Samstag, 1. Oktober 2016

13. März 2012 13:58 Uhr

Sterbehilfe für Timo Konietzka

Der eigene Tod als letzte Botschaft

Der Suizid des früheren Bundesliga-Fußballprofis Timo Konietzka löst in Deutschland eine Debatte aus. Der 73-Jährige warb offensiv für die umstrittene Schweizer Organisation Exit. Von Daniel Wirsching und Daniela Deeg

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Timo Konietzka führte ein öffentliches Leben, und öffentlich war nun auch sein Sterben, öffentlich ist sein Tod. Der frühere Fußballprofi (Borussia Dortmund, TSV 1860 München) aus Nordrhein-Westfalen hat sich am Montag in der Schweiz das Leben genommen. Mit einem Giftcocktail der Sterbehilfeorganisation Exit. Der 73-Jährige, der seit 1988 auch Schweizer Staatsbürger war, hatte Gallenkrebs. Unheilbar, hieß es.

Die Boulevardzeitung Blick sparte am Dienstag nicht mit Details: „Timo hat entschieden zu sterben“, sagte Gattin Claudia Konietzka gestern um 12.21 Uhr zu Blick. Um 18.52 Uhr schlief Timo Konietzka (73), 1963 erster Torschütze der Bundesliga-Geschichte, friedlich ein, berichtete das Blatt auf seiner Internetseite. In den Tagen vor seinem Tod habe er nochmals „seine kleinen Enkel sehen“ können und ein Bier getrunken. Im Beisein von Exit-Vertretern habe er schließlich den „Todescocktail geschluckt“. Es klingt wie eine Werbung für die Organisation Exit, mit deren Hilfe etwa der frühere Flick-Manager Eberhard von Brauchitsch und dessen Frau 2010 im Alter von jeweils 83 Jahren aus dem Leben schieden.

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Timo Konietzka hat seine Todesanzeige selber verfasst

In einer Todesanzeige, die Timo Konietzka selbst verfasst hatte, schrieb er: „Liebe Freunde! Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich bei Exit bedanken, die mich am Montagnachmittag von meinen Qualen erlöst und auf dem schweren Weg begleitet haben. Ich bin sehr froh!“ Konietzka engagierte sich als Exit-Botschafter und hatte klare Vorstellungen von seinem Tod. In einem Interview sagte er vor einem Jahr: „Ich will kein Pflegefall werden, angeschlossen und künstlich am Leben erhalten, natürlich nicht. Ich, der so viel Sport gemacht hat, immer gesund gelebt hat, der niemals Schmerzen hatte! Das will ich mir ersparen.“ Und weiter: „Die Deutschen kommen zu uns in die Schweiz, um zu sterben.“

Eugen Brysch, Geschäftsführender Vorstand der Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung, nannte es entsetzlich, dass Schweizer Sterbehilfeorganisationen immer wieder versuchten, durch die Suizidbegleitung von Prominenten Öffentlichkeit für ihr Geschäftsmodell zu erlangen. „In der Eskalation des Marketings geht es darum, die größtmögliche Aufmerksamkeit zu erhalten.“ In der Schweiz sind im vergangenen Jahr laut Exit und Dignitas insgesamt 465 Menschen mit Unterstützung von Sterbehelfern aus dem Leben geschieden, davon mindestens 72 Deutsche. 2010 lag die Gesamtzahl noch bei 354.

Auf ihrer Internetseite erläutert Exit die Rechtslage wie folgt: Es sei legal, „jemandem beim Freitod beizustehen, solange der Helfer nicht übermäßig finanziell profitiert“. Deshalb arbeiteten die „Freitodbegleiterinnen“ ehrenamtlich und erhielten nur eine Spesenentschädigung. Exit ist als nicht gewinnorientierter Verein organisiert, der sich durch Mitgliedsbeiträge finanziert. Das Angebot der Freitodbegleitung wirke „suizidpräventiv“: „Die Gewissheit, im Notfall jederzeit einen Ausweg zu haben, lässt mehr als die Hälfte der ursprünglich Interessierten ihr Leiden bis zum natürlichen Tod weiter ertragen“, behauptet die Organisation, die 2011 über 1500 Sterbehilfe-Anfragen gehabt habe. In Deutschland verständigte sich die schwarz-gelbe Koalition erst Anfang März darauf, die gewerbsmäßige Beihilfe zum Suizid so schnell wie möglich zu verbieten. Die Beihilfe zum Suizid ist nach Angaben des Augsburger Anwalts David Herrmann in Deutschland nicht strafbar. Nach Auffassung der Bundesärztekammer verstößt sie aber gegen das ärztliche Ethos und ist Ärzten durch die Berufsordnung untersagt.

Scharfe Kritik vom Augsburger Weihbischof

Scharfe Kritik übte der Augsburger Weihbischof Anton Losinger, Mitglied des Deutschen Ethikrates: „Der menschliche Tod darf nicht zum Gegenstand von Geschäften gemacht werden“, sagte er unserer Zeitung. Im April veröffentlicht der Ethikrat ein Papier zu „Demenz und Selbstbestimmtheit“, in dem auch die Sterbehilfe eine Rolle spielt. Die 26 Mitglieder seien sich einig: „Wir sind gegen jede Form der aktiven Sterbehilfe“, sagte Losinger. Er befürchtet, dass pflegebedürftige Menschen unter Druck gesetzt werden könnten, sich für den Suizid zu entscheiden, um ihren Angehörigen nicht zur Last zu fallen. Der Suizidwunsch entspringe der Angst vor großen Schmerzen und der Angst, ein Pflegefall zu werden. Das Papier des Ethikrates enthält Losinger zufolge daher die Forderung: mehr Ressourcen für die Betreuung und Begleitung kranker und pflegebedürftiger Menschen.

Konietzka sagte vor einem Jahr: „Ich habe schriftlich hinterlegt, wie ich aus dem Leben scheiden will. Ich kann so meine Frau und meine ganze Familie entlasten. Ich halte es für ein großes Problem in unserer Gesellschaft, dass man Leute, die sterben wollen, nicht gehen lässt.“

Am Montag ist er gegangen.

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