Der Kongo zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Dennoch ist er unglaublich reich – an wertvollen Rohstoffen. Nur haben die Minen-Arbeiter nichts davon. Ein gefährlicher Knochenjob. Von Andrea Kümpfbeck

So schnell also ist man in den Händen des kongolesischen Geheimdienstes. Was wir wollen, will der junge Mann in barschem Ton wissen. Wo wir herkommen, wer uns geschickt hat, wo unsere Fotografier-Erlaubnis ist. Denn Fremde will man hier in Nizi nicht haben. Fremde stellen Fragen. Und eine Journalistin erst recht.
Nizi ist ein hübsches großes Dorf mit rund 12.000 Einwohnern. Die Hütten ziehen sich den Hügel hinauf, unten durchs Tal schlängelt sich der Fluss, der dem Ort seinen Namen gab. Es ist ein wohlhabendes Dorf. Das sieht man an dem vielen Wellblech, das die klassischen Strohdächer ersetzt hat. Neues Wellblech, wohin man schaut, überall glänzt es in der Sonne. Nachts hört man das Brummen der Generatoren, ekstatische Kirchengesänge bis morgens um vier – und manchmal ein paar Schüsse.
Seit die Deutsche Welthungerhilfe vor drei Jahren die gut 20 Kilometer lange schlammige Schlaglochpiste von der Distrikthauptstadt Bunia in Richtung Norden befahrbar gemacht hat, kommen Lastwagen bis Nizi. Seither müssen die Frauen die Ernte nicht mehr auf dem Kopf nach Bunia schleppen oder die Männer die oft 100 Kilo schwere Last auf dem Fahrrad in die Stadt schieben. Es gibt einen Markt, auf dem man alles verkaufen und alles kaufen kann. Die farbenfrohen Stoffe Afrikas, Matratzen aus Plastik, Regenschirme. Ein Fahrrad kostet 90 Dollar und ein lebendes Huhn 15.
Das Bild des früheren libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi gibt es für einen Dollar. Es hängt zwischen einem Poster mit den Wildtieren des Dschungels und einem der Heiligen Familie. „Er war ein Soldat“, steht auf dem Plakat, „und starb wie ein Soldat.“ Die Preise, die die Bauern jetzt für ihre Bananen, für Maniok oder Mais erzielen, sind deutlich gestiegen, seit mehr Händler in der Stadt sind. 14 Dollar hat ein Bauer vor der Straße für den Sack Maniok bekommen, jetzt sind es 25 Dollar.
Doch es ist nicht die Landwirtschaft, die dem Ort den Wohlstand brachte. Nizi hat eine Goldmine. Direkt hinter dem Hügel. Wie viele der Dörfer im Ostkongo, dem Massengrab des Landes. Denn nirgendwo sonst haben während des Bürgerkrieges vor zehn Jahren so viele Kindersoldaten gekämpft, sind so viele Menschen massakriert, vergewaltigt und gefoltert worden. Und noch heute ist der Frieden brüchig in der Gegend. Immer wieder entstehen bewaffnete Gruppen, immer wieder gibt es zwischen den Rebellen-Organisationen neue Allianzen. Denn hier tobt der Krieg um die Bodenschätze: um Gold und Coltan, um Kassiterit, Kupfer, Diamanten.
Vielleicht 20 junge Männer warten am Ortseingang auf Kundschaft. Sie alle sind etwa gleich alt – Anfang, Mitte 20. Sie sitzen auf neuen Mopeds der Marke Senke, mit denen der chinesische Hersteller ganz Afrika überschwemmt. „Das sind die ehemaligen Kindersoldaten“, sagt Kay Grulich, Projektleiter der Welthungerhilfe in Bunia. Bei einer groß angelegten Tauschaktion hat jeder der Burschen, der seine Kalaschnikow ablieferte, dafür ein paar Dollar und ein Motorrad bekommen, um sich als Taxiunternehmer selbstständig machen zu können.
