Sonntag, 19. November 2017

15. November 2017 06:52 Uhr

Porträt

Diplomat Jean Asselborn: Der hemdsärmelige Luxemburger

Jean Asselborn ist Europas dienstältester Außenminister und ein Freund klarer Worte. Auch privat sucht er Jahr für Jahr eine spezielle Herausforderung.

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Jean Asselborn hatte angesichts der Flüchtlingskrise vor einem Zerfall der Europäischen Union gewarnt.
Foto: Julien Warnand, dpa (Archiv)

Die Bereitschaft, Tacheles zu reden, gehört üblicherweise nicht zum Anforderungsprofil eines Außenministers. Und doch macht genau diese Fähigkeit Jean Asselborn zu einem der beliebtesten Außenamtschefs der Europäischen Union. Der 68-jährige Sozialdemokrat hat dieses Amt in Luxemburg seit 2004 inne und ist damit der dienstälteste Chefdiplomat Europas.

Diplomatische Zurückhaltung ist seine Sache nicht. So attackierte er vor dem EU-Gipfel in Bratislava 2016 die Budapester Regierung mit den Worten: „Wer wie Ungarn Zäune gegen Kriegsflüchtlinge baut oder die Pressefreiheit und die Unabhängigkeit der Justiz verletzt, der sollte aus der EU ausgeschlossen werden.“ Seinem österreichischen Kollegen Sebastian Kurz, einem Verfechter einer rigiden Zuwanderungsbegrenzung, hielt er in einem Interview entgegen: „Man kann das Mittelmeer nicht schließen.“

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Juncker holte Asselborn 2004 in seine Regierung

Asselborn wurde 1949 im luxemburgischen Steinfort geboren. Zunächst arbeitete er beim Reifenhersteller Uniroyal in seinem Geburtsort, engagierte sich in der Gewerkschaftsbewegung und zog in den Stadtrat von Luxemburg ein. Über Abendkurse holte er später das Abitur nach und übernahm als Verwaltungschef die Leitung des Krankenhauses von Steinfort. Anschließend studierte er Jura, wurde Bürgermeister und wechselte 1984 in die Abgeordnetenkammer. 2004 holte ihn der damalige Premier Jean-Claude Juncker in seine Regierung.

Außenminister eines kleinen Großherzogtums mit rund 582.000 Einwohnern – das klingt nicht nach einem gewichtigen Posten. Und doch gilt Asselborn heute als ein Schwergewicht im Kreis seiner europäischen Amtskollegen und zu Hause. Dass sein Land wegen seiner Steuerabsprachen mit Großkonzernen ins Gerede gekommen ist, habe ihn tief getroffen, gesteht er – und tritt zugleich als derjenige auf, der für die Reumütigkeit seiner Regierung auf Goodwill-Tour ist. Es ist sein Verständnis vom Ringen für diese EU, deren wachsende Probleme und deren Unfähigkeit zur Lösung er als große Bedrohung sieht. Gleich mehrfach warnte er öffentlich davor, das Erreichte für zu selbstverständlich zu halten.

Asselborn fährt Etappen der Tour de France nach

Wer Asselborn persönlich erlebt, schätzt die sympathische Hemdsärmeligkeit des Luxemburgers. Den Garten seines Hauses, das er mit seiner Frau bewohnt, pflegt er selbst. Und wenn der Rasenmäher gerade nicht anspringen will, verflucht er den auch schon mal vor einer laufenden Fernsehkamera. Nur wenige wissen, dass der Außenminister ein begeisterter Radsportler ist, der Jahr für Jahr eine der besonders herausfordernden Etappen der Tour de France in den französischen Pyrenäen nachfährt. Freundschaften pflegt er gerne, notgedrungen aber meist per Telefon. Einer, der den Außenminister gut und lange kennt, erzählt schmunzelnd, dass Asselborn sich gerne mit dem Satz meldet: „Jean Asselborn, ich bin gerade in...“

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Ein Artikel von
Detlef Drewes

Augsburger Allgemeine - Redaktion Brüssel
Ressort: Politik



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