Donnerstag, 17. August 2017

12. August 2015 14:57 Uhr

Hamburg

Einst ein Symbol des Widerstandes: Die Rote Flora wandelt sich

Seit 1989 besetzen linke Aktivisten ein Hamburger Gebäude. Sie lassen es herunterkommen. Es ist ein Symbol des Widerstandes. Doch plötzlich ändert sich alles. Von Jan-Henrik Dobers

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So kennt man die Rote Flora: Ein Gebäude in heruntergekommenem Zustand und davor Auseinandersetzungen zwischen linken Aktivisten und der Polizei.
Foto: Malte Christians/dpa

An diesem schwülen Sommerabend tropft der Schweiß nur so von der modrigen Decke. Nach links und nach rechts bleibt kaum Platz, sich zu bewegen. Eine zierliche junge Frau hüpft im Takt vor der Bühne so hoch, als wolle sie gleich abheben. Eine Klimaanlage oder Fenster existieren in diesem Raum nicht. Vorne gibt Hip-Hop-Star Jan Delay mit seiner Band „Beginner“ noch einmal alles. Bis seine Stimmbänder kapitulieren.

Es ist ein Abend im August 2014. Das Hamburger Schanzenviertel bebt, als die linke Szene 25 Jahre „Rote Flora“ feiert. In einem Gebäude, das zu den am längsten besetzten Häusern Deutschlands gehört. Über 8.000 Menschen sind zu dem heruntergekommenen autonomen Kulturzentrum geströmt. Nur 300 finden drinnen Platz. Partystimmung an einem Ort, der auch mit vielen hässlichen Momenten in Verbindung steht.

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Weihnachten 2013: Krawalle mit hunderten Verletzten

Unzählige Auseinandersetzungen mit der Polizei haben hier ihren Ausgang genommen. In Erinnerung ist vor allem Weihnachten 2013. Da kam es zu üblen Krawallen mit hunderten Verletzten, weil der damalige Hausbesitzer die Räumung angedroht hatte. In der Folge griffen linke Chaoten sogar Polizeiwachen an; das Schanzenviertel und Teile von St. Pauli und Altona wurden zum „Gefahrengebiet“ erklärt. Erst nach neun Tagen mit fast 1000 kontrollierten Personen wurde die Maßnahme wieder aufgehoben.

Um das Grundstück herum, das heute einer städtischen Stiftung gehört, ist es zuletzt vergleichsweise ruhig geworden. Auch an jenem Abend im Sommer 2014 beschränkt sich die linke Szene darauf, ihren Stadtteil, ihre Festung, ihr Symbol des Widerstandes hochleben zu lassen. Es sollte eines der letzten Ereignisse dieser Art werden. Die Rote Flora ist zu dem Zeitpunkt baufällig. Im Inneren des historischen Gebäudes sind die Portale einsturzgefährdet, Treppen nicht mehr begehbar und Fenster kaputt. Die Fassade bröckelt. Seit dem 1. November 1989 leben hier linke Aktivisten und denken gar nicht daran, die ehemalige Villa aufzugeben. Doch wenn alles so bleibt wie bisher, dann wird es das Kulturzentrum nicht mehr lange geben. Das Gebäude droht zu verfallen. So ist die Lage im August vergangenen Jahres.

Die Sanierung der Roten Flora ist eine "Anpassung an das System"

Deshalb ringen sich die Aktivisten dazu durch, der Flora mithilfe von einigen dutzend Freiwilligen ein neues Gesicht zu geben. Ein Plan, der innerhalb der eigenen Szene umstritten ist. Eine Sanierung bedeutet in den Augen vieler Linken eine „Anpassung an das System“, wie sie es nennen. „Wir wollen aber nichts anders machen, sondern manches nur besser“, sagt Klaus Waltke unserer Zeitung. Er ist einer der Sprecher der Flora. Eigentlich heißt er anders, aber Waltke hat Angst vor der Polizei und dem Verfassungsschutz. Der 35-Jährige ist schwarz gekleidet, trägt einen verwaschenen Pullover und hat ein ungepflegtes Gesicht.