Der Geheimdienstmann, der sich Merci Dieu nennt – was wörtlich übersetzt „Danke Gott“ bedeutet –, ist einer von ihnen. In jedem Dorf gibt es einen Vertreter der „Agence Nationale de Renseignements“ (ANR), des kongolesischen Nachrichtendienstes, der seinen Landsleuten auf die Finger schaut. Und der darauf achtet, dass nicht alle Fragen beantwortet werden, die Fremde stellen.
„Ich arbeite für die CIA des Kongo“, sagt Merci Dieu stolz, „für mein Land.“ „Mehr Stabilität und Einheit“ ist auf der Rückseite des gelben T-Shirts zu lesen, das er an diesem Vormittag trägt. Und auf der Vorderseite der Aufruf „Wählt Yoweri Museveni“ – den Präsidenten des Nachbarlandes Uganda. Einen Anruf später hat Merci Dieu einen klaren Befehl: Er soll den Fremden das Dorf zeigen. Und alle Fragen beantworten. „Das sind jetzt deine Gäste. Und ich möchte nicht hören, dass es irgendwelche Probleme gegeben hat“, hat sein Boss ins Telefon gebellt, nachdem ihn Tandema Dieudonne angerufen hatte. Der 51-Jährige ist der Sicherheits-Chef der Welthungerhilfe in Bunia. „Er ist meine Lebensversicherung“, sagt Kay Grulich. Und die seiner 125 Kollegen. Trotzdem parken sie ihre Autos immer in Fluchtrichtung.
Tandema Dieudonne war Lehrer für Mathematik und Biologie. Er ist ein feiner Kerl mit festem Händedruck, dessen schwarze Lederschuhe immer blank poliert sind. Tandema Dieudonne hat viel erlebt während der Kriegsjahre, mehr als einmal hat er in den Lauf einer Kalaschnikow geschaut. Heute ist er gut vernetzt in der Gegend. In seinem Handy hat er die Nummern der wichtigsten Militärs gespeichert, der politischen Köpfe, der kirchlichen Würdenträger. Und er kennt die Rebellenführer – die meisten von ihnen waren seine Schüler. Darum kann die Welthungerhilfe als eine der wenigen internationalen Hilfsorganisationen im gefährlichen Osten des Kongo auch arbeiten. Und darum sind die fünf Mitarbeiter, die im vergangenen Herbst von Rebellen entführt worden waren, unbeschadet wieder freigekommen.
Merci Dieu bringt uns zur Mine. Natürlich tut er das jetzt. Wie ein Touristenführer erzählt er davon, wie gut es seinem Dorf geht, seitdem der wertvolle Bodenschatz gefunden wurde. Jeder der 400 Minenarbeiter, behauptet Merci Dieu, verdient mindestens 50 Dollar am Tag. Es sind Phantasiezahlen, die der 28-Jährige nennt. Denn der Durchschnittslohn im Kongo liegt bei 60 Dollar – im Monat. Und das ist dann schon ein sehr guter Verdienst. Vielleicht zwei Dollar bekommen die Minenarbeiter am Tag – je nachdem, wie viel Milligramm Goldstaub sie beim Vorarbeiter abliefern können. Wie der Minenbesitzer sich gegen hohe Gebühren und vermutlich noch höhere Bestechungsgelder die Lizenz zum Schürfen gesichert hat, will keiner erzählen. Fest steht: Es ist eine Goldgrube – im wahrsten Sinne des Wortes. Mehr als 100 Kilo des Edelmetalls, munkelt man im Dorf, spuckt das Schlammloch jedes Jahr aus.
Die Goldmine ist eine Mondlandschaft aus roten Erdhügeln und braunen Wasserlöchern. Bis zum Bauch stecken die Arbeiter im Dreck. Sie tragen den Hügel ab, Schaufel für Schaufel. Immer tiefer verlegen sie den Fluss Nizi hinein in den Berg. Dadurch gewinnen sie den wertvollen, mit Goldstaub durchsetzten Schlamm. Es ist ein gefährlicher Knochenjob, den sie da machen. Immer wieder rutscht der Berg ab, immer wieder kommt es zu Unfällen. Erst im vergangenen Jahr wurden 20 Kollegen verschüttet.
Ein paar Kinder füllen das brackige Wasser in gelbe Plastikkanister und schleppen es hinauf ins Dorf – zum Waschen, Kochen, Trinken. Daneben waschen die Frauen die Kleider im Fluss, die Männer schaufeln den rotbraunen Schlamm in rote Plastikschüsseln. Mit bloßen Händen rühren sie Dreck und Wasser durch ein Sieb, Stunde um Stunde. Übrig bleibt feiner, glitzernder Staub. So fein, dass man ihn mit bloßem Auge kaum erkennen kann.
100 Meter weiter sitzen drei Männer unter einer weißen Plastikplane, die sie vor der heißen Äquatorsonne schützen soll. In großen Mörsern, zusammengeschweißt aus Eisenabfall, klopfen sie Steine zu Staub. Die stumpfen Stöße hört man von weitem, es klingt wie die Trommeln auf einer Galeere. Zwei bis drei Stunden, sagt Merci Dieu, dauert es, bis ein kopfgroßer Brocken zermahlen ist. Einen ganzen Tag dauert das, sagt Dheba Dhambu, der mit den zwei Dollar Tageslohn seine Frau und zwei Söhne ernährt. „Ein guter Job“, murmelt der 32-Jährige und klopft weiter. Immer weiter.
Tibamwenda, ein anderer Arbeiter, siebt den Staub durch ein Tuch in eine Schüssel. Dann holt er einen Tropfen Quecksilber aus einem Glas und lässt ihn in die Schüssel plumpsen. Der Silbertropfen tanzt den Rand entlang – und sammelt dabei die winzigen Goldstaubkörner ein. Denn Gold bleibt am Quecksilber hängen, Gestein nicht. Die Quecksilberkugel drückt Tibamwenda durch ein Taschentuch. Ein Goldsteinchen und ein paar glänzende Krümel bleiben in dem blau karierten Stoff hängen.
Die holt sich Tono, der Zwischenhändler. Er ist der Nächste, der an den mühsam gewonnenen Staubkörnern verdient. Tono trägt Anzug und viel Verantwortung, wie er sagt. Er müsse das Gold transportieren und habe schließlich das Risiko, dabei überfallen zu werden. Tono packt jeden einzelnen der Krümel, den die Schürfer aus dem Schlamm gewaschen oder aus dem Staub gefiltert haben, in Alufolie und trägt den Schatz hinauf ins Dorf.
Dort gibt es 50 Händler, die sich in Bretterbuden entlang der Hauptstraße angesiedelt haben. Bassa hat seinen Verschlag direkt neben dem Metzger, der ein Poster von Obama an die Wand gehängt hat und heute frisches Lamm verkauft. Ein Tisch, ein Stuhl, ein Transistorradio und die kleine Handwaage, auf der er mit Münzen und Streichhölzern Gewicht und Qualität des Goldes bestimmt: Das ist das ganze Inventar, das Bassa in seinem Laden hat. Er trägt eine Uhr aus Gold. Und ein Hemd aus feinem Stoff. 38 Dollar zahlt er Tono für ein Gramm Gold. Dabei verdiene er eigentlich gar nichts mehr, sagt Bassa.
Viel weniger jedenfalls, behauptet er, als die Arbeiter, die den ganzen Tag Schlamm schaufeln. Oder der Steineklopfer Dheba Dhambu. Der allerdings kann für seine Familie nur alle paar Wochen einmal Fleisch kaufen. Und er kann keinen seiner beiden Söhne zur Schule schicken. Dazu reicht das Geld einfach nicht.
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