Freitag, 18. August 2017

16. Oktober 2014 14:07 Uhr

Augsburg

Die dunkle Seite eines Kinderarztes

Harry S. ist ein engagierter Augsburger Mediziner. Kollegen schätzen ihn. Doch jetzt gibt es einen schrecklichen Verdacht: Er soll kleine Buben entführt und missbraucht haben. Von Holger Sabinsky-Wolf und Jörg Heinzle

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Im August fahndete die Polizei im niedersächsischen Garbsen mit Flugblättern nach einem Mann, der einen Fünfjährigen in seinen Geländewagen gelockt und später missbraucht hatte.
Foto: Peter Steffen, dpa

Niemand in der Nachbarschaft ahnt etwas, als am Dienstagabend gegen 18 Uhr im Augsburger Herrenbachviertel die Polizei anrückt. Die Beamten der Kriminalpolizei fackeln nicht lange. Sie klingeln in der Erhart-Kästner-Straße an der Tür eines Reihenhauses und nehmen einen 39-jährigen Mann fest. Es ist Dr. Harry S. Der Kinderarzt ist ein jovialer, beliebter Typ. Bis vor einem Jahr arbeitete er am Augsburger Klinikum als Funktionsoberarzt. Und er engagiert sich ehrenamtlich beim Kreisverband Augsburg-Stadt des Roten Kreuzes. Er sitzt als Chefarzt im Vorstand des Roten Kreuzes, als Notarzt rettet er Leben. Doch der angesehene Mediziner hat offenbar noch eine geheime, dunkle Seite.

Was die Ermittler der Kripo über ihn herausgefunden haben wollen, gleicht dem Blick in einen Abgrund. Der Kinderarzt Harry S. soll in mindestens vier Fällen kleine Jungen im Alter zwischen vier und sieben Jahren massiv sexuell missbraucht haben. Was die Ermittler schildern, klingt nach Szenen aus einem schlechten Kriminalroman: Mit Versprechungen lockte er demnach die Kinder in Wohnungen oder Kellerräume und verging sich dort an ihnen. Zwei der Fälle haben sich nach Angaben der Ermittler vor Kurzem, im Juli und August, in Augsburg ereignet.

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Der bisher gravierendste Übergriff aber soll am 18. August in Garbsen bei Hannover passiert sein. Harry S. arbeitet seit 1. September 2013 als Assistenzarzt an der Medizinischen Hochschule der niedersächsischen Landeshauptstadt. Den Ermittlungen und dem Haftbefehl zufolge geschieht an jenem Montag im August Folgendes: Der fünfjährige Jayden fährt mit seinem blau-roten Kinderrad, Marke Puky, im Ortsteil Berenbostel die Liebermannstraße entlang. Die Gegend dort ist ein sozialer Brennpunkt. Gegen 13 Uhr, so die Ermittlungen der Polizei, radelt der kleine Jayden an einer Parkbucht vorbei, in der ein champagnerfarbener Geländewagen steht. Der Fahrer spricht den Buben an und lockt ihn mit Legosteinen ins Auto. Der Kleine steigt ein, der Wagen fährt davon.

Mutter meldet Sohn als vermisst

Kurze Zeit später meldet Jaydens Mutter ihren Sohn als vermisst. Sie weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, was mit ihrem Kind geschehen ist. Nach Informationen unserer Zeitung betäubt der Täter den Fünfjährigen mit einer Flüssigkeit, wahrscheinlich Äther, und bringt ihn in seine Wohnung. Dort missbraucht er das Kleinkind massiv. Wie es heißt, macht er auch Aufnahmen von dieser Tortur. Zwei Stunden später fällt einer Mutter vor der Gesamtschule Vahrenheide-Sahlkamp auf, wie ein Mann aus einem Geländewagen einen kleinen Buben aussteigen lässt und ihn völlig benommen an eine Hauswand setzt. Dort lässt er das Kind zurück und fährt einfach davon.

Der Mann, der zu dieser Tat fähig war, soll Dr. Harry S. aus Augsburg sein. Der Mann, der beruflich für das Wohl von Kindern arbeitet. Der Mann, der bei Kollegen als kompetent und engagiert bekannt ist. In seiner Eigenschaft als Arzt äußert er sich immer wieder besorgt über das Wohl von Kindern. In einem Interview mit unserer Zeitung spricht er über den Trend des Komasaufens und beklagt, dass Eltern nicht genug auf ihre Kinder aufpassen. „Es gibt Eltern, denen scheint es egal zu sein, was ihre Kinder machen“, sagt S. damals. Bei einem Vortrag vor Helfern des Rotes Kreuzes erinnert er daran, wie wichtig es sei, jedes Anzeichen von Kindesmisshandlung den Behörden zu melden.