Waltke hadert mit den Fragen des Reporters, unterbricht immer wieder und formuliert sie so, wie sie aus seiner Sicht gestellt werden müssten. Er verstehe nicht, beginnt er, wieso die Öffentlichkeit nun denke, dass, wenn die Hausbesetzer die Flora umbauen, alles verändert wird. „Die Flora wünscht sich keine gemäßigten Aktivisten. Wir bleiben radikal“, sagt Waltke.

Radikal zu sein, stand schon immer im Fokus der Besetzer. Aber was ist schon radikal daran, wenn man während der Bauarbeiten jede Woche Besucher zur Inspizierung einlädt? Das gab es noch nie. Wer es zuvor gewagt hatte, einen Weg in das Gebäude zu finden, wurde entweder ruppig abgewiesen oder an Händen und Füßen hinausgetragen. Fremde, die sich trauten, bei Veranstaltungen zu filmen oder zu fotografieren, hatten danach manchmal kein Mobiltelefon mehr. Teilweise wurden auch Telefone zerstört.

Besetzer Waltke: „Wir wollen keine Tagestouristen und keinen Kommerz.“

Nun plötzlich haben sich die Türen geöffnet. Besucher dürfen über die neuen Treppen im Haus spazieren, einen Teil des renovierten Obergeschosses anschauen und einen Blick in die „Vokü“, die Volksküche, werfen, in die Küche für alle. An vielen Stellen, wo es nach frischem Lack riecht, die Wände noch rau sind vom neuen Putz, roch es vorher nach Moder und Dreck. Selbst den von den Aktivisten verhassten „Journalisten der Systempresse“ bot man an, sich die Fortschritte der Bauarbeiten anzusehen.

Alles wirkt wie ein Widerspruch, wenn man die Aussagen der Rotfloristen hört, gleichzeitig aber das Haus und sein Innenleben an Transparenz gewinnen. Besetzer Waltke, der in der Szene seit mehr als zehn Jahren aktiv ist, sagt: „Wir wollen keine Tagestouristen und keinen Kommerz.“ Aber genau diese rucksacktragenden, fotografierenden, neugierigen Menschen dürfen nun viele bislang verborgene Winkel der Flora in Augenschein nehmen. Mit der Wirkung, dass die Besetzer irgendwie selbst die Vermarktung des Schanzenviertels vorantreiben, die sie eigentlich bekämpfen wollten.

Einer, der diese Gegensätze nun miteinander verbindet, ist Christoph Faulhaber. Wer den 43-jährigen Künstler beim Philosophieren unterbricht, erntet einen ernsten Blick aus seinem schmalen Gesicht. Faulhaber lebt für seine Kunst, auch wenn von der manchmal nichts zum Leben bleibt. Jahrelang hat er davon geträumt, eines Tages auf dem Baugerüst der Flora das „Phantom der Oper“ aufzuführen. Ausgerechnet jenes Musical, das die Besetzung des Hauses erst ausgelöst hat.

80er Jahre: Regisseur Kurz erhält die Erlaubnis die Rote Flora abzureißen

Ende der 80er Jahre war das Schanzenviertel noch ein verschlafenes Auffangbecken für Hamburger Hafenarbeiter, die ihre Arbeit verloren hatten und in billigen Wohnungen ihr Dasein fristeten. Gastarbeiter und Migranten eröffneten Imbissbuden und Gemüseläden, und junge perspektivlose Leute, die mit der Gesellschaft abgeschlossen hatten, bastelten an linken Utopien für eine bessere Welt.

Dann kam Friedrich Kurz. Der Musical- und Theaterproduzent wollte 1987 die Flora, das alte Operettenhaus aus dem 19. Jahrhundert, zur Pilgerstätte für Musicalfans machen – eben mit Andrew Lloyd Webbers Erfolgsstück „Phantom der Oper“. Vom Land Hamburg erhielt Kurz sogar die Erlaubnis, das Gebäude abzureißen. Die linke Szene tobte. Aus ihrer Sicht sollte durch aggressives Marketing für Bahntickets und Hotelbuchungen die Flora zum Kommerz verkommen.

