Mittwoch, 17. Januar 2018

01. März 2013 11:11 Uhr

Vatikan

Für Benedikt läuft schon die Heiligsprechung

Was vom ersten deutschen Papst seit 482 Jahren nach seinem Rücktritt übrig bleibt: seine innere Freiheit, seine tiefgründige Enzyklika, sein Respekt für die Tradition.

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„Santo subito! – Sofort heiligsprechen!“ Das forderten Hunderttausende auf dem Petersplatz in Rom beim Tod von Papst Johannes Paul II. Sein Nachfolger Benedikt XVI. ist noch am Leben, wenn er das oberste Hirtenamt der katholischen Kirche niederlegt. Ihn heiligzusprechen wird indes ebenfalls subito von verschiedenen Seiten versucht. Benedikt sei „der größte Sohn Bayerns“, sagt der ehemalige Ministerpräsident Edmund Stoiber. Er sei „der bedeutendste Theologe“ seit Menschengedenken, sagt nicht nur der Schülerkreis von Professor Joseph Ratzinger. Er sei auf seine alten Tage „noch liebenswürdiger und noch demütiger“ geworden, sagt der Journalist Peter Seewald, der mehrere Interview-Bände mit Benedikt veröffentlichte.

Starkult und Audienzrummel um den Papst

Was bleibt vom ersten deutschen Papst seit 482 Jahren? Zuerst die beeindruckende Gestalt eines innerlich freien Menschen, der den Mut hatte, das höchste Amt auf Erden abzugeben, weil er altersbedingt seine körperlichen und geistigen Kräfte schwinden sah. Allem Starkult und Audienzenrummel zum Trotz, der ihm sicher auch schmeichelte, stellte Benedikt letztlich den Petrusdienst über seine Person.

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Benedikt fand immer die richtigen Worte

Das Deutsche an Papst Benedikt, das war seine Intellektualität, seine Gelehrsamkeit und der professorale Einschlag in seinen Reden. In seinen Enzykliken, vor allem in „Deus caritas est“ (2006), fand er eine Sprache, die in einfachen Sätzen tief gründete und hohe denkerische Ansprüche stellte. „In einer Welt, in der mit dem Namen Gottes bisweilen die Rache oder gar die Pflicht zu Hass und Gewalt verbunden wird, ist dies eine Botschaft von hoher Aktualität und von ganz praktischer Bedeutung“, führte er sein erstes Rundschreiben ein. Seine Reden indes enthielten zuweilen Passagen, die seinen Gedankengang nicht klar genug zum Ausdruck brachten. Bis heute wird gerätselt, was er konkret mit „Entweltlichung“ meinte, wovon er im Freiburger Konzerthaus während seines dritten Deutschland-Besuchs im September 2011 sprach. Im Bundestag entfachte sein Nachdenken über Rechtsphilosophie zwischen Natur und Vernunft auch keine Begeisterungsstürme.

Der Respekt für die katholische Tradition wird weiterwirken

Benedikt suchte nie den billigen Applaus, auch wenn ihm die Herzen zuflogen – weil das seine bayerisch schlug. Der dialektgefärbte Tonfall, das Schüchtern-Bubenhafte seines Auftretens und das Bodenständige seines Wesens füllten dieses Pontifikat mit einer charakteristischen Regionalität. Anekdoten erzählt man sich freilich kaum über Benedikt. Weiterwirken wird sein Respekt für die katholische Tradition. Obwohl Benedikt seine frühen Theologenjahre auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) zubrachte, wollte er nicht zu den Neuerern gerechnet werden. Manchen harten Bruch mit dem Vorkonziliaren hat er rückgängig gemacht gemäß seiner Doktrin, dass nichts verboten werden dürfe, was einmal erlaubt war. Seine Hoffnung, mit der Wiederzulassung des alten lateinischen Messbuchs die starrsinnigen Traditionalisten in der Pius-Bruderschaft in den Schoß der Kirche zurückzuholen, hat sich allerdings bisher nicht erfüllt. Immerhin rissen in der Kirche keine neuen Gräben auf. In der Ökumene schlug Benedikts Herz zunächst für die Orthodoxie. Nach 1500 Jahren verzichtete er auf den Papsttitel eines „Patriarchen des Abendlandes“ – den die orientalischen Kirchen immer für eine Anmaßung hielten. Ein starkes Zeichen der Annäherung blieb Benedikt freilich versagt. Auch die Protestanten warteten vergeblich auf ein bahnbrechendes ökumenisches Signal.

Sein Verhältnis zum Islam hat er entspannt, zu Protestanten kaum

Immerhin wählte er das Erfurter Augustinerkloster, ein zentraler Gedenkort der Reformation, zur Station seiner Visite und bat sich extra mehr Zeit für die Begegnung mit der evangelischen Kirche aus. Und er würdigte dort Martin Luthers Ringen um einen gnädigen Gott. Aber das kränkende Urteil, Protestanten seien „nicht Kirche im eigentlichen Sinne“, gesprochen noch als römischer oberster Glaubenswächter, hat Benedikt nie abgeschwächt. Aktiv entspannt hat er dagegen sein Verhältnis zum Islam. Nach der etwas blauäugigen Regensburger Rede fanden seine Versöhnungsgesten in der Blauen Moschee in Istanbul weltweite Beachtung.

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Ein Artikel von
Alois Knoller

Augsburger Allgemeine
Ressort: Kultur und Journal



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