Zunächst tappt die Polizei im Dunkeln

Ging es ihm wirklich um das Wohl der Kinder? Oder war es nur Fassade? Die Ermittler sind inzwischen überzeugt, dass der Kinderarzt zum Kinderschänder geworden ist. Diese Erkenntnisse haben Polizei und Staatsanwaltschaft aber noch nicht sehr lang. Erst einmal tappten sie nach den Übergriffen noch im Dunkeln.

In München, wo Harry S. offenbar im Juni 2012 einen Vierjährigen in eine Tiefgarage lockt und ihn dort zu Oralsex zwingt, kommt die Polizei zunächst nicht weiter. Auch bei den beiden Übergriffen auf Jungen in Augsburg in diesem Sommer haben die Ermittler zunächst keine heiße Spur. Hier lockt der Täter die Kinder in Kellerräume. Die Polizei in Hannover setzt eine 20-köpfige Ermittlungsgruppe „Puky“ ein, benannt nach dem Kinderrad, auf dem Jayden unterwegs war. Intensiv wird gefahndet. Jedem Zeugenhinweis wird nachgegangen. Polizeibeamte gehen durch die Straßen und verteilten Zeugenaufrufe.

Zunächst vergebens. Der Fall beschäftigt die Behörden und die Öffentlichkeit im Raum Hannover über viele Wochen. Eltern haben Angst, ihre Kinder draußen spielen zu lassen. Doch den Fahndungserfolg gibt es offenbar erst, als die Ermittler sich mit Kollegen in München und Augsburg vernetzen. Profiler der Operativen Fallanalyse aus München kommen zum Einsatz. Mobilfunkdaten werden ausgewertet. Über die Handy-Ortung kommen die Ermittler Dr. Harry S. auf die Spur. Wie sich herausstellt, ist er sowohl in einer Zwei-Zimmer-Wohnung im angenehmen Hannoveraner Stadtteil List gemeldet als auch im Elternhaus in einer bürgerlichen Adresse in Augsburg.

DNA-Analyse ist das letzte Puzzlestück

Eine DNA-Analyse ist für die Ermittler das letzte Puzzlestück. Bei einem der Fälle kann die Spurensicherung Genmaterial des Täters sichern. Sofort nach der Festnahme wird die Spur mit dem Erbgut von Harry S. verglichen. Ein Volltreffer. Der Kinderarzt sitzt jetzt in seiner Heimatstadt Augsburg in Untersuchungshaft. Er schweigt. Auch sein Verteidiger Ralf Schönauer will sich derzeit nicht äußern.

Beim Roten Kreuz reagieren die Kollegen entsetzt, als sie von seiner Verhaftung erfahren. Ein Helfer sagt, er kenne Harry S. seit zwei Jahrzehnten. Nichts habe darauf hingedeutet, dass er ein Doppelleben führe. Der Arzt sei hilfsbereit gewesen, er gehörte zu den Aktivposten. Er ist nicht verheiratet und hat keine Kinder – deshalb wunderte sich niemand darüber, dass er viel Zeit für sein Engagement opferte. Als die Ermittlungen gegen S. bekannt werden, tilgt das Rote Kreuz sofort seinen Namen und sein Foto von der Internetseite. Der Arzt sei bis zur Klärung der Vorwürfe von seinem Amt im Vorstand entbunden worden, sagt BRK-Geschäftsführer Michael Gebler.

Auch am Augsburger Klinikum reagieren ehemalige Kollegen fassungslos. Er war dort als Mitglied eines Teams auf der Intensivstation tätig. Eine Sprecherin der Klinik sagt, er habe vermutlich keine Möglichkeit gehabt, längere Zeit mit einem Patienten alleine zu sein. In Hannover äußert sich die Klinik ähnlich. Die Ermittler gehen derzeit trotzdem noch der Frage nach, ob es auch in der Klinik Übergriffe gab. Hinweise darauf hat die Polizei aber bisher nicht.

Die Familie des missbrauchten Jayden aus Berenbostel ist froh, dass der mutmaßliche Peiniger des Jungen jetzt gefasst ist. Sein Opa Michael Prusiecki sitzt am Donnerstag mit Bekannten in seiner Stammkneipe. Ganz in der Nähe wurde Jayden entführt. Er sagt: „Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ein Kinderarzt damit etwas zu tun hat.“ Der Junge ist in psychologischer Behandlung. Man sehe ihm äußerlich nichts an. Die Narben an der Seele aber, sie werden wohl bleiben.

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