Seit anderthalb Wochen besetzen 30 Senioren die alte Erich-Mielke-Villa in Berlin. Dort treffen sie sich seit Jahren, das Zentrum soll schließen. Die rüstigen Rentner rebellieren. Von Philipp Schröders



Renate Kelling hat grau-blonde Haare, ist 74, im Ruhestand – und Hausbesetzerin. Das macht sie zum ersten Mal in ihrem Leben. Vor zwei Wochen gab die Rentnerin noch jede Woche Sport- und Fitnesskurse im Seniorentreff „Stille Straße“. Doch weil das Freizeitzentrum dichtgemacht werden soll, beschloss sie, ihren beschaulichen Rentneralltag aufzugeben und mit etwa 30 anderen Senioren den beliebten Treff zu besetzen.
Pankow. Wie in vielen anderen Bezirken Berlins ist das Geld hier knapp. Im Mai entschied die Bezirksverordnetenversammlung daher, den Seniorentreff zu schließen. Sozialstadträtin Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD) bezifferte die Kosten für das Haus auf 60.000 Euro. Zudem müsse die alte Villa saniert und nach gesetzlichen Vorgaben barrierefrei umgestaltet werden. Das Haus hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Der gefürchtete Stasi-Chef Erich Mielke wohnte hier in den 1950er Jahren mit seiner Familie. Später nutzte die Stasi die Villa als Dienstobjekt. Die Verwaltung denkt, dass für die Sanierung zwei Millionen Euro gebraucht werden.
Allerdings hat der Bezirk die Rechnung ohne die Senioren gemacht, die den Treff regelmäßig besuchen. Insgesamt 300 ältere Pankower spielen hier Schach, machen Gymnastik, Gedächtnistraining, lernen Fremdsprachen und treffen sich zum Kaffee. Seit anderthalb Wochen hat sich nun ein harter Kern von rund 30 Rentnern in der Villa eingenistet. „Wir mussten einfach etwas tun“, sagt Kelling.
Im Eingangsflur steht sie vor einer großen Pinnwand. In einem Kalender sind Termine wie „Besuch von der Rechtsberatung“ vermerkt. Auf langen Listen stehen Zeitungen und Fernsehsender, die sich zum Besuch angemeldet haben. Es herrscht ein Kommen und Gehen. Ein Filmteam stürzt sich auf eine Seniorin in einem grauen Kleid. Eine Nachbarin schaut vorbei, um zu fragen, wie sie helfen kann. „Tragen Sie sich in das Unterstützungsbuch ein“, sagt ein älterer Herr mit Glatze und weist auf den Küchentisch.
„Es ist einfach toll, dass so viele Leute uns helfen wollen“, sagt Kelling. Inzwischen kämen sogar Touristen vorbei, um ihre Solidarität zu bekunden. Nur der Besuch der Bezirksvertreter letzten Donnerstag war für die Senioren enttäuschend. Der Vorschlag, die Kurse des Treffs an verschiedenen Einrichtungen in der Umgebung weiterzuführen, ist für die Senioren keine Alternative. „Das würde die Gemeinschaft auseinanderreißen“, sagt Kelling. Viele kämen aus der Nachbarschaft und seien zu wenig mobil, um quer durch den Bezirk zu fahren. Auch das Argument Barrierefreiheit zählt für Kelling nicht. „Die letzten 15 Jahre ist das doch auch ohne gegangen.“ Eine Einigung ist nicht in Sicht, zudem macht der Pankower Bürgermeister Urlaub. „Der kommt erst Dienstag wieder zurück, mal schauen.“ Heute ist Dienstag.
Die Senioren haben sich sichtlich auf eine längere Besetzung eingestellt. Küchendienst, Putzdienst, Telefondienst, Ansprechpartner für die Presse – alles ist durchorganisiert. In der Villa herrscht mehr Planwirtschaft als Anarchie. Die meisten der grauhaarigen Besetzer sind Frauen aus der ehemaligen DDR. Kelling ist sehr stolz auf ihre Mitstreiterinnen. „Wir Frauen aus der DDR waren immer berufstätig“, sagt sie selbstbewusst. Immer sechs Leute verbringen nun die Nächte im oberen Stockwerk der Villa.
Ingrid Pilz hat ihr Lager im Bridge-Raum aufgeschlagen. Nachts schläft sie auf einer Pritsche aus Metall. „Mein Mann passt auf unsere Wohnung auf“, sagt sie. Die zarte 76-Jährige trägt ein rosa Oberteil und eine Perlenkette. Vor acht Jahren ist sie nach Berlin gezogen. Anfangs fand die pensionierte Buchhalterin keinen Anschluss. „Bei uns im Haus wohnen 17 Mietparteien, ich habe keinen Überblick darüber, wer da überhaupt wohnt und wer nur zu Besuch ist.“
Bei einem Spaziergang durch Pankow kam sie zufällig an dem Seniorentreff vorbei. Bald besuchte sie regelmäßig den Gymnastikunterricht. „Ich freue mich, hier immer dieselben Gesichter zu sehen, und die freuen sich, mich zu sehen.“ Dann geht sie schnell in die Küche und rührt in einem großen Topf Gulasch. Die Senioren haben sich über die Rechtslage genau informiert. Theoretisch hätte der Bezirk das Recht, die Villa zwangsräumen zu lassen. Pilz ist jedoch nicht beunruhigt: „Nein, wir geben nicht auf. Wir bleiben bis zum Schluss.“
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