Freitag, 19. Januar 2018

23. September 2014 19:00 Uhr

AfD-Analyse

Die AfD erlebt einen Aufschwung - aber wie lange hält der Triumph?

Der Aufschwung der AfD erinnert manche an den Siegeszug der Piratenpartei, der zurzeit die führenden Köpfe davonlaufen. Sind die Eurokritiker vor einem ähnlichen Schicksal gefeit?

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AfD-Gründer Bernd Lucke (links) und Brandenburger Spitzenkandidat Alexander Gauland: „Ich habe mich auch viel geirrt in meinem politischen Leben."
Foto: Jens Büttner (dpa)

Der Jubel ist groß bei den Politneulingen, als Forsa seine wöchentlichen Umfragewerte präsentiert: 13 Prozent würden sie erhalten, wenn am folgenden Sonntag Bundestagswahl wäre, drittstärkste Partei nach Union und SPD noch vor den Grünen, die einst stolze FDP noch immer weit abgeschlagen.

Der kurze Siegeszug der Piratenpartei

Das war im April 2012, als die Piraten ihren höchsten jemals gemessenen Wert in einer bundesweiten Umfrage erreichten. Zweieinhalb Jahre später ist die junge Alternative, die den Berliner Parteienbetrieb kurz durcheinanderwirbelte, längst in der politischen Versenkung verschwunden. Diese Woche machten die dem digitalen Zeitalter verschworenen Basisdemokraten ausnahmsweise nochmals Schlagzeilen.

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Die in der Internetszene bekannte Vordenkerin und Ex-McKinsey-Unternehmensberaterin Anke Domscheit-Berg erklärte wütend ihren Parteiaustritt. Ihr gleich tat es der Berliner Landesvorsitzende Christopher Lauer. Mit seiner schwarzen Nerd-Brille und unkonventionellen TV-Auftritten war Lauer das prominenteste männliche Piraten-Gesicht. Während Domscheit-Berg über zu viele Konservative und Sexismus in ihrer Partei klagte, ertrug Lauer schlicht die Unprofessionalität seiner Parteifreunde nicht mehr.

Forsa-Umfrage: Triumph für die AfD

Auch diese Woche gibt es eine neue Umfrage von Forsa. Das Umfrage-Institut, das bei den letzten Bundestagswahlen stets am nächsten am tatsächlichen Ergebnis dran war, sagt nun der rechtskonservativen Alternative für Deutschland einen Triumph im Bund voraus: Mit zehn Prozent wären die Politneulinge drittstärkste Kraft, vor der Linken mit neun und den Grünen mit nur acht Prozent. Die FDP würde mit zwei Prozent untergehen.

Bemerkenswert erscheint, dass der AfD-Erfolg auf den ersten Blick nicht auf Kosten der Union geht. Im Gegenteil: CDU und CSU konnten im Vergleich zur Vorwoche sogar um einen Punkt auf 42 Prozent zulegen. Die SPD verliert dagegen zwei Punkte, auch Linke und Grüne verbuchen ein Prozent weniger.

Unionspolitiker fürchten die neue Konkurrenz

Die AfD dagegen klettert von sieben auf zehn Prozent – ein „Mitläufer-Effekt“, der für Parteien nach Wahlerfolgen oft zu beobachten sei, erklärt Forsa-Chef Manfred Güllner. Überhaupt verdanke die AfD ihre momentane Stärke der Schwäche der anderen Parteien. „Es sind vor allem frühere Anhänger der SPD, die unter dem Eindruck der katastrophalen Niederlage ihrer Partei in Thüringen ins Lager der Nichtwähler abgewandert sind“, sagt Güllner. Je mehr Nichtwähler, desto höher falle derzeit der Wert der AfD aus, „und das, obwohl nur eine Minderheit von sieben von hundert Wahlberechtigten Sympathien für diese Partei hat“, fügt der Meinungsforscher hinzu.

So fürchten auch viele Unionspolitiker die neue Konkurrenz am rechten Rand. Etabliert sich die AfD, könnte sie viele konservative Unions-Stammwähler an sich ziehen. Bislang wählen die AfD laut Meinungsforschern und Wahlanalysen überproportional viele männliche Jungwähler, Arbeitslose und Unzufriedene aus der Mittelschicht, vor allem bei Selbstständigen ist sie stark. Forsa-Chef Güllner bescheinigt der AfD zudem, von einem Milieu gewählt zu werden, das als rechtspopulistisch bis rechtsradikal bezeichnet werden könne.

Ein ähnliches Schicksal wie die Piraten?

Hier liegt das Hauptrisiko für die AfD, am Ende ein ähnliches Schicksal wie die Piraten zu erleiden. Zwar verfügen die Rechtskonservativen über erfahrene Politprofis: Brandenburgs Parteichef Alexander Gauland leitete unter CDU-Ministerpräsident Walter Wallmann die Hessische Staatskanzlei und war später Zeitungsherausgeber der Märkischen Allgemeinen; Medienchef Christian Lüth war in der FDP Büroleiter und wurde von Dirk Niebel ins Entwicklungsministerium geholt. Ex-Arbeitgeber-Funktionär Hans-Olaf Henkel will die AfD in seiner Heimat Hamburg ins Parlament bringen.

Doch zugleich stehen immer wieder AfD-Funktionäre unter dem Verdacht, mit rechtsradikalen Ideen zu sympathisieren. Allein in Brandburg stehen vier der elf neuen Landtagsabgeordneten wegen früherer Mitgliedschaften in rechtspopulistischen oder rechtsextremen Parteien in der Kritik. Fraktionschef Gauland verteidigt sie mit den Worten: „Ich habe mich auch viel geirrt in meinem politischen Leben.“

AfD-Gründer Bernd Lucke wehrt sich stets scharf gegen den Vorwurf, seine Partei sei „rechtspopulistisch“. Allerdings deuten Personalien wie in Brandenburg darauf hin, dass sich längst ein solcher Flügel bildet, der die AfD ähnlich wie viele bürgerliche Protestparteien eines Tages in den Abgrund reißen könnte.

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Ein Artikel von
Michael Pohl

Augsburger Allgemeine
Ressort: Politik



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