Im November 1989 eskalierte der Konflikt. Die Linken fühlten sich angewidert von der Vorstellung neuer Parkplätze, ewigen Lärms und drohender Umstrukturierungen und nahmen das Gebäude ein. Geboren war die „Rote Flora“. In den folgenden Jahren war sie immer wieder Ausgangspunkt für gewalttätige Demonstrationen und Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Künstler Faulhaber darf jetzt das "Phantom der Oper" aufführen

Dass es jetzt Künstler Christoph Faulhaber geschafft hat, das „Phantom der Oper“ genau dort aufzuführen, hat Drehbuchcharakter. Ist das so was wie Ironie des Schicksals? „Dem würde ich nicht widersprechen“, sagt er und schmunzelt. Er spiele gerne mit der Wirklichkeit und hoffe, dass die Menschen zum Nachdenken angeregt würden. „Irgendwie ist es doch so, dass sich die Flora und ‚Das Phantom der Oper‘ in einer Weise bedingen“, sagt Faulhaber. Kurios ist dennoch, dass die Aktivisten ihn bei dieser Vorgeschichte überhaupt gewähren lassen. Die einen sprechen von einer gewissen Grundsympathie, andere davon, dass die ganze Aktion doch eh nur Ironie sei.

Die Idee für das Musical kam Faulhaber, als er eine alte Postkarte mit einem Foto der Flora in jungen Jahren in Händen hielt. Er überlegte sich, das Gebäude mit einer Plane zu verhüllen, welche die Fassade in den 80er Jahren zeigt. Diese Hülle soll nun am Samstag fallen und eine sanierte Fassade zum Vorschein bringen. Ob dann die Schmierereien, Graffiti und Plakatreste noch zu sehen sein werden? Mit Überraschungen muss man dort immer rechnen.

Zehn Darsteller, Studenten der Hochschule für Musik und Theater, werden schließlich auf dem Gerüst das Phantom-Musical aufführen. „Ich möchte mit dem Schauspiel nichts verulken. Die Idee dahinter ist eine versöhnliche“, sagt Faulhaber. Doch eine Versöhnung zwischen Aktivisten und den Verantwortlichen des Kommerzes wird es wohl so rasch nicht geben. Zumindest hält Waltke an seinen Kampfparolen fest, die da lauten: „Wir wiegen uns nicht in Sicherheit gegen den Staat und die Polizei.“

Hamburg behält die gewaltorientierte linke Szene genau im Auge

Auch für die Hamburger Sicherheitsbehörden und Innensenator Michael Neumann (SPD) hat sich die Lage nicht geändert. Neumann sagt unserer Zeitung: „Es ist unwahrscheinlich, dass die jüngst propagierte Öffnung der Roten Flora eine mögliche Öffnung hin zu unserer Demokratie ist.“ Neumann, bekennender Katholik mit festem Händedruck, sind die Autonomen ein großer Dorn im Auge. Als oberster Dienstherr der Polizei blieb seine Behörde gegen die Rotfloristen bislang weitgehend machtlos. Selbst eine 2013 aufgeflogene V-Frau im Milieu konnte diese nicht sonderlich einschüchtern.

„Alles deutet darauf hin, dass die autonome Szene auch künftig den demokratischen Staat ablehnen und dabei weiterhin Gewalt anwenden wird“, sagt Neumann. Aus diesem Grunde behalte der Hamburger Verfassungsschutz die gewaltorientierte linke Szene genau im Auge.

Die Flora ist zwischen hochragenden Jugendstilbauten zum Symbol der Linken geworden. Selbst viele Hamburger, die diese Art von Protestkultur ablehnen, haben sich mit dem Wahrzeichen abgefunden. Doch mit dessen Bekanntheit sind eben auch die Touristen gekommen – und haben Kommerz mitgebracht. So leben die Hausbesetzer heute fast Tür an Tür mit schicken Modeboutiquen. Dort kostet das legere Damen-Oberteil gerne mal 250 Euro aufwärts. Und von der Decke tropft hier gar nichts.

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