Bundespräsident Horst Köhler hat die fehlende Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem als "unentschuldbare Ungerechtigkeit" bezeichnet. Bei der Bildung dürfe niemand zurückgelassen werden.

Berlin (AZ, dpa, afp) - Bundespräsident Horst Köhler hat die fehlende Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem als "unentschuldbare Ungerechtigkeit" bezeichnet. Dies schade nicht nur den Betroffenen, sondern sei auch "eine Vergeudung von Humanvermögen", sagte Köhler auf dem "Forum Demografischer Wandel" in Berlin.
Die Vernachlässigung von Talenten zum Beispiel aus Zuwandererfamilien werde die Gesellschaft "in Zukunft empfindlich spüren". Bei der Bildung dürfe niemand zurückgelassen werden.
Mehrere aktuelle Studien untermauern die Vorwürfe Köhlers:
Beispiel IGLU-Studie: Die jüngste Lese-Untersuchung an Grundschulen belegt, dass trotz Verbesserungen ein zehnjähriges Kind aus der Oberschicht eine mehrfach höhere Erfolgschance bei seinem weiteren Bildungsweg hat als ein Kind aus der Unterschicht (wir berichteten).
Beispiel PISA-Studie: Die neue Untersuchung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) über das naturwissenschaftliche Wissen 15-jähriger Schüler, die kommende Woche offiziell präsentiert werden soll, sieht erneut Finnland an der Spitze. Deutschland schnitt zum ersten Mal deutlich über dem Durchschnitt ab. PISA-Koordinator Andreas Schleicher verwies jedoch erneut auf die hohe Abhängigkeit von sozialer Herkunft und Bildungserfolg in Deutschland. Dafür wurde er heftig kritisiert.
Beispiel Familien-Studie: Eine weitere OECD-Untersuchung zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie ergab, dass in Deutschland trotz vergleichsweise hoher Finanzhilfen für Familien mehr Kinder in Armut aufwachsen als in den meisten anderen Industriestaaten. Danach investiert Deutschland zwar überdurchschnittlich stark in Kindergeld und Steuererleichterungen, gibt im internationalen Vergleich aber wenig Geld für Angebote zur Kinderbetreuung aus.
Die effektivste Strategie gegen Armut sei, den Eltern das Ausüben ihres Berufs zu ermöglichen, mahnte OECD-Experte Willem Adema. In der Bundesrepublik sei es aber vergleichsweise schwer, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen.
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