London In einer außerordentlich robusten Diskussion hat Premier David Cameron gestern vor dem Unterhaus versucht, sich aus den Verstrickungen des Murdoch-Medienskandals zu befreien.
Die Konservativen hatten Redaktionsleiter Andrew Coulson, Schlüsselfigur in dem Debakel, als Presseberater beauftragt. Fehlverhalten? Das sieht Cameron vor allem bei anderen – und teilte kräftig aus. „Immerhin hatte ich keine Pyjamapartys mit der Chefredakteurin“, donnerte Cameron in das dicht besetzte Unterhaus, „ja, ich habe Rebekah Brooks nicht einmal in ihrem Schlafanzug gesehen.“ Um seine Freundschaft zu jener Frau zu rechtfertigen, die die News of the World leitete, als Journalisten sich in die Mailbox eines ermordeten Teenagers einwählten, musste Cameron erstmals seine sonst so geschliffene Art ablegen. Der Hinweis auf Schlafanzugpartys war ein klarer Seitenhieb gegen seinen Vorgänger und Labour-Mann Gordon Brown, dessen Gattin dementsprechende Kontakte zu Rupert Murdochs Gattin Wendi pflegte. Die illegalen Recherchemethoden britischer Boulevardmedien haben längst die Downing Street mit in den Mahlstrom gerissen, in dem zurzeit fast jede Institution des Establishments verwickelt ist.
Nur der demonstrative Fingerzeig auf die Schuld der Opposition konnte noch von der Tatsache ablenken, dass auch die Camerons enge Bande mit so zwielichtigen wie einflussreichen Medienschaffenden pflegen. Die rothaarige Brooks wohnt in Camerons Wahlkreis, sie verkehren im gleichen Freundeskreis, besuchen einander zu Weihnachten. 27 Mal hat er die Journalistin in nur 14 Monaten seiner Amtszeit getroffen.
Opposition quittiert vage Entschuldigung mit Protestrufen
Ihr Kollege Andrew Coulson bekam prompt einen Job in Camerons Team, als er nach Abhörvorwürfen bei der News of the World hinwarf. Er habe Coulson „eine zweite Chance“ geben wollen, sagte der Premier im Rückblick und lieferte unter Protestrufen der Abgeordneten eine erste, vage Entschuldigung: „Hätte ich alles gewusst, was wir heute wissen, hätte ich ihn nicht eingestellt.“ Coulson soll Redakteure ermuntert haben, Mailboxen fremder Handys zu knacken. Auf den Reporter aufmerksam geworden waren zuerst Mitarbeiter von Prinz Harry und Prinz William, die den Inhalt ihrer vertraulichen Mobilfunknachrichten in der News of the World fanden.
Als „katastrophales Fehlurteil“ bezeichnete Oppositionschef Ed Miliband die Rekrutierung Coulsons: „Das lässt sich nicht auf Dummheit schieben. Der Premier hat die Fakten bewusst ignoriert und damit das Amt des Regierungschefs in Gefahr gebracht.“ Es gibt erste Hinweise darauf, dass Cameron vor Coulson gewarnt worden war, offenbar sogar vom Buckingham-Palast. Der Palast hat diese Hinweise gestern dementiert.
Ungeachtet aller Versuche, sich gegen die Flut der Empörung zu stemmen, ist Cameron diese Woche am Tiefpunkt seiner bisherigen Regierungszeit angekommen. Vier von zehn Briten haben laut einer Populus-Umfrage eine „schlechtere Meinung“ über den Premier als vor Ausbruch des Skandals. Dabei werden die juristischen Ermittlungen gerade erst ausgeweitet. Tagtäglich kommen neue peinliche Details ans Licht.
Der Guardian, der seit vier Jahren an den Hintergründen zu Korruption in der Polizei und illegaler Redaktionspraxis der Murdoch-Blätter recherchiert, hat gestern einen E-Mail-Austausch veröffentlicht, der nahelegt, dass der Premierminister den wuchernden Skandal bewusst ignoriert hat. „Es wäre nicht angemessen, dieses Thema mit dem Premierminister zu diskutieren“, schreibt Camerons Büroleiter Ed Llewellyn darin an Scotland-Yard-Vize John Yates, „es muss ganz klar zwischen uns beiden sein, zu Ihrem und zu unserem Wohlergehen, dass wir über dieses Thema auch nicht gesprochen haben.“
Der Regierungschef hatte eigens eine Dienstreise nach Afrika abgebrochen, um die Notsitzung im Unterhaus zu leiten. Gleichzeitig waren auch alle Abgeordneten verpflichtet worden, ihre Sommerpause zu verschieben. Cameron kündigte an, den Fall parallel zu den Ermittlungen der Polizei von Branchenkennern und Datenschützern untersuchen zu lassen.