Sonntag, 24. Juli 2016

16. Februar 2010 16:23 Uhr

Interview im Wortlaut

Bischof Mixa: Sexuelle Revolution mitschuldig an Missbrauch

Die sexuelle Revolution trägt eine Mitschuld am Missbrauch von Jugendlichen. Mit dieser Aussage sorgt Augsburgs Bischof Walter Mixa heute für Schlagzeilen. Unser Interview im Wortlaut.

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Bischof Walter Mixa: Mit seiner Aussage, die sexuelle Revolution sei nicht unschuldig am Missbrauch von Jugendlichen, sorgt er für Diskussionen. Archivbild: Merk

Der Skandal um sexuellen Missbrauch Jugendlicher an Jesuitenschulen, ausgehend vom Berliner Canisius-Kolleg, hat die deutsche Öffentlichkeit aufgeschreckt. Immer mehr Opfer melden sich. Der Augsburger Bischof Walter Mixa stellte sich unseren Fragen.

Herr Bischof Mixa, was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie von den Missbrauchs-Vorwürfen an deutschen Jesuitenschulen hörten?

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Mixa: Es gibt wenige Nachrichten, die mich so erschüttern und betroffen machen. Spontan denke ich dabei zuerst an die Opfer, die ihre seelischen Schäden oft jahrelang mit sich herumtragen. Als Seelsorger macht es mich aber auch zutiefst betroffen, wie selbst Priester immer wieder den Versuchungen des Bösen ausgesetzt sind und in entsetzlicher Weise schuldig werden können.

Was antworten Sie Menschen, die Sie fragen: Wie kann Gott nur zulassen, dass sich ausgerechnet Priester an Kindern vergehen?

Mixa: Gott hat die Menschen nicht als Heilige geschaffen, sondern mit einem freien Willen. Jeder Mensch kann sich deshalb zwischen Gut und Böse entscheiden und hat persönlich für die Konsequenzen seines Handelns geradezustehen.

Werden die zuletzt bekannt gewordenen Fälle von Kindesmissbrauch nachhaltig die Glaubwürdigkeit der Institution Kirche erschüttern?

Mixa: Sexueller Missbrauch von Minderjährigen ist leider ein verbreitetes gesellschaftliches Übel, das in vielfältigen Erscheinungsformen von der Familie bis zur Schule oder zum Sportverein auftritt. Die sogenannte sexuelle Revolution, in deren Verlauf von besonders progressiven Moralkritikern auch die Legalisierung von sexuellen Kontakten zwischen Erwachsenen und Minderjährigen gefordert wurde, ist daran sicher nicht unschuldig. Wir haben in den letzten Jahrzehnten gerade in den Medien eine zunehmende Sexualisierung der Öffentlichkeit erlebt, die auch abnorme sexuelle Neigungen eher fördert als begrenzt.

Die Öffentlichkeit reagiert aber besonders heftig, wenn Priester unter den Verdacht sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen geraten …

Mixa: Sexueller Missbrauch durch Geistliche ist ein besonders abscheuliches Verbrechen. Das hat Papst Benedikt XVI. deutlich betont, und ich sehe dies ganz genau so. Wenn ein Priester, der sich gegenüber dem Opfer in einer Art Vaterrolle befindet, das Vertrauen von Kindern missbräuchlich ausnutzt, wird das Grundvertrauen in menschliche Beziehungen gestört. Die Täter versündigen sich an der Psyche ihrer Opfer und sie versündigen sich auch gegen die Kirche. Diese musste jedoch von Anbeginn damit leben, dass auch immer wieder Menschen in ihr ihre Gebote und Regeln verletzten oder ihr Ansehen und ihre Autorität für eigene Schandtaten missbrauchen. Das kann man in einer Großorganisation von weit über einer Milliarde Mitgliedern weltweit realistischerweise nicht ausschließen. Auch das staatliche Strafrecht kann, wie wir alle wissen, nicht verhindern, dass sich einzelne Menschen nicht an die Regeln halten.

Der Kirche wird vorgeworfen, sie habe Täter aus den eigenen Reihen systematisch geschützt und Opfer ignoriert. Was sagen Sie dazu?

Mixa: In der Vergangenheit hat oft der gut gemeinte Versuch, die Opfer vor einer voyeuristischen Berichterstattung zu schützen, in Wahrheit die Opfer zusätzlich gequält und die Täter geschützt. Durch die fortschreitenden Erkenntnisse der Wissenschaft über Ursachen und Struktur pädophilen Verhaltens sind private, staatliche oder kirchliche Arbeitgeber inzwischen sensibler gegenüber diesem Phänomen geworden.

Ich schließe natürlich nicht aus, dass auch in der Kirche mancher Verantwortliche in der Vergangenheit gegenüber Sexualdelikten an Kindern und Jugendlichen zu blauäugig war und unberechtigter Weise auf eine Besserung des Täters in einem anderen Aufgabenfeld gesetzt hat. Da sind kirchliche Verantwortungsträger möglicherweise auch einem Zeitgeist aufgesessen, der selbst im Bereich des staatlichen Strafrechts Resozialisierung statt Strafe propagierte.

Es wurde die Befürchtung geäußert, in Deutschland könnte der Missbrauch durch Kleriker ähnliche Ausmaße annehmen wie in den USA, Irland oder Australien. Ist das eine Übertreibung?

Mixa: In manchen Medien wird jetzt der unredliche Versuch unternommen, Kindesmissbrauch zu einem vornehmlich kirchlichen Problem zu machen. Seit 1995 gab es in Deutschland rund 210 000 polizeilich registrierte Fälle von Kindesmissbrauch. Die Zahl der Fälle in kirchlichen Einrichtungen liegt dabei in einem verschwindend geringen Promille-Bereich. Das soll keinen einzigen Fall verharmlosen, rückt aber doch die tatsächlichen Verhältnisse ins rechte Licht.

Pater Klaus Mertes, der Leiter des Berliner Canisius-Kollegs, hat die zuletzt bekannt gewordenen Missbrauchsfälle als "Spitze des Eisbergs" bezeichnet. Teilen Sie diese Ansicht?

Mixa: Ungeschützt zu behaupten, die jetzt bekannten Missbrauchsfälle seien nur die "Spitze des Eisbergs", halte ich für gewagt. Es wäre aber auch sicher unrealistisch, anzunehmen, dass es nicht irgendwo noch weitere Fälle von Missbrauch gegeben hat. Die Zahl der kirchlichen Bediensteten geht allein in Deutschland in die Hunderttausende. Kein Bischof und kein Vorgesetzter kann da mit letzter Sicherheit ein Fehlverhalten Einzelner ausschließen.

Wie sollte die Kirche mit solchen Fällen umgehen?

Mixa: Die Kirche muss in dieser Debatte klar und deutlich dreierlei sagen: Erstens, dass sexueller Missbrauch von Kindern kein Gentleman-Delikt, sondern ein abscheuliches Verbrechen ist. Zweitens, dass Priester oder kirchliche Mitarbeiter durch eine solche Tat gegen die Gebote Gottes und seiner Kirche wie auch gegen die Personenwürde des Menschen verstoßen. Drittens, dass menschliche Sexualität entsprechend der kirchlichen Lehre eng verbunden sein muss mit Liebe, Vertrauen und gegenseitiger Achtung und nicht einseitig zur eigenen Triebbefriedigung missbraucht werden darf. Die Kirche braucht eine offene Diskussion nicht zu scheuen.

Die Kirche setzt bei Missbrauchsfällen in erster Linie auf interne Untersuchungen. Verdachtsfälle müssen nicht angezeigt werden. Ist dieses Prozedere in Ihren Augen nach wie vor sinnvoll?

Mixa: Wenn in einer großen Institution wie der Kirche Verdachtsmomente oder Anschuldigungen gegen Mitarbeiter auftauchen, ist es sicher richtig, zunächst einmal intern den Vorwürfen nachzugehen und diese auf ihre Stichhaltigkeit zu prüfen.

Im Jahre 2007 hatten wir im Bistum Augsburg solche Vorwürfe gegen einen Priester zu Tathergängen, welche die Jahre 2003 und 2004 betrafen. Die Diözese hat 2007 sofort nach Kenntnis der ersten Vorwürfe und deren interner Prüfung mit den staatlichen Ermittlungsbehörden Kontakt aufgenommen und aktive Unterstützung bei der Aufklärung geleistet. Der beschuldigte Priester wurde unmittelbar nach Prüfung der ersten Anhaltspunkte für ein Fehlverhalten mit sofortiger Wirkung beurlaubt und aus der Pfarrei abberufen sowie nach Erlass des entsprechenden staatlichen Strafbefehls vom Dienst suspendiert.

Im Einzelfall ist allerdings der Sachverhalt oft unübersichtlich, und wie beim Staat gilt natürlich auch für die Kirche bis zu einer Verurteilung des Beschuldigten die Unschuldsvermutung, wenn dieser die Tat bestreitet. Das gilt vor allem bei anonymen Anschuldigungen.

Leistet die priesterliche Ehelosigkeit der Neigung zum sexuellen Missbrauch von Jugendlichen Vorschub?

Mixa: Die zölibatäre Lebensweise von Priestern hat mit dem sexuellen Missbrauch von Jugendlichen überhaupt nichts zu tun. Einer der führenden Experten für Missbrauch in Deutschland, Hans-Ludwig Kröber, sieht keinerlei Hinweis darauf, dass zum Beispiel zölibatäre Lehrer häufiger pädophil seien als andere Lehrer. Auf einer internationalen Tagung im Jahre 2003 in Rom erklärten führende Experten, die nicht katholisch sind, dass es keinerlei Zusammenhang zwischen Pädophilie und Zölibat gibt. Der ganz überwiegende Teil der entsprechenden Sexualstraftaten wird von verheirateten Männern, oft im verwandtschaftlichen Umfeld der Opfer, begangen. Zölibatär lebende Priester sind in der Regel sexuell völlig normal orientiert, verzichten aber in der Nachfolge Christi in einer bewussten Entscheidung auf Ehe und Sexualität.

Das Interview führten Alois Knoller und Daniel Wirsching.

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