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22. Februar 2012 12:00 Uhr

Olympische Spiele

Einsamer Kämpfer

Robert F. Cooke verkauft Fleischpasteten im Londoner Arbeiterbezirk East End. Nun vertreiben Investoren seine alten Kunden

London Mit Wucht bekommen Ostlondoner die ersten Auswirkungen der Olympischen Spiele zu spüren: Die Mieten explodieren, Yuppie- Cafés boomen, das große Geld zieht ein. Nur ein unbeugsamer Pastetenbäcker will nicht mitmachen bei der viel gelobten Regeneration des Schmuddelviertels: Robert Cooke, 64, schwört weiter auf Hausmannskost nach Rezepten vom Uropa.

„Früher, da ging nebenan die Werkssirene zur Mittagspause und dann standen die Mädchen hier Schlange für Aal in Aspik“, sagt Robert Cooke. Er weiß schon, was jetzt kommt: Die Leute heute verziehen das Gesicht, wenn sie „Aal“ hören. Also hievt er sich mühsam von der harten Holzbank hoch und schlurft hinter die Theke. Mit einem Eimer voll Fisch in Glibbermasse kommt er wieder. „Ein echter Leckerbissen“, preist er die Malocher-Speise etwas defensiv an, „manchmal fragen die Kunden noch danach.“ Wobei die meisten Passanten hier am Broadway Market mittlerweile anders ticken. „Sie sind keine Fleischpasteten-Esser mehr“, bemerkt er. Ein Satz, dessen schlichte Beiläufigkeit über die gewaltigen Umwälzungen in einer der ärmsten Regionen Großbritanniens hinwegtäuscht.

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Cooke hat in letzter Zeit ziemlich schicke Nachbarn bekommen: Nebenan vermietet ein Edel-Makler Mini-Lofts im Olympiabezirk Hackney für 4600 Euro. Pro Woche. Bagger ziehen Verkehrsinseln ein, damit Londons coole Hipster durch die neuen Boutiquen, Antikläden und teuren Kuriositäten am Broadway Market bummeln können. Durch die Tür von Cookes „Pie and Mash“-Laden blinzeln sie höchstens kurz: Das weiß geflieste, schmucklose Ladenlokal wirkt wie ein Museum vergangener Tage. Zuflucht suchen hier nur noch Gäste, für die Fleischpasteten nach Kindheit und verlorener Heimat schmecken.

Seit 1900 backen die Cookes hier nach dem gleichen Rezept: Mit Margarine, Mehl und kaltem Wasser rühren sie im Hinterhof den Teig an, geben ihn in Formen, füllen Gehacktes und Sauce hinein und legen einen Teigdeckel drüber. Eine Viertelstunde kommt die Kultspeise in den Ofen, das war es schon.

Die Pies waren einst mit Aal statt mit Rindfleisch gefüllt – in einer Zeit, in der Londons Themse reich war mit den dünnen, schwarzen Fischen. „Heute gibt es in der Themse keine Aale mehr“, sagt Cooke. Und Malocher? Der Pastetenbäcker der vierten Generation sagt: „Es gibt ja keine mehr, die Alten sind ins Grüne gezogen und die Fabriken haben dichtgemacht.“

Von acht Metzgern am Broadway Market ist ein einziger übrig geblieben, das Busdepot, die Schreiner, Drechsler und die Chemiefabrik haben dichtgemacht. Waren ein Drittel der Londoner in den sechziger Jahren noch Arbeiter und nur zehn Prozent Finanzjongleure, ist das Verhältnis heute umgekehrt. So hat das Siechtum des Londoner Ostens lange vor dem Zuschlag zu den Olympischen Spielen begonnen. Doch seitdem ist das nahende Sportspektakel der stärkste Katalysator für den Wandel im East End.

Cooke bekommt deutlich zu spüren, wie sehr die Cuisine des Ostens mit der Kultur Londons verwoben ist. Den ersten Pastetenladen, 1862 von seinem Urgroßvater an der berühmten Brick Lane eröffnet, hat die Familie später an chinesische Einwanderer verkauft. 1900 machte Cookes Opa die seitdem unveränderte Filiale am Broadway Market auf. Die Straße war damals nicht viel mehr als eine Route, auf der Bauern ihre Kühe von den Weiden am Stadtrand zu den Schlachthöfen trieben. Jetzt blickt Robert Cooke mit gemischten Gefühlen auf das letzte Kapitel der Geschichte.

Neue Zugstrecken haben den wilden Osten für Touristen urban gemacht, große Investoren ziehen Wohnungen und Bürotürme hoch. Es kommt eine neue Welle an Zuwanderern: die Wohlhabenden. Die alten Bewohner und Händler im Viertel werden durch Mieterhöhungen aus der Stadt gedrängt. „Ich könnte mein Haus für sehr viel Geld verkaufen“, sagt der 64-Jährige, „aber das mache ich nicht.“ In der Wohnung über dem Ladenlokal wurde Cooke geboren. „Und hier werde ich sterben, entweder hinter der Theke oder in der Backstube.“

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