des angestrebten schwarz-gelben Bündnisses musste sie eine ungeliebte Große Koalition mit der SPD eingehen.

Angelas Merkel lernte daraus ihre Lektionen. Frühe Festlegungen schaden nur, die Deutschen wollen keine Veränderungen und Reformen, sondern Sicherheit und Stabilität. So gesehen kam ihr das Bündnis mit der SPD gerade recht. In dieser Konstellation konnte sie ihre Fähigkeiten der ausgleichenden, über den Niederungen des Tagesgeschäfts stehenden Moderatorin übernehmen, die nicht polarisiert, sondern die unterschiedlichen Positionen zusammenführt – und bei Bedarf gegeneinander ausspielt.

Aus dem ursprünglich abwertend gemeinten Spitznamen „Mutti“ wurde ein Ehrentitel. Die Deutschen vertrauen ihr – Mutti wird es schon richten.

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Zwei Wahlsiege später steht sie wieder an der Spitze einer Großen Koalition. Und alle in der Union sind sich einig: Das Klima im Bündnis mit der SPD ist viel besser als in der Koalition mit der FDP. Im Kabinett gehe es lockerer zu als in den vergangenen vier Jahren, weil Sigmar Gabriel und Frank-Walter Steinmeier mehr Humor haben als Guido Westerwelle und Philipp Rösler.

Zudem verstehen sich der „Bauchpolitiker“ Gabriel, spontan und impulsiv, und der „Kopfmensch“ Merkel, kontrolliert und diszipliniert, bestens. „Angela Merkel wird von allen sehr geschätzt, weil sie kooperativ führt“, sagt Entwicklungsminister Gerd Müller von der CSU. „Sie hat nicht verlernt zuzuhören, akzeptiert andere Meinungen, wägt die Argumente sorgfältig ab und lässt auch andere etwas gelten.“ Im Gegenzug könne man sich jederzeit auf sie und ihr Wort verlassen.

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Nirgendwo ist es so ruhig wie im Auge des Hurrikans und im Zentrum der Macht. Das monumentale Kanzleramt im Berliner Spreebogen ist wie eine mächtige Trutzburg, an der alle politischen Tsunamis abperlen. In der Regierungszentrale herrscht ein gedämpfter Ton, der Machtapparat läuft geräuschlos. Ganz oben, im Büro der Kanzlerin im achten Stock, ist vom Lärm der Großstadt fast nichts mehr zu hören.

Der Ausblick ist phänomenal, die Hauptstadt liegt der Regierungschefin buchstäblich zu Füßen, selbst das wuchtige Reichstagsgebäude gegenüber wirkt auf einmal zierlich und klein. Das Kanzleramt ist Merkels Machtbasis, hier ist sie von engen Vertrauten umgeben, die sie seit langem kennt und denen sie bedingungslos vertraut.

Zum engsten Zirkel gehören ihre Büroleiterin Beate Baumann, mit der sie seit 1990 zusammenarbeitet, ihre Medienberaterin Eva Christiansen, Regierungssprecher Steffen Seibert und Kanzleramtsminister Peter Altmaier. Jeden Morgen trifft sich die Runde zum Gespräch, Merkel schätzt in dieser Runde das offene Wort und den kritischen Diskurs. Unter einer Bedingung: Nichts darf nach draußen dringen. Es gilt das Prinzip von Loyalität und Vertrauen. Und es funktioniert.

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Nicht einmal zwei Wochen ist es her: Drei Tage in China, ein dichtes Programm mit zahllosen Terminen, Gesprächen, Verhandlungen und Diskussionen. Kaum Zeit zum Ausruhen, dazu die Zeitverschiebung. In der Nacht geht es zurück nach Deutschland. Doch in der Kabinettssitzung am Mittwochmorgen ist Angela Merkel so frisch, als sei sie eben von ihrer Datsche in der Uckermark zurückgekehrt. „Die mentale Stärke von Angela Merkel ist herausragend“, sagt CSU-Minister Gerd Müller, es sei schlicht „unglaublich“, wie sie auch nach neun Jahren in diesem kräftezehrenden Amt den psychischen wie physischen Herausforderungen trotze. Nie habe er erlebt, dass irgendetwas die Kanzlerin aus dem Gleichgewicht geworfen habe.

Ihre Neugier ist groß, ihr Wissenshunger enorm, ihr Hintergrundwissen beachtlich. Nie geht sie unvorbereitet in eine Kabinettssitzung, sie liest sich penibel ein und verlangt auch von ihren Ministern, dass sie ihre Kabinettsvorlagen bis ins Detail kennen. Wehe, sie können eine Nachfrage der Kanzlerin nicht beantworten. „Daraus leitet sich eine hohe Sachautorität ab“, sagt Gerd Müller, die niemand im Kabinett infrage stelle. Axel E. Fischer wiederum findet, dass die Kanzlerin nach bald neun Jahren im Amt „immer ausgebuffter“ wird. „Sie kann pokern – und ist mit allen Wassern gewaschen.“ Wer sie unterschätzt, hat schon verloren.

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Wie lange noch?

Nur noch Helmut Kohl und Konrad Adenauer, die beiden Überväter der CDU, haben länger regiert als sie, im nächsten Jahr ist sie zehn Jahre im Amt, ihr Ehemann Joachim Sauer, der wichtigste Stabilitätsanker in ihrem Leben, wurde kürzlich 65 Jahre alt. In Berlin wird längst offen über einen freiwilligen Abgang der Kanzlerin vor der nächsten Wahl im Herbst 2017 spekuliert.

Merkel weiß dies, lässt dementieren und heizt doch die Spekulationen weiter an. Zehn Jahre in diesem Amt seien genug, hat sie einmal gesagt, zudem ist bekannt, dass sie nicht so enden wolle wie Konrad Adenauer und Helmut Kohl, Helmut Schmidt und Gerhard Schröder. Viele trauen ihr dies zu, über ihren Abgang selbstbestimmt zu entscheiden.

Damit hätte sie es wieder einmal allen gezeigt. Und ganz nebenbei bewiesen, dass der Mensch nicht nur von Neutrinos gesteuert wird, sondern sehr wohl einen freien Willen hat und sein Schicksal planen kann.

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Ein Artikel von
Martin Ferber

Augsburger Allgemeine
Ressort: Redaktion Berlin